Deutsche Autoindustrie – Too big to innovate?

Um ein Haar wäre der mächtige Verband der Deutschen Automobilindustrie auseinandergebrochen – über einem Bekenntnis zum Elektroauto. Jetzt hat VW zurückgerudert und man ist wieder da, wo man vorher schon war: ganz am Anfang.

Vielleicht werden wir eines Tages auf diese Woche zurückblicken und feststellen, dass der deutschen Automobilindustrie nicht mehr zu helfen ist. Dabei wäre ein mutiges Bekenntnis zur Elektromobilität bitter nötig gewesen nach dem Irrweg der letzte Jahre, den Grabenkämpfen und Besitzstandswahrungsgefechten, die mit dem Dieselbetrug einen Tiefpunkt der deutschen Industriegeschichte erfahren haben.

Ausgerechnet Volkswagen scherte aus, wollte plötzlich treibender Motor sein und mit seiner Elektro-Strategie alles auf eine Karte setzen. Bemerkenswert. Dann wiederum: Was bleibt VW auch anderes übrig? Mit den drohenden Sammelklagen in den USA (und zum allerersten mal auch in Deutschland) hängt eine unheilvolle und in seiner Dimension noch unkalkulierbare Gewitterwolke über Wolfsburg. Ein bezahlbarer Volks-Elektrowagen für die Massen könnte da der rettende Befreiungsschlag sein.

Doch da hat VW die Rechnung ohne München und Stuttgart gemacht. Ausgerechnet der Elektro-Pionier BMW hat auf absehbare Zeit kein zeitgemäßes E-Auto im Angebot (der i3 wird bald sieben Jahre alt). Die Auslieferung des Audi etron und des Mercedes EQC („ausverkauft“ – Stückzahl verraten wir nicht) verzögert sich Monat um Monat. Und weil man bei der Serienproduktion echter E-Autos derart hinterherhinkt, sollen nun also auch fette Hybrid-Fahrzeuge (sprich: Verbrenner) doch wieder zur gemeinsamen Zukunftsstrategie gehören.

Die Druckertinte auf dem Konsenspapier ist noch nicht getrocknet, da meldet der VDA bereits seine Ansprüche auf staatliche Milliarden-Förderungen bei Wirtschafts-, Verkehrs- und Finanzministerium an. Auch ein Spitzengespräch im Bundeskanzleramt soll schon einberufen worden sein. Wie immer stehen zigtausende Arbeitsplätze auf dem Spiel, die deutsche Wettbewerbsfähigkeit, wer weiß, am Ende vermutlich sogar das Überleben der Spezies Mensch. Klar, dass der Steuerzahler da seinen Beitrag leisten muss.

Aber werden staatliche Zuschüsse reichen? Hieß es bei der Bankenkrise noch „too big too fail“ lautet die Frage in Bezug auf die saturierte deutsche Automobilbranche wohl eher: too big to innovate? In den zurückliegenden Jahren hat sich keiner der hiesigen Autobosse mit Ruhm bekleckert. Fehlentscheidungen und Vertuschungsversuche am laufenden Band. Wer in anderen Berufen derart fahrlässig handelt, hätte keine Millionen-Abfindung bekommen, sondern wäre fristlos gefeuert worden. 

Aber lassen wir die Vergangenheit Vergangenheit sein und schauen wir nach vorne. Die Verkehrswende bedeutet auch eine gigantische Chance: Alles zurück auf Anfang! Wie oft im Leben bekommt man eine solche Chance? An den nächsten Jahren wollen wir die Manager messen. Für unsere Autobauer-Nation Deutschland wird es vielleicht die letzte Chance sein, unseren Führungsanspruch auf den Weltmärkten zu verteidigen.

Ein halbherziges sowohl-als-auch, ein bisschen Elektro, aber bitte auch “moderner” Diesel, wird angesichts des Tempos, das China und USA bei der Elektromobilität vorlegen, nicht reichen. Was fehlt, ist ein Schulterschluss und klares Bekenntnis zum E-Auto. Besser gestern als morgen. Sonst droht der Verbrenner-Ausstieg zum Brexit der Automobilindustrie zu werden.