It’s the Software, Stupid! Warum Menschen vor Autohäusern Schlange stehen

Vor wenigen Tagen spielten sich in Europa bisher einmalige Szenen ab. Vor den Geschäften eines Autobauers bildeten sich lange Schlangen, nur um einen Blick auf ein neues Auto werfen zu können. 

Was wir bisher nur von den Läden des amerikanischen Tech-Riesen Apple oder eben noch früher vom Sommerschlussverkauf kennen, fand vor wenigen Tagen schon ein zweites Mal vor den Autohäusern den Elektroautobauers Tesla statt. Vor den “Stores” genannten Autohäusern bildeten sich lange Schlangen. Zum ersten Mal war das Phänomen im Netz und in Online-Foren zu beobachten, als man sich Ende März 2016 für 1.000 Euro eine Reservierung für ein Auto sichern konnte, dass bis zu diesem Zeitpunkt noch niemand gesehen hat.

Inzwischen wissen wir wie das ominöse Auto, das auf den Namen Tesla Model 3 hört, aussieht. Immerhin schlägt das Auto schon seit einigen Monaten immer neue Verkaufsrekorde in den USA. Jetzt hat Tesla das Model 3 das erste Mal offiziell in einigen Stores in Europa vorgestellt. Da bildeten sich noch längere Schlangen vor den Stores. Dabei gab es noch nicht mal eine Probefahrt. Die neugierigen Kunden konnten sich lediglich für etwa 15 Minuten ins Auto setzen und es von außen bestaunen. Das hat bisher noch kein Autobauer geschafft, dass ein neues Modell eine dermaßen große Erwartung und Neugier auslöst. Angeblich will Tesla noch im Dezember 2018 die Bestellbücher für das Model 3 in Europa öffnen. Die ersten europäischen Autos sollen dann im Februar oder März 2019 von den Autotransportern aus den USA rollen. 

Foto: Jana Höffner

Elektroautos? Die will doch keiner!

Noch erstaunlicher wird das Phänomen, wenn man weiß, dass es sich beim Tesla Model 3 um ein reines Elektroauto handelt. Ja genau diese Elektroautos, von denen viele Hersteller behaupten, dass die Kunden sie gar nicht kaufen wollten. Wie geht das also zusammen, dass sich angeblich bei anderen Herstellern die Elektroautos auf dem Hof die Reifen platt stehen, während sich das Model 3 offenbar von alleine verkauft? Auch wenn die Zahl der Neuzulassungen bei den Elektroautos steigt, ist das Elektroauto noch weit weg vom Mainstream. Beim Anblick der Menschentrauben die sich fast umgehend um ein Model 3 bilden, wenn es irgendwo gezeigt wird, scheint es jedoch so, als ob Elektromobilität schon längst im Mainstream angekommen ist.

Auch in der Politik hat man inzwischen erkannt, dass bei Tesla irgendetwas anders ist, als bei den Granden VW, BMW oder Daimler. „Wann bauen Sie ein Elektroauto, das nur halb so sexy ist wie ein Tesla?“, fragte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier kürzlich vor der versammelten Automobilindustrie. Für den Umgang der Politik mit der deutschen Automobilindustrie, ist dieser emotionale Ausbruch Altmaiers eine Zäsur. Nehmen deutsche Politiker den Namen Tesla bisher eigentlich nur in den Mund, um im zweiten Satz die Überlegenheit der deutschen Automobilindustrie hervorzuheben. Selbst für die härtesten Realitätsverweigerer „Es gibt den sauberen Diesel“, wird langsam klar, dass die Unken in Sachen Tesla seit über sechs Jahren das falsche gerufen haben. Die Vogel-Strauß-Methode der meisten Hersteller, die Elektromobilität jahrelang zu ignorieren oder mit mittelmäßigen Compliance Cars die Kunden vom Elektroauto eher abschrecken, droht sich jetzt bitter zu rächen.

