Deutschland lacht sich schlapp

Mit Vollgas in den wirtschaftlichen Untergang, weil wir so lange versuchen am Status Quo festzuhalten, wie es geht. Unsere Autorin schreibt sich die Wut von der Seele. Der Rant zum Sonntag.

Deutschland schafft sich ab“, schrieb 2010 ein ehemaliger SPD-Politiker und malte mit einer vermeintlichen Überfremdung das Ende des Abendlands an die Wand. Seitdem zieht sich die Diskussion über Zuwanderung und Integration wie ein roter Faden durch die öffentliche Debatte in Deutschland. Natürlich ist es wichtig und richtig darüber zu reden, wie Deutschland mit Zuwanderung und vor allem mit der Integration von Geflüchteten und Zuwanderern umgeht.

Dabei wird am Ende sicher nicht die Zuwanderung dazu führen, dass sich Deutschland abschafft – wenn das denn überhaupt möglich ist. Deutschland ist eine führende Industrienation. Unser Wohlstand fußt zum größten Teil auf unserer in vielen Bereichen weltweit führenden Produktivität. Ob im Maschinenbau, in der Medizintechnik oder eben beim Bau von Autos. In Baden-Württemberg spricht man salopp davon, in jedem Schwarzwaldtal einen Weltmarktführer finden zu können. Darunter viele hochspezialisierte Unternehmen, die hauptsächlich andere Unternehmen weltweit beliefern. Die sogenannten „Hidden Champions“. Keine wirtschaftspolitische Rede in Baden-Württemberg kommt ohne diese Buzzwords aus. 

Kein Denkmalschutz für alte Technik

Verständlich also, dass man diese Industrie schützen will, so dass diese Unternehmen auch noch in 100 Jahren das machen können, was sie heute machen – zum Beispiel Ventile für Verbrennungsmotoren. Sicherlich die besten Ventile, die man auf dem Erdenrund für Geld kaufen kann – Weltmarktführer eben. Aber lässt sich eine solche Industrie überhaupt schützen?

Schauen wir in der Geschichte zurück, sehen wir zahlreiche Beispiele wie der eigentlich gut gemeinte Schutz eines Gewerbes oder einer Industrie am Ende genau das Gegenteil bewirkte – nämlich die völlige Zerstörung. Wer kennt heute noch den Weltmarktführer des Kutschbaus im 19. Jahrhundert. Selbst das vermeintlich allwissende Google findet hierauf auf Anhieb keine Antwort. Und wie heute gab es auch damals verschiedene Interessensgruppen, die alles versuchten, die Kutsche und alle damit verbundenen Gewerke zu schützen. Doch gegen Eisenbahn und später das Automobil hatten sie keine Chance. Und es fällt einem auch auf Anhieb kein Unternehmen ein, das mit der Eisenbahn oder dem Automobil das große Geschäft machte, deren Firmentradition aus dem Kutschgeschäft kommt.

Schützen bis zum Untergang

Alle hielten so lange an dem alten Geschäftsmodell fest und verweigerten sich der Innovation bis es zu spät war. Dass was man eigentlich schützen wollte, ging zu Grunde und es blieb nahezu nichts übrig. Da halfen auch die ausgefeilten und modernsten Kutschen oder die Diskreditierung der neuen Technik nicht.

Die Kutsche ist nur ein Beispiel von vielen. Die Digitalisierung und der rasante technische Fortschritt sorgen dafür, dass wir solche Umbrüche immer öfters erleben. Bei den Stichworten Online-Handel, Digitalfotografie und Fernsehbildröhre fallen wohl jedem auf Anhieb große deutsche Traditionsunternehmen ein, die es so heute nicht mehr gibt. Hinweggefegt nicht nur von neuen Erfindungen, sondern auch von der fehlenden Fähigkeit, sich diese Innovationen zu eigen zu machen und das eigene Geschäftsmodell darauf auszurichten. Der Krug geht eben so lange zum Brunnen, bis er bricht. In Deutschland liegen schon zu viele solcher Scherbenhaufen rum.

Aber was hat das mit dem Ventilhersteller aus dem Schwarzwaldtal zu tun? Wir Deutsche bauen – das ist unbestritten – die besten Verbrennungsmotoren der Welt und davon so viele, dass der Ventilhersteller kaum noch mit dem Drehen neuer Ventile hinterherkommt und händeringend nach Fachkräften sucht. Wo ist also das Problem?

Das Problem ist, dass Deutschland keine Insel ist und weder der Autobauer noch der Ventildreher von den paar Autos, die hierzulande verkauft werden, leben kann. Ohne den Absatz in Asien oder in den USA würden in Sindelfingen, Ingolstadt und Wolfsburg und damit auch in vielen Schwarzwaldtälern die Lichter ausgehen. Also müssen wir alles daran setzen, dass die Welt noch möglichst lange Autos und Motoren Made in Germany kauft. Dafür macht man den Verbrennungsmotor noch ausgefeilter und moderner und diskreditiert die neue Technik wo es nur irgend geht. 

