Die Elektro-Strategie von VW – Reifenwechsel bei voller Fahrt

Dr. Herbert Diess - Foto: Volkswagen AG

Bei der Hauptversammlung in Berlin prallten gestern die Interessen von Anlegern und Führungsspitze ungebremst aufeinander.

VW-Chef Herbert Diess ist nicht zu beneiden. Was dem CEO gelingen muss, ist nicht weniger als die Quadratur des Autoreifens: Er muss die katastrophalen Fehlentscheidungen, Lügen und Vertuschungsversuche seiner Vorgänger ausmerzen, gleichzeitig Aktionäre und Fondsmanager bei Laune halten, sowie Kunden, Händler und die eigene Belegschaft davon überzeugen, dass ausgerechnet die Technologie, die VW bis vor kurzem öffentlich noch belächelt hat, plötzlich die Lösung aller Probleme sei (Werbeslogan für den ID.3: „Now you can“).

Eine 18jährige Schülerin goss auf der Hauptversammlung nach den Eröffnungs-Reden der Konzern-Spitze ordentlich Diesel in die Wunden der grauen Männer: „Ich bin hier, um Ihnen zu sagen: Was Sie hier tun, ist nicht genug“, so die Umwelt-Aktivistin Clara Mayer von „Fridays for Future“. VW sei spät dran mit seinen Elektroautos. Andere Länder würden den Verbrennungsmotor bereits 2025 abschaffen. „Niedlich, dass Sie jetzt versuchen, hinterherzurennen.“

VW wie Verwirrung

Tatsächlich wirkt die Strategie der Wolfsburger verwirrend. Da erklärt der VW-Boss einerseits den Aufbruch in die schöne, neue Elektro-Welt und verkündet kurz darauf – die selbe Rede! –  eine weitere SUV-Offensive mit neuen, aberwitzig schweren und Sprit-fressenden Straßenpanzern. Wie geht das zusammen? 

Ginge es nach den Aktionären, ist die Sache klar: Elektroautos sind Teufelszeug. Als Begründung dienen den Kritikern, die sich aus dem Publikum zu Wort melden, wahlweise die hohen Verkaufspreise, die knappen Litium-Ressourcen für die Batterien oder auch, der Klassiker, die Kinderarbeit in den Kobalt-Minen im Kongo.

Die VW-Führungsspitze auf der Hauptversammlung in Berlin – Foto: Volkswagen AG

Ein weiter Weg

Wer diese Hauptversammlung verfolgt hat, spürt, wieviel selbstverschuldete Überzeugungsarbeit noch vor den deutschen Autokonzernen liegt. Nach dem „sauberen Diesel“ sollen jetzt also die sauberen Elektroautos (diesmal wirklich sauber!) kommen? Kein Wunder, dass Kunden wie Kleinaktionäre misstrauisch sind.

Da helfen auch keine Jubel-Nachrichten wie die jüngsten Zahlen zum ID.3 („15.000 Vorbestellungen in einer Woche“ – „Server brechen zusammen“ – „Mit so einem Andrang hat nicht einmal Volkswagen gerechnet“) oder die jüngste Ankündigung für eigene Batterie-Fabriken. Der Werbe-Etat für den Sinneswandel zur Elektromobilität soll die Wolfsburger einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag kosten. Wenn das mal reicht.

Volkswagen steht vor einer gigantischen Aufgabe, dem vielleicht größten Umbruch in der über hundertjährigen Geschichte der Automobilindustrie. Anders als bei einer Neugründung auf der grünen Wiese schleppen die Wolfsburger mit ihren Verbrenner-Flotten einen ungeheuren Ballast mit sich. Gleichzeitig sind es die stinkenden SUVs, die VW in die Lage versetzen, die verspätete Neuausrichtung finanzieren zu können.

Und so gleicht der Konzernumbau einem Reifenwechsel bei voller Fahrt. Zeit für einen Boxenstopp hat Volkswagen nicht mehr.