e.Go Mobile schrammt an Insolvenz vorbei: Kommentar

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Der e.GO Life - Foto: e.GO Mobile AG

Nach der ernsten Lage bei Sono Motors wurden jetzt auch finanzielle Probleme bei e.Go Mobile bekannt. Der Aachener Autobauer stand wohl kurz vor der Insolvenz, verhindert wurde diese nur durch eine beachtliche Geldspritze der Gesellschafter. Unser Autor Robin wirft einen kritischen Blick auf die aktuellen Ereignisse.

Um was geht es aktuell?

Das 2015 von Prof. Günther Schuh (RWTH Aachen) gegründete Start-Up „e.Go Mobile“ hat sich zum Ziel gesetzt, bezahlbare und praktische Elektroautos zu produzieren, die dennoch Spaß machen sollen. Das erste Modell ist der e.Go Life, ein kleines Stadtauto mit 14,5 bis 23,5 kWh Akkukapazität. Der Beginn der Auslieferungen des 2+2-Sitzers verzögerte sich von Oktober 2018 auf Mai 2019, nachdem es diverse Probleme beim Anlauf der Produktion gab. Stand 31.12.2019 wurden 500 Fahrzeuge produziert und 226 entsprechende Förderanträge gestellt.

Das Magazin Edison berichtete am 01.01., dass e.Go Mobile im Oktober 2019 kurz vor der Insolvenz stand und diese nur durch Kredite des Autozulieferers ZF, der RAG-Stiftung (Ruhrkohle AG) und des e.Go-Gründers Günther Schuh in Höhe von insgesamt 100 Mio. Euro abgewendet werden konnte.

Produkt am Markt vorbei entwickelt

Das größte Problem des e.Go Life löst auch die Geldspritze der Gesellschafter nicht: Das Auto kann technisch nicht mit der Konkurrenz mithalten. Der e.Go Life 60 und der VW e-Up 2020 kosten beide ca. 22.000 €, allerdings bietet der e-Up eine 120 Kilometer höhere WLTP-Reichweite, insbesondere auf den hinteren Sitzbänken mehr Komfort und CCS-Schnellladung mit 40 kW. Mit 3,7 kW Ladeleistung und nur 140 km Normreichweite ist der Life zum Stadtauto verdammt, während man sich mit dem e-Up auch mal auf längere Strecken trauen kann. Nachdem beide Autos gleich viel kosten, wird die Kaufentscheidung für die meisten Kunden sehr einfach sein und nicht pro e.Go ausfallen.

Elektroauto e.Go Life fährt durch eine Allee
So sieht der Stadtflitzer e.Go Life aus. Bild: e.Go Mobile AG

Kleine Elektroautos sind ökologisch, aber nicht ökonomisch

Das Fahrzeug an sich ist sinnvoll, denn es ist natürlich fragwürdig, bei einer täglichen Pendelstrecke von 40 Kilometern die Batterie für 500 Kilometer mit spazieren zu fahren, wie es bei den großen Elektroboliden der Fall ist. Auch vom Platzbedarf her ist der e.Go Life wichtig, weil er deutlich weniger kostbare Stadtfläche als große Elektroautos wie von Tesla, Daimler oder Audi beansprucht.

Dennoch ist es aus zweierlei Hinsicht sinnvoll, zuerst die ganz großen Autos zu elektrifizieren: Einerseits ist diese Kundschaft weniger preissensibel (5.000 € Aufpreis sind bei einem 80.000 €-Wagen vernachlässigbar wenig, bei einem 10.000 €-Auto nicht), andererseits sind die Margen in der Oberklasse so groß, dass die Hersteller auch auf ein paar Prozent verzichten können (damit die Preise etwa auf dem Niveau von Verbrennern bleiben) und immer noch profitabel arbeiten – ein Kleinwagen wird da schnell zum Verlustgeschäft.

Der e.Go Life ist eine Art „Anti-Tesla“

Genau deshalb hat Tesla zuerst den Roadster gebaut, dann Model S und X und sich erst nach 15 Jahren mit dem Model 3 auf den Massenmarkt gewagt und war mit dieser Strategie bekanntermaßen langfristig erfolgreich.

Die e.Go Strategie ist das komplette Gegenteil, man versucht eine neue Technologie über die untersten Marktsegmente zu verbreiten. Dass das nicht funktionieren wird (zumindest nicht profitabel), war absehbar.

Günther Schuh ist kein Elektroauto-Fan

Das eine Problem ist das Produkt, das andere Problem ist der Gründer, der inhaltlich nicht voll hinter der eingesetzten Technologie steht. Zwar preist Günther Schuh permanent den e.Go Life an, für andere Elektrofahrzeuge hat er aber nicht viel übrig und insbesondere Tesla hat von ihm das eine oder andere Mal heftige Kritik zu hören bekommen.

