Elektroschocks für Berlin

Ach, was war das früher einfach für die Politik, wenn es um die Automobilindustrie ging. Alle zwei Jahre pilgerte man nach Frankfurt zur IAA, bewunderte die Technik, beschwor den Industriestandort Deutschland und lobte die Industrie. Wenn es schlecht lief, weil es zwischen der EU und der Autoindustrie Krach gab, mahnte man vielleicht vorsichtig an, auch den Umweltgedanken nicht aus den Augen zu verlieren. Danach stieg man in seinen 500er Mercedes zum nächsten Termin. Aber so einfach ist das nicht mehr. 

Die Konzeptionslosigkeit der deutschen Politik ist mittlerweile fast legendär. So wünschte sich die Kanzlerin vor 11 Jahren, dass 2020 mindestens eine Millionen E-Autos auf der Straße sein sollten. Dummerweise hatte sie vergessen das a) der Autoindustrie zu sagen, b) den Stromerzeugern und c) den Kommunen, die die Ladesäulen auf die Gehsteige stellen sollten. Der Dieselskandal sorgte dann zwar in den letzten Jahren für einen gewissen Schub, aber eine Millionen E-Autos werden wir wohl nicht vor 2023 auf den Straßen sehen. 

Das Thema Auto und Verkehr ist natürlich aber weiterhin für alle Politiker einfach zu verlockend, um es zu ignorieren. Nur haben die meisten leider nicht damit gerechnet, dass auch in dieser Sparte die Welt etwas komplizierter geworden ist. Ganze Horden von Fettnäpfchen stehen bereit und die größte Leistung vieler Politiker ist es diese absolut zielsicher zu treffen. So schwadronierte der FDP-Vorsitzende Christian Lindner vor ein paar Wochen davon, dass die Wende zum E-Auto die gesamte deutsche Autoindustrie gefährden würde. Der Abschied vom Verbrenner sei quasi auch das Ende des wichtigsten deutschen Wirtschaftszweiges.

Mittlerweile beschließen Städte und ganze Länder rund um die Welt den Verbrennungsmotor aus ihrem Einzugsgebiet zu verbannen. Was genau für ein Auto soll also die deutsche Industrie in Paris, Oslo, Schweden, die Niederlande oder Irland verkaufen, wenn diese in den nächsten fünf bis zehn Jahren keine Verbrenner mehr sehen wollen?

Mit ähnlicher Kompetenz ausgestattet ist wohl auch der Co-Vorsitzende der Grünen, Robert Habeck. Der warf ausgerechnet Volkswagen vor, dass diese nur Premiumautos, die mehr als 100.000 Euro kosten, als E-Autos auf den Markt zu bringen. Man kann VW sicherlich eine ganze Menge vorwerfen (die Liste ist auch heute noch sehr lang), aber sicher nicht, dass sie keinen E-Wagen fürs Volk machen. Habeck äußerte seine Kritik ausgerechnet wenige Tage vor offiziellen Vorbestellungsstart des I.D.3. Der wiederum soll, so ist es von VW zu hören, einen Basispreis von ungefähr 23.000 Euro haben. Günstiger ist ein Auto dieser Größe kaum zu haben.

Ein weiteres Kapitel könnte man jetzt zu all den Dingen aufmachen, die Verkehrsminister Scheuer so von sich gegeben hat, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Ebenfalls auf der Liste: Fast alles, was von den „Linken“ und wirklich einfach alles, was von den Rechtspopulisten kommt. 

Bei all dem wird deutlich, dass es mit der automobilen Kompetenz der deutschen Politik in vielen Fällen nicht weit her ist, Wie auch, diejenigen, die Ahnung haben, wechseln irgendwann in die Industrie. Das politische Gehampel der letzten Jahre zeigt aber auch, dass man Mobilitäts- und Verkehrspolitik nicht einfach mal eben so nebenbei machen kann. Es braucht Spezialisten, Menschen mit Fachkenntnissen, Leute, die schlicht weg wissen, wovon sie reden. Es braucht Profis, keine Redner, die ab und zu gerne mal auf einer Messe anerkennend nickend zwischen den Autos herlaufen. 

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Technologie, Internet und Mobilität sind Themen die mich und mein Leben antreiben. Als Journalist schreibe ich regelmäßig über diese Themen für die bekanntesten deutschsprachigen Magazine und Zeitungen. Dabei geht es vor allem um die Zukunft der Mobilität in unserer Welt. Elektrifizierung, Autonome Fahrzeuge, Carsharing, und die Wirtschaft um diese Themen werden von mir seit Jahren begleitet und kritisch beschrieben. Als einer der ersten Journalisten in Deutschland, habe ich mit CEOs aus der Mobilitätsbranche über Veränderungen und Herausforderungen gesprochen. Die Fragen, wie wir unsere Zukunft nachhaltig mobil halten, welche Unternehmen für die Veränderungen bereit sind, welche Herausforderungen und Gefahren auf uns warten, habe ich in vielen Artikeln und Analysen beschrieben.