2012 setzte Tesla mit dem Model S Maßstäbe für die Elektromobilität. Bis heute haben die deutschen Hersteller kein Fahrzeug, das es auch nur annähernd mit diesem Auto aufnehmen könnte. Für 2019 sind zwar mit dem Audi etron und dem Mercedes EQC zwei langstreckentaugliche Elektroautos aus deutschem Hause angekündigt. An Performance, Reichweite, Infrastruktur und Alltagstauglichkeit kommen die beiden trotzdem nicht an Tesla ran. Vielmehr spielen sie gemeinsam mit dem Jaguar iPace in ihrer eigenen neuen Klasse. Auf dem Papier kann bisher nur der neue elektrische Porsche Taycan, der ebenfalls Ende 2019 auf den Markt kommen soll, Tesla das Wasser reichen.

Das Tesla Model 3 setzt neue Rekorde – um sie dann selbst zu brechen

Tesla verlässt nach dem Model S und X mit dem Model 3 die Oberklasse und bläst zum Halali auf die Mittelklasse. Besonders im Visier stehen dabei der 3er BMW, die Mercedes C-Klasse oder der Audi A4. Also die Cashcows in der Mittelklasse für diese Hersteller. In den USA lässt sich in einem ersten Snapshot schon beobachten, wie sich das in Massen verfügbare Model 3 auf den Markt auswirkt. Während Tesla rund 20.000 Fahrzeuge im Monat absetzt, kommen die anderen nicht mal mehr in der Summe auf diese Zahl.

Für die Verkaufszahlen in Europa dürfte der limitierende Faktor lediglich die Lieferbarkeit der Fahrzeuge sein – nicht die Nachfrage. Übrigens ist die Verfügbarkeit von Elektroautos schon eine ganze Weile der Flaschenhals. Wer heute ein neues Elektroauto haben möchte, muss auch schon mal bis zu zwölf Monate auf die Lieferung warten. Alleine der BMW i3, Renault ZOE und Tesla Model S und X sind relativ kurzfristig lieferbar. 

So entsteht ein falscher Eindruck, beim Versuch den Elektromobilitätsmarkt in Deutschland zu verstehen. Die Zulassungszahlen verharren trotz Steigerung auf niedrigem Niveau, nicht weil die Kunden keine Elektroautos haben möchten, sondern weil viele Hersteller nicht kurzfristig liefern können. Die gestiegene Nachfrage nach Autos mit Elektroantrieb zeigt sich inzwischen auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt. In Form von stabilen und teilweise sogar steigenden Preisen für Elektroautos aus zweiter oder dritter Hand. 

Und jetzt stehen die Menschen sogar vor den Tesla-Stores Schlange. Aber wie schafft Tesla die angeblich so ungeliebten Elektroautos zu verkaufen wie warme Semmeln?

Smartphone auf Rädern 

Bill Clinton prägte in seinem Wahlkampf 1992 gegen Gorge Bush Senior den Satz „It’s the economy, stupid!” („Es ist die Wirtschaft, Dummkopf!“). Damit wollte er klar machen, dass die Wirtschaftslage Wahlen entscheiden kann. Auf Tesla und seine Wettbewerber umgemünzt müsste der Spruch „It’s the software, stupid!“ („Es ist die Software, Dummkopf!“) lauten. Schon das Model S bekam 2012 schnell den Spitznamen „Smartphone auf Rädern“ – zur Erinnerung, das iPhone war da gerade mal fünf Jahre alt. Als Elon Musk mit seinen Ingenieuren und Designern das Model S konzipierte, haben sie die noch sehr junge Technik frühzeitig für das neue Auto adaptiert. So verschwanden bis auf zwei alle Knöpfe aus dem Cockpit und wurden durch einen hochkant eingebautes 17 Zoll-Touchscreen ersetzt. Hier findet sich neben Navi, Mediaplayer, Webbrowser, Telefon und Energieverwaltung auch die kompletten Einstellungen für das Fahrzeug – von den verwendeten Einheiten für Temperatur und Geschwindigkeit bis hin zur Klimaanlage. Dabei haben sich die Entwickler gar nicht lange mit bisherigen Auto-Bedienkonzepten aufgehalten, sondern alles von Grund auf neugestaltet. Dass das iPhone hier Pate stand, erschließt sich auf den ersten Blick.

