Mineralölkonzerne greifen nach der E-Macht

ORLEN Ladestation
Bild: ORLEN Deutschland GmbH

BP, Shell und Co. stellen die Weichen für die elektrische Mobilität. Für sie geht es um Alles – deshalb sind sie der mächtigste Player im Energiemarkt der Zukunft.

Es wäre auf eine besonderes kuriose Art und Weise ein Treppenwitz der Geschichte: Da werden mit zunehmender Geschwindigkeit weite Teile des Verkehrs – egal ob private Pkw, dienstliche Flotten oder Busse – elektrifiziert und – so könnte man meinen – dem Zugriff der Mineralölkonzerne entzogen. Doch am Ende werden genau diese Unternehmen das große Geschäft für sich vereinnahmen. Ausgerechnet BP, Shell und Konsorten. Wie konnte das geschehen?

Der Staat fördert – vor allem die Falschen

Das elektrische Vorzeigeland Norwegen entschied sich für eine Förderung, die eine Nachfrage auf Kundenseite erzeugte: Durch die Befreiung z.B. von der Umsatzsteuer wurden rein elektrische Fahrzeuge preislich höchst attraktiv und unterboten teils sogar die fossilen Geschwistermodelle. Die Kunden griffen zu und es entstand in kurzer Zeit eine beachtliche elektrische Fahrzeugflotte, die Strom für das Vorankommen benötigt. Für Ladeinfrastrukturanbieter wurde das angebliche Henne-Ei-Problem somit gelöst: Die Hennen in Form von E-Autos waren da und für Unternehmen wie Fortum, Grønn Kontakt und Bilkraft war der Aufbau eines zuverlässigen, dichten Schnellladenetzes ein selbstverständlicher, kaufmännisch gebotener Akt. Schließlich warteten ladewillige Kunden.

Eine solche Förderung hätte in Deutschland potentiell Tesla, Hyundai-Kia und Renault-Nissan genützt. Vielleicht hätte auch BMW mit seinem Pionier-i3 und VW mit dem e-Golf bei Kunden punkten können. Im Großen und Ganzen aber wäre eine Förderung wie in Norwegen nicht gut angekommen bei deutschen Herstellen. Mutmaßlich auch deshalb entschied man sich für ein geteiltes Fördervorgehen: Zum einen bekommen E-Auto Käufer nach Durchlaufen eines zweistufigen, aus dem Vor-Internet-Zeitalter stammenden Formularkrieges 2.000 EUR staatliche Prämie. Zum anderen übernahm und übernimmt der Bund (und teils auch die Bundesländer) bis zu 50% der Kosten für die Installation von öffentlichen Ladestationen.

Wo eine Förