Droht Deutschland die Ladehemmung?

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Droht Deutschland bei der Elektro-Infrastruktur ein ähnliches Debakel wie beim Ausbau der Mobilfunknetze? Eine neue Studie beschreibt ein drohendes Zwei-Klassen-Szenario für das Jahr 2030.

Die Deutsche Energie-Agentur (dena) hat eine Studie in Auftrag gegeben, um den zukünftigen Bedarf an privaten bzw. öffentlichen Ladeplätzen für Elektroautos in Deutschland zu ermitteln. Hier die wichtigsten Ergebnisse:

Die Nationale Plattform Zukunft der Mobilität (NPM) geht in den ersten Jahren der Marktentwicklung der Elektromobilität davon aus, dass 60–85 % der Ladevorgänge im privaten Umfeld und 15–40 % im öffentlichen Raum stattfinden werden. Aus Sicht des VDA wird das Verhältnis von privater zu öffentlicher Ladeinfrastruktur zukünftig 60–70 zu 30–40 % betragen.

Markthochlauf der Elektro-Pkw (BEV und PHEV) bis 2030 im BDI-Klimaschutzszenario / Quelle: dena / Prognos

Auch der Masterplan Ladeinfrastruktur der Bundesregierung nimmt Bezug auf die Prognosen der NPM und hat zum Ziel, in den kommenden zwei Jahren 50.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte sowie 1.000 Schnell- ladestandorte zu errichten.

Gründe für den zurückhaltenden Ausbau von Ladepunkten:

  • finanziell wenig attraktive Geschäftsmodelle
  • mangelnder Zugang zu geeigneten Standflächen
  • bürokratische Hürden / Genehmigungszeiträume
  • fehlende Elektroinstallationen in Wohnhäusern/Anlagen

Obwohl die Studie zu dem Ergebnis kommt, dass es bis zum Jahr 2030 möglich wäre, den Ladestrombedarf der Bevölkerung weitestgehend durch private Lademöglichkeiten zuhause oder am Arbeitsplatz abzudecken, empfehlen die Autoren einen begleitenden Ausbau an öffentlichen Ladepunkten. Denn der Zugang zu Lademöglichkeiten für die Bevölkerung sei ungleich verteilt.

Engpässe im Ballungsraum

Gerade Bewohner in Gebäuden mit drei Wohnungen oder mehr, verfügten oft über keinen eigenen Stellplatz für ihr Fahrzeug. Bereits in den frühen 2020er-Jahren fehlen regional mehrere Tausend potenzielle Stellplätze mit Ladeinfrastruktur (2022: ca. 3.000, 2025: ca. 12.000–16.000).

Im Zeitraum von 2025 bis 2030 steigt dieser Wert im schlechtesten Fall auf bis zu 1,1 Mio. Stellplätze. Bis 2030 kann in dem Szenario mit erhöhten Kosten in den meisten Landkreisen Deutschlands bei Gebäuden mit drei Wohnungen und mehr mit einem kritischen Verhältnis von privater Ladeinfrastruktur zu zugelassenen Elektrofahrzeugen gerechnet werden. 

Art des Fahrzeugstellplatzes zu Hause nach Raumtyp / Quelle: dena

E-Autos für Mieter ohne Lademöglichkeit unattraktiv

Gerade für potenzielle Elektrofahrzeugbesitzer in Wohngebieten ohne Stellplatz, mit angemietetem Stellplatz oder Stellplatz in einer Wohneigentümergemeinschaft (WEG) wird der Aufbau einer ausreichenden, öffentlich zugänglichen Ladeinfrastruktur ein wesentliches Entscheidungskriterium bleiben.

Wesentlich wichtiger für den Elektrofahrzeugabsatz ist aus Sicht der Autoren, einen langfristigen, konsistenten Rahmen für den Verkehr zu entwickeln, der einerseits die Nutzung hocheffizienter Fahrzeuge sowie emissionsarmer (erneuerbarer) Energieträger belohnt und zeitgleich Kauf und Haltung von emissionsintensiven Fahrzeugen unattraktiver macht. Norwegen und die Niederlande zeigen auf, dass solch ein Rahmen, gepaart mit einem attraktiven privaten, halböffentlichen und öffentlichen Ladenetz, eindrückliche Erfolge im Markthochlauf der Elektromobilität erzeugen kann. 

Handlungsempfehlungen

  • Aufbau eines Grundnetzes an Ladepunkten in dicht besiedelten Wohngebieten
  • Planung und Errichtung öffentlicher Ladepunkte auf Basis der geplanten Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen
  • Überarbeitung der rechtlichen Rahmenbedingungen
  • Förderung privater Ladeinfrastruktur