Drei Fahrzeugentwickler bei der Arbeit
Überzeugter Hybridfahrer: e.Go-Gründer Schuh (Mitte). Bild: e.Go Mobile AG

Privat fährt er einen Porsche Panamera Hybrid und findet diesen viel ökologischer als einen Tesla. Das ist einerseits inhaltlich falsch und ausgerechnet von einem Ingenieur besonders fragwürdig, andererseits aber auch perfekte Kundenabwehr. In der öffentlichen Wahrnehmung bleibt nämlich hängen: „Der Chef eines Elektroauto-Unternehmens ist selbst nicht von Elektroautos überzeugt“. Dass man dann nicht von begeisterten Kunden überrannt wird, ist eigentlich nicht verwunderlich, sondern logische Konsequenz – wer will schon ein Produkt kaufen, von dem noch nicht mal der Hersteller überzeugt ist?

Will der Kunde keine Elektroautos?

Für Günther Schuh liegt die Schuld freilich an anderen Stellen. Sein Ausspruch: „Der Kunde will keine Elektroautos“ sorgte bei Experten für Heiterkeit, schließlich fährt Tesla einen Verkaufsrekord nach dem anderen ein und auch die meisten anderen Hersteller bekommen massenhaft Vorbestellungen. Zugegeben: Im Vergleich zu Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor ist die Nachfrage nach Elektroautos natürlich gering, aber dass die Kunden gar keine Elektroautos wollen, ist eben auch nicht richtig, die Nachfrage geht stetig nach oben.

Ausrede Umweltbonus?

Wenn gerade nicht die Kunden Schuld an den Schwierigkeiten bei e.Go sind, ist es die Bundesregierung. Die Aussagen von Günther Schuh zur Erhöhung der Elektroautokaufprämie bekommen mit dem Bekanntwerden der Finanzprobleme einen faden Beigeschmack. Anfang November stellte Schuh die These auf, die erhöhte Kaufprämie könne für e.Go „existenzgefährdend“ sein. Mit Blick auf die finanziellen Schwierigkeiten im Oktober stellt sich die Frage, ob die Kaufprämie wirklich die größte Gefahr für e.Go darstellt oder ob Schuh vielleicht einfach von den internen Problemen ablenken wollte.

Denn es klingt freilich besser, eine mögliche Insolvenz von e.Go als Folge der staatlichen Förderpolitik zu verkaufen, statt sich einzugestehen, dass das Produkt nicht ausgereift und Günther Schuhs Schimpftiraden gegen Elektroautos nicht hilfreich waren.

Wie geht es weiter?

Nach all der Kritik will ich zwei positive Fakten bei e.Go Mobile klar benennen:

  1. Die Entwicklung ist abgeschlossen und das Fahrzeug wird produziert
  2. Sie haben eine eigene, hochmoderne Fabrik, die als Sicherheit für Investoren dienen kann und es deutlich einfacher macht, neues Geld einzusammeln

Die Produktionsschwierigkeiten wird e.Go in den Griff bekommen und das Anwerben neuer Investoren wird Schuh sicher auch gelingen. Entscheidend ist, ob die Kunden Schuhs Auto dann auch wirklich wollen – 3.000 Vorbestellungen sind an sich schon wenig und für ein als Massenauto konzipiertes Fahrzeug erst recht. Es ist gut möglich, dass e.Go Mobile schlussendlich an mangelnder Kundennachfrage scheitert (was ich mir ausdrücklich nicht wünsche und auch nicht herbeireden will, denn wie oben ausgeführt ist das Auto ökologisch definitiv sinnvoll).

Rettung über die Preisschraube?

Um das zu verhindern, muss „nur“ der Preis so massiv gesenkt werden, dass die technischen Nachteile vertretbar werden. Dafür müssten die Investoren allerdings bereit sein, über Monate oder Jahre erstmal viel Geld zu verbrennen, bis e.Go Mobile profitabel wird. Das ist zumindest beim Autozulieferer ZF, der ja auch im eigenen Haus den Umstieg auf die Elektromobilität finanzieren muss, fragwürdig.

Schuh muss sich viel deutlicher pro Elektroauto positionieren

Elementar ist außerdem, dass Professor Schuh sich voll hinter den Elektroantrieb stellt – ohne Wenn und Aber. Seine Kommunikation erweckt stellenweise den Eindruck, Elektroautos seien Verzichtsfahrzeuge und für lange Strecken bräuchte man weiterhin den guten alten Diesel. Aussagen wie „der Kunde will keine Elektroautos“ sind gefährlich – sie könnten für e.Go eine selbsterfüllende Prophezeiung werden.

Ich wünsche mir, dass ein Auto wie der e.Go Life auch in der Masse Verbreitung findet, das ist nämlich deutlich sinnvoller als noch mehr SUVs. Ob das durch die Firma e.Go Mobile oder andere Player erreicht wird, wird sich zeigen. Die etablierten Hersteller sind mittlerweile aus ihrem Tiefschlaf erwacht und ziehen nach, sie werden e.Go das Leben schwer machen. Andererseits ist das aber auch ein persönlicher Erfolg, den Günther Schuh für sich reklamieren kann – die Autobauer sind nicht zuletzt auch deshalb aufgewacht, weil er mit dem Projekt Streetscooter die komplette deutsche Automobilindustrie vorgeführt hat.