Diese Strategie war in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich und deutsche Autobauer konnten lange ihren Absatz steigern. Das wird sicher auch noch ein paar Jahre so weiter gehen. Aber was, wenn auf einmal der Punkt kommt, an dem niemand mehr ein Auto mit einem Verbrennungsmotor kaufen will oder darf?

Man kann nicht auf einem toten Pferd reiten

Denn der Verbrennungsmotor hat gleich mehrere Probleme. Zum einen verbrennt er auf nimmer Wiedersehen einen endlichen Rohstoff, wobei er nur einen Bruchteil der Energie wirklich in Bewegung wandelt. Durch das Verbrennen wird Kohlenstoffdioxid (CO2) in die Atmosphäre freigesetzt, das nachweislich die Klimaerwärmung anheizt. Lokal sorgen Stickoxide (NOX), Lärm und Ultrafeinstäube, die kleiner als 2,5 Micrometer sind (PM2,5 und PM0,1) für erhebliche gesundheitliche Belastungen der Menschen. Biofuels stehen in Konkurrenz mit der Lebensmittelproduktion oder roden Urwälder für Palmölplantagen und die Energiebilanz von sogenannten eFuels – also aus Strom gewonnenen fossilen Kraftstoffen – ist so verheerend, dass es effizienter wäre, mit Kuhdung zu fahren. 

Ein Elektromotor braucht keine Ventile

Zieht man alle Faktoren in Betracht, dann kann nur der Elektroantrieb unsere (individuelle) Mobilität erhalten. Die rasanten Fortschritte in der Batterietechnologie haben im Pkw- und leichten Lkw-Bereich schon lange die Brennstoffzelle abgehängt. Schaut man nicht über den Tellerrand, dann wirkt die Elektromobilität wie eine wirre Idee von ein paar Ökoidealisten. Doch woanders hat man längst das Potential dieser Technologie erkannt. China – einer der wichtigsten Absatzmärkte für Autos Made in Germany – holt zum großen Sprung in Sachen Elektromobilität aus. Dabei hat das Reich der Mitte nichts weniger im Blick als die Weltmarkführerschaft. Der Ventilbauer aus dem Schwarzwaldtal hat dann ein Problem. Denn das letzte was ein Elektrofahrzeug braucht sind Ventile. 

In Norwegen erreichten reine Elektroautos bereits einen Anteil von 50 Prozent bei den Neuzulassungen. Hierzulande waren es im Januar noch 1,8 Prozent. Aber überall zeigt sich, dass man die Elektromobilität nicht mehr zurück in die Büchse bekommt. Dafür ist sie dem Verbrennungsmotor einfach in allen Disziplinen zu überlegen. Auch das Thema Reichweite und Ladezeiten spielt schon heute für die meisten Nutzungsszenarien keine Rolle mehr und wird in wenigen Jahren völlig irrelevant sein. Dabei liegen die geringen Marktanteile in vielen Märkten nicht, wie oft von Unwissenden kolportiert, an der geringen Nachfrage. Vielmehr kann das Angebot die Nachfrage nicht stillen. So haben viele Elektroautos Lieferzeiten von bis zu einem Jahr und mehr oder sind bereits komplett ausverkauft. 

Die meisten dieser Fahrzeuge werden schon heute nicht mehr in Deutschland, sondern in den USA und China gebaut. In den USA hat das Tesla Model 3 seine Konkurrenten mit Verbrennungsmotor längst auf die Plätze verwiesen. In Europa starten gerade die Auslieferungen des ersten wirklichen Massen-Elektroautos. Unter den Top 20 der weltweit meist verkauften Elektroautos ist nicht ein deutsches Modell mehr zu finden.

Eingelullt von der Politik

Gleichzeitig versuchen uns viele Politikerinnen und Politiker in Deutschland weiszumachen, dass es ewig so weiterginge. Wir immer, überall mit dem Auto hinfahren können. Benzin, Diesel und Heizöl verfeuern dürfen, als gäbe es kein Morgen. Dass wir Klimawandel und Luftverschmutzung bekämpfen können, ohne dass jemand sein Verhalten ändern müsse. Jeder, der was anderes sagt, ist „Öko-Stalinist“ oder besitzt keinen gesunden Menschenverstand. In Stuttgart entblöden sich Politiker von FDP und CDU nicht, gegen Fahrverbote, die für sauberere und vor allem gesündere Luft sorgen sollen, zu demonstrieren. Sie geben sich dem billigen Populismus hin, der grün geführten Landesregierung die Schuld an der Misere in die Schuhe zu schieben. 

