Elektro-Tinder (Der Elektrische Reiter Teil 5)

„Und, zufrieden?“ Ist das neue „Hast du mal Feuer?“

Eine der schönsten Begleiterscheinungen der Elektromobilität ist das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der noch überschaubaren Elektroautofahrer-Community. Am deutlichsten spürt man das, wenn man sein Auto an einer öffentlichen Ladestation auflädt. In vielen Fällen hat man den Stecker noch gar nicht platziert, da kommt man mit seinem Nachbarn schon ins Gespräch. Elektromobilität als Partnerbörse: „Und, zufrieden?“ Ist das neue „Hast du mal Feuer?“.

Emobilfahrer gehören zu den entspanntesten Autofahrern, die ich kenne. Woran das liegt? Manche sagen, es liegt an den regelmäßigen Ladepausen, die spürbar positiven Einfluss auf das Gemüt haben. Andere vertreten die Meinung, Elektroautofahrer sind grundsätzlich aufgeschlossenere und umgänglichere Menschen. Seit diesem Jahr selbst stolzer Besitzer eines Elektroautos bin ich natürlich vom Letzteren überzeugt!

“Das ist die Zukunft!”

Mein erster Charging-Buddy überhaupt war Ahmed. Wir sind uns an der Raststätte Aichstetten begegnet. Sein Tesla Model X sei sein ganzer stolz, so Ahmed. Wir trinken Kaffee während unsere Autos laden. „Ich verstehe nicht, warum Ihr Deutschen nicht führend seid auf dem Gebiet der Elektromobilität“ erzählt er. „Das ist die Zukunft!“. Oh Ironie: Ein Araber, der nicht an Öl glaubt. Hatte ich schon erwähnt, dass Ahmed aus Saudi Arabien stammt?

Bei meinem letzten Stopp begegnete mir Andy – nicht Anton – aus Tirol. Wir kamen über unsere „Maingau“-Ladekarten miteinander ins Gespräch. „Ein Must-have“, so der Österreicher. Voller stolz zeigte mir Andy die Fracht seines Kia Soul EVs: ein Energiespeicher für seine Solaranlage. „Habe ich online ersteigert und jetzt transportiere ich ihn quer durch Deutschland mit meinem Elektroauto nach Hause“.

“Wir leben von der Natur”

Andy erzählt, er habe schon zehn Nachbarn dazu gebracht, auf Elektromobilität umzusteigen. „Bei uns in der Gemeinde sind Elektroautos ein großes Thema, als Tourismusregion leben wir von der Natur“. Mit seinen Solarpanels und seinem Standspeicher könne er demnächst 80 Prozent seines Energiebedarfs aus Sonnenenergie bestreiten. Währenddessen werde auf der UN-Klimakonferenz nur geredet.

Elektroautofahrer sind tolle Menschen. Für mich fühlt es sich so an wie damals, vor 15 oder 20 Jahren, als man mit seinem Apple PowerBook noch ziemlich allein im Café saß, und man sich unmerklich aber dafür umso allwissender unter den wenigen anderen Apfel-Jüngern, die es damals gab, gegenseitig zunickte. Ein Grund mehr, die nächsten Jahre zu genießen. Schon bald werden alle elektrisch fahren. Dann wird es vorbei sein mit diesem Gemeinschaftsgefühl. Schade, eigentlich.

Siehe auch: Der Elektrische Reiter ( Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 )