Inzwischen sind das iPhone und seine smarten Geschwister gut zehn Jahre alt. Bei den klassischen Autobauern erscheinen gerade die ersten Fahrzeuge, deren Bedienkonzept sich langsam unseren Gewohnheiten mit mobilen Endgeräten anpasst. Die Regel ist aber immer noch riesige Knopffriedhöfe und Menüs mit mehr Ebenen als die Hölle in von Dantes Göttlicher Komödie. Wer von einem Tesla wieder in ein klassisches Auto steigt, hat daher das gleiche Gefühl, wie wenn man statt mit dem gewohnten Smartphone plötzlich mit einem Nokia 6210 hantieren muss.

Tesla arbeitet derweil an einer stetigen Aktualisierung und Verbesserung der Benutzer-Schnittstelle sowie an neuen Funktionen und einer Weiterentwicklung der unter „AutoPilot“ subsummierten Assistenzsysteme. Für die Besitzer eines Teslas gibt es all das als Software-Update „over the air“. Denn ein Tesla hat natürlich eine permanente Internetverbindung. Für ein Softwareupdate muss der Tesla-Besitzer noch nicht mal in die Nähe einer Werkstatt kommen. So haben selbst „alte“ Teslas immer das aktuellste Betriebssystem. Bugs und Sicherheitslücken kann Tesla dank dieser Technik innerhalb kürzester Zeit für die gesamte Flotte beheben. Genau, wie wir es von unseren Smartphones und anderen digitalen Endgeräten wie Sprachassistenten oder Smart-TVs gewohnt sind.

Auto mit „will ich haben“-Gen

Über eine App haben die Kunden zudem permanent weitreichenden Zugriff auf das Fahrzeug. Ein in der Maps-App auf dem Smartphone gefundene Adresse an das Navi senden, die Vorkonditionierung einschalten, Laden starten oder stoppen, Türen oder Kofferräume (Teslas haben zwei) öffnen oder es mittels Tesla-App von außen in oder aus der Garage manövrieren – alles kein Problem, alles serienmäßig. Apps gibt es natürlich auch für andere (Elektro-)Autos. Doch in Sachen Funktionsumfang, Zuverlässigkeit und Bedienbarkeit setzt Tesla aus dem Silicon Valley ebenfalls die Maßstäbe.

Tesla hat also nicht nur den Antrieb des Autos neu gedacht, sondern das ganze Konzept Auto an vielen Stellen – vor allem bei der Nutzerinteraktion – neu gedacht. Der Elektroantrieb bietet auf der einen Seite eine bisher unbekannte Performance. Auf der anderen Seite erfüllt das „Smartphone auf Rädern“ eben genau die Erwartungen, die wir als vernetzte und smartphonende Konsumenten haben. So radikal neu zu denken hat sich bisher kein etablierter Autobauer getraut. 

Aufgrund der langen Entwicklungszyklen bei Autos dauert es gefühlt ewig, bis neue Innovationen in den Serienfahrzeugen ankommen. Bis sich der CD-Player bei Serienfahrzeugen durchgesetzt hat, hat eigentlich niemand mehr Musik von CD gehört. Jetzt waren vor allem USB-Medien das Mittel der Wahl um Musik zu speichern. Inzwischen haben zwar die meisten Autos einen USB-Anschluss, Musik hören die Menschen aber inzwischen immer mehr über Streamingdienste. So gibt es im Tesla schon seit einigen Jahren Spotify und den Internetradio- und Podcastdienst TuneIn.

