Kommentar: Das riskante Experiment von IONITY

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Der Aufschrei in der Community der Elektroauto-Pioniere war groß: 79 Cent pro Kilowattstunde will der deutsche Anbieter von Schnellladestationen namens IONITY ab Februar verlangen. Teuer, aber Gründe für Empörung und intensive Debatten liegen woanders.

Nur die wenigsten zahlen den hohen Preis

Tatsächlich berechnet IONITY zukünftig nur einigen wenigen Kunden gezielt diesen im internationalen Vergleich sehr hohen Preis. Nämlich den Besitzerinnen und Besitzern von Fahrzeugen, die nicht aus den Häusern BMW, Mercedes-Benz, Ford, VW, Audi, Porsche und Hyundai stammen. Die genannten Hersteller sind an IONITY beteiligt und genießen Sonderkonditionen. So bezahlen Porsche-Kunden 0,33 EUR/kWh, Kunden der Daimler-Gruppe sogar nur 0,29 EUR/kWh und BMW-Kunden aktuell 0,30 EUR/Minute.

Sie fahren einen neuen Renault Zoe oder ein Tesla Model 3? Dann steht Ihnen leider nur der 0,79 EUR/kWh-Tarif von IONITY zur Verfügung. Ob Alternativen von Drittanbietern wie Telekom Get Charge (0,39 EUR/kWh) und EinfachStromLaden der Maingau Energie (0,35 EUR/kWh) noch länger Bestand haben, darf bezweifelt werden – denn auch die Einkaufskonditionen für Wiederverkäufer (“MSP”-Roaming) wurden verändert.

Na und, mag man sagen – auch Tesla diskriminiert. Schließlich kann man an den hauseigenen “Superchargern” ausschließlich Fahrzeuge von Tesla aufladen – für 0,33 EUR/kWh in Deutschland. Eine Kooperation mit Tesla beim Aufbau eines Ladestations-Netzwerkes lehnten vor Jahren andere Hersteller ab, so blieb es bei der Exklusiv-Lösung für Tesla-Besitzer. Doch so einfach ist die Sache nicht.

Collage: incl. Shutterstock

Staatliche Fördermittel für IONITY – Tesla baut ohne Zuschüsse

Der Unterschied zwischen IONITY und Tesla ist nämlich aus Sicht der Steuerzahler gewaltig: Während Tesla keine staatliche Förderung erhält, nimmt IONITY regelmäßig Fördergelder in Anspruch:

Das von IONITY vorgestellte und koordinierte europäische Ultraschnelllade-Projekt EUROP-E erhält von der Europäischen Union bis zu 39,1 Mio. EUR Zuschuss, was einem Anteil von 20% an den Gesamtkosten darstellt. Dafür installiert IONITY in 13 EU-Staaten insgesamt 340 High Power Charger (HPC). Zudem erhielt IONITY Mittel aus dem Förderprogramm der Bundesregierung. Dieses hat ein Gesamtvolumen von 300 Mio. Euro. Aus diesem Topf erhielt IONITY im 2. Aufruf Fördermittel für 250 HPC-Stationen in Deutschland zugebilligt.

Man muss die Frage stellen, weshalb ein vergleichsweise junges Unternehmen wie Tesla keine Fördermittel für seine inzwischen mehr als 500 Supercharger in Europa benötigte, während das von mit satten Gewinnen ausgestatteten Autobauern getragene IONITY sein deutlich kleineres Ladenetz nur mit staatlicher Hilfe bauen kann. Dass das Tesla-Netzwerk zudem mit höherer Zuverlässigkeit punkten kann, ist bitter.

Die Wahrheit bei der E-Mobilität ist so simpel wie erschreckend: Die gewohnten Subventions-Mechanismen greifen weiterhin. Alteingesessene Unternehmen suchen Wege, um möglichst hohe staatliche Hilfen in Anspruch nehmen zu können. Über geschickte Lobby- und Medienarbeit wird die Notwendigkeit für staatliche Hilfen in nicht seltenen Fällen selbst geschaffen. Die Mär von den viel zu wenigen Ladestationen in Deutschland kann inzwischen jeder berichten. Dabei bräuchte es vermutlich im kommerziellen Bereich gar keine Förderung. Wo ein Markt ist, da entstehen Anbieter. Mit zunehmender Verbreitung von E-Autos entstehen neue Anbieter für Ladestationen, da diese Geschäft wittern.

IONITY schadet der Elektromobilität

Verkürzt bleibt nach der gestrigen Preis-Nachricht bei vielen nur ein Halbsatz hängen: Elektrisch fahren wird richtig teuer. Das ist natürlich Quatsch, da es genügend Alternativen zu diesem Lade-Anbieter gibt: FASTNED, ALLEGO, ENBW, INNOGY, TESLA und viele andere mehr. Aber IONITY muss sich vorwerfen lassen, mit seiner nicht durchdachten Vorgehensweise der Elektromobilität mehr zu schaden als zu nutzen.

Von Anfang an war das Unternehmen nicht klar positioniert: Sollte IONITY nun eine Endkundenmarke mit direktem Kundenkontakt für alle Fahrzeugmarken werden? Oder doch lieber ein reiner Infrastruktur-Partner für die beteiligten Autobauer? Diesen wäre Letzteres sicher lieber gewesen, aber leider spielen die Kunden da nicht mit. Deutlich mit Firmenlogo beklebte Ladestationen im eigenen Design signalisieren den Anspruch einer Endkundenmarke, nicht die eines “Enablers”.

Freilich konnte es bei IONITY nicht weitergehen wie bisher: Die größte Kundengruppe an den Ladestationen des Anbieters dürften 2019 Fahrer von Tesla Model 3-Fahrzeugen gewesen sein. Dass man diese nicht länger bezuschussen wollte, liegt auf der Hand: 8 EUR pro Ladevorgang – so der bisherige Preis – waren hoch defizitär bei großen Akkus.

Am Ende wird wieder Tesla profitieren

Am Ende wird Tesla einer der Profiteure sein: Das Ladenetzwerk funktioniert dort verlässlich, ist in Europa zahlreich vorhanden, ist direkt in die Fahrzeug-Systeme eingebunden und kostet einen aus Kundensicht fairen Preis. Einfachheit versus staatlich geförderte Intransparenz.