Dabei haben Sie selbst vor vielen Jahren die Grenzwerte auf europäischer Ebene verhandelt und in deutsches Recht gegossen. Deutsches Recht, dem eine Regierung genauso wie jede Bürgerin und jeder Bürger verpflichtet ist. Deutsches Recht, das eine Umweltorganisation einklagen musste, weil die Politik nicht handelte. Wollen wir etwa in einem Land leben, in denen Regierungen sich nach Gutdünken an Recht und Gesetz halten, wie es ihnen gerade in die politische Agenda passt? Und jetzt stehen CDU und FDP in Stuttgart mit den „Gelbwesten“ auf der Straße und rufen zum Rechtsbruch auf. Machen ihnen wieder Versprechungen, die sie nicht halten können, wenn sie auch nur einen Pfennig auf den Rechtsstaat geben. Wie tief kann man als Politiker auf der Jagd nach Wählerstimmen sinken? Dabei rennen sie einem vollkommen unwissenschaftlichen Papier von gut 100 Lungenärzten nach, von denen keiner eine wissenschaftliche Expertise in Epidemiologie vorweisen kann und das sich gegen zehntausendfach belegte wissenschaftliche Fakten stellt. Und wie sich jetzt rausstellte, das vor Rechenfehlern und damit falschen Schlüssen nur so strotzte. 

So muss es auch damals gewesen sein, als die Kutscher gegen Eisenbahn und Automobil kämpften. Auch damals fanden sich Ärzte, die einfach behaupteten, dass der menschliche Körper die Geschwindigkeiten in einem Zug niemals überleben könne. Dabei ging es ihnen nur um ihr Geschäft. Denn die Eisenbahn war viel sicherer und es kam zu weniger Unfällen und Verletzten und damit weniger Patienten.

Fridays for Future

Hoffnung machen die jungen Menschen, die freitags für die Zukunft und nicht für den Status Quo bis zum Untergang demonstrieren. Die, die allen erzählen wollen, dass wir so weitermachen können wie bisher, sind die, die am lautesten gegen die gelebte Demokratie der Schülerinnen und Schüler und Studierenden stänkern und sie wo möglich zu diskreditieren versuchen.

Seit Jahren fahren zehntausende Radfahrende auf Critical Masses durch  deutsche Städte und fordern mehr, bessere und sichere Fahrradinfrastruktur – vergebens. Am Ende muss man die Politik mit Volksbegehren zum Handeln zwingen. Aber nach nur drei Demonstrationen hofiert man den Anführer der Stuttgarter „Gelbwesten“ in Stuttgarter Ministerien und sucht händeringend nach Lösungen. In Kiel stellt man einen Feinstaub- und Stickoxidsauger auf den Radweg und bestraft damit die, die für den ganzen Schlamassel nichts können. Das Ganze ist so absurd, dass man nur noch schreien möchte.

Pfeiff auf die Kinder, wir nehmen den SUV!

So rasen wir mit Vollgas in den Untergang. Nicht nur weil wir mit dem Klimawandel riskieren, dass ein Großteil dieses Landes einfach absäuft. Auch weil wir mit dem falschesten aller Versprechen, dass alles bleiben kann wie es ist oder dass wir die Änderung so weit in die Zukunft verschieben, dass sie keiner mehr fassen kann, sehenden Auges zum Kutschbauer des 21. Jahrhunderts werden. Wir beten weiter das vom Verbrennungsmotor angetriebene Auto an, wie einen heidnischen Götzen. Ideologisch verbohrt, auf der permanenten Suche nach Ausreden, nicht handeln zu müssen. Nach jedem Strohhalm greifend, wenn irgendwo wieder irgendein Unsinn über Elektromobilität steht. Von einer Politik, die sich von der Industrie an der Nase herumführen lässt und gleichzeitig den Bürgerinnen und Bürgern keinen reinen Wein einschenkt. 

Als wäre das alles noch nicht genug, flattert gerade, als ich den Text an die Redaktion schicken will, eine Spiegel-Online-Meldung über den Ticker, dass die Bundesregierung plane, die Dieselschadstoff-Grenzwerte zu lockern. Statt 270 Milligramm Stickoxid pro km für ältere Diesel soll er auf 350 Milligramm angehoben werden. Zur Erinnerung: Der Grenzwert für Euro 5 liegt bei 180 Milligramm. Laut Spiegel-Online stecke hinter der Initiative der Versuch der Automobilindustrie, sich vor Hardware-Nachrüstungen der Betrugsdiesel zu drücken. Und alles nachdem rausgekommen ist, was für ein unhaltbarer Unsinn das Dieselpapier der 107 Lungenärzte ist. Da fällt mir jetzt wirklich nichts mehr ein, was ich ohne meine gute Kinderstube zu vergessen, schreiben könnte.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die „Strammdeutschen“, die sich euphemistisch als Alternative bezeichnen, kämpfen noch stärker und verbohrter für alte Technologien, für Braunkohle und ein Land im innovativen Tiefschlaf. Damit sind sie die größten Feinde der Zukunft Deutschlands.

Beim Klimawandel, wie beim Erhalt unserer wirtschaftlichen Kraft gilt der gleiche Satz. Je später wir handeln, desto drastischer die Maßnahmen. Damit bürden wir unseren Kindern und Enkeln eine Hypothek auf, die sie nicht bezahlen können.

Sorry, aber das alles musste mal raus.