Elon Musk erklärte seine Philosophie mal so, dass es bei Tesla keine Modelljahre gäbe. „Wenn wir etwas fertig entwickelt haben, geht es direkt in die Produktionslinie.“ Das 2012 in den USA erschienen Model S ähnelt zwar äußerlich bis auf ein Facelift einem Model S von heute, doch unter Blech und Verkleidungen findet sich inzwischen die zweite, dritte, vierte oder noch höhere Generation verschiedener Komponenten. Gelegentlich bietet Tesla sogar Hardware-Updates für bestehende Modelle an. So gab es für gut 200 Euro ein LTE-Mobilfunkmodul als Ersatz für das bis Ende 2015 verbaute 3G-Mobilfunkmodul. 

Mehr Flexibilität beim Laden hat niemand

Die Entscheidung beim Model 3 auf den europäischen Schnellladestandard zu setzen und ihm trotzdem Zugang zu Teslas „Supercharger“-Schnellladenetz zu ermöglichen, macht das Model 3 noch attraktiver. Schon allein mit den Superchargern ist es möglich ohne Planung von Gibraltar bis zum Nordkap und von Belfast bis nach Sarajevo zu fahren. Das Navi im Tesla berechnet die nötigen Ladehalte an den Superchargern direkt mit in die Route ein. Eine bisher einmalige Funktion bei Elektroautos. Mit CCS gibt es tausende zusätzliche Lademöglichkeiten auf dem ganzen Kontinent und auch schon darüber hinaus. Flexibler ist man mit keinem anderen Elektroauto.

Keine Konkurrenz, nirgends?

Und die anderen? Wie nachhaltig die Verkaufserfolge des Tesla Model 3 sind, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen. Ob sich das Model 3 auch langfristig nach dem ersten „Hype“ auf dem europäischen Markt etablieren kann, steht ebenfalls in der Glaskugel. Doch die Zeichen stehen eigentlich ganz gut dafür. Fest steht, dass es weltweit über 400.000 Reservierungen für das Model 3 gibt. Wenn daraus auch tatsächliche Käufe werden, dürfte Tesla auf einige Jahre die komplette Produktion verkauft haben.

Das liegt auch daran, dass es bisher und auch absehbar bis 2020 oder noch später keine wirkliche Konkurrenz für das Tesla Model 3 gibt. Die Elektro-SUV von Daimler, Audi und Jaguar zielen auf eine höherpreisige Käuferschicht. Sie haben vielleicht die besseren Spaltmaße und Verarbeitung, aber der Coolnessfaktor eines Mercedes oder Audi SUV ist gegenüber eines Tesla eher überschaubar. 

Nissan hat mit dem 40 Kilowattstunden Leaf der zweiten Generation sich mit #Rapidgate selbst aus dem Rennen gekegelt. Bei Hyundai muss man bis zu zwölf Monate auf ein neues Elektroauto warten und der eGolf kann dem Model 3 auch in keiner Disziplin das Wasser reichen. 

Es werden also spannende Monate. Heute in einem Jahr werden wir dann sicher wissen, ob Tesla mit dem Model 3 die Massen erobert oder ob Spaltmaße wirklich wichtiger sind als das Gesamterlebnis Auto. Wenn es eine Wette gäbe, wüsste ich aber sicher auf wen ich setzen würde.

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Jana Höffner
Begeisterte Autofahrerin mit starken Suchttendenzen (wenn es eine Straße und Ladestationen gibt, fahre ich mit dem Auto) - seit 2013 inzwischen über 200.000 Kilometer ausschließlich elektrisch. Neben dem Auto ist das Internet und die sozialen Netzwerke mein Zuhause - auch beruflich. Kann spontan Vorträge zu verschiedenen Mobilitätsthemen halten aber auch zu invasiven Neophyten oder Star Trek. Ansonsten Radlerin, Bloggerin (ZoePionierin.de), Vereinsmeierin (Electrify-BW e.V.), Elektroautobauerin (1982er VW Bus), Naturromantikerin und stolze NerdTM.