Mit Hybris und Arroganz in den Untergang

Am ersten Tag der IAA im Jahr 2015 sah die Welt für die Autohersteller sehr gut aus. VW präsentierte sich den Medien der Welt und berichtete stolz, wie sauber die neuen Diesel seien. Vier Tage späte gab Volkswagen dann zu, die Abgaswerte einiger Dieselfahrzeuge manipuliert zu haben. Und damit begann die Demontage der Autoindustrie, die dank ihrer eigenen Lügen und arroganten Haltung im Ansehen scheinbar nur noch knapp vor einem Stromerzeuger liegen, der mit aller Gewalt ein kleines, idyllisches Wäldchen abholzen lassen will.

Mittlerweile ist klar, dass die gesamte Autoindustrie mehr als ein Jahrzehnt kommende Probleme verdrängt hat. Man ignorierte, dass die EU die Emissionswerte verschärfte, und versuchte das Problem entweder mit Manipulationen oder kreativen Auslegungen der Rechtslage zu umgehen. Man ignorierte die Elektromobilität, weil man offenbar daran glaubte, dass die weltweiten Ölreserven unendlich seien. Und man ignorierte, dass die Metropolen und ihre Einwohner vor lauter Autos auf den Straßen sich nicht mehr bewegen konnten. Die Durchschnittsgeschwindigkeit, mit der man sich zum Beispiel in London bewegt, liegt mittlerweile unterhalb jener, die man in den 1920er Jahre hatte. 

Gleichzeitig formiert sich ein Großangriff anderer Mobilitätsanbieter wie Uber oder Lyft und ein genereller Angriff auf den Individualverkehr. In China wächst eine Autoindustrie ran, die von Staats wegen auf Nachhaltigkeit und Elektromobilität getrimmt wird und nicht nur langsam aufholt, sondern in manchen Bereichen die deutsche Autoindustrie schon überholt hat. So stammen von den weltweit rund 180.000 E-Bussen rund 170.000 aus chinesischer Produktion. 

Doch statt ein bisschen Demut und „Ärmel hochkrempeln“ kommt ausgerechnet von VW Chef Diess eine beleidigte Rede. Das Auto werde unfair behandelt und angegriffen, sagte er und fügte gleich die Drohung hinter her, dass ein solcher Angriff mehr als 100.000 Arbeitsplätze kosten würde. Anders ausgedrückt fordert Diess ein „Weiter so“ garniert mit ein paar E-Autos als grünes Deckmäntelchen. 

Neue Technologien verändern die Märkte schnell. Das könnte die Autoindustrie aus der eigenen Geschichte lernen. 1910 gab es in Deutschland und Österreich-Ungarn noch rund 150 Kutschenhersteller. Zwanzig Jahre später waren es gerade mal circa 20 Hersteller. Obwohl diese Hersteller den aufstrebenden jungen Automarken im Karosseriebau um Welten überlegen waren, überlebten sie die damalige Verkehrswende nicht, weil sie es versäumten, an ihre Kutschen einen Motor dran zu basteln. 

Genauso wird es der Autoindustrie gehen, wenn sie nicht aufhört sich zu beschweren statt zu modernisieren, und wenn sie ihre Aktionäre nicht darauf einstellt, dass wegen der Umstellung auf andere Verkehrskonzepte auch mal magere Jahre auf sie zukommen. Wenn VW & Co glauben, dass sich die Welt weiter nur um sie dreht, wenn sie glauben, dass Politik und Öffentlichkeit die Lügen vergessen, dann werden sie schneller untergehen, als jeder Kutschenhersteller vor 100 Jahren. 

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Technologie, Internet und Mobilität sind Themen die mich und mein Leben antreiben. Als Journalist schreibe ich regelmäßig über diese Themen für die bekanntesten deutschsprachigen Magazine und Zeitungen. Dabei geht es vor allem um die Zukunft der Mobilität in unserer Welt. Elektrifizierung, Autonome Fahrzeuge, Carsharing, und die Wirtschaft um diese Themen werden von mir seit Jahren begleitet und kritisch beschrieben. Als einer der ersten Journalisten in Deutschland, habe ich mit CEOs aus der Mobilitätsbranche über Veränderungen und Herausforderungen gesprochen. Die Fragen, wie wir unsere Zukunft nachhaltig mobil halten, welche Unternehmen für die Veränderungen bereit sind, welche Herausforderungen und Gefahren auf uns warten, habe ich in vielen Artikeln und Analysen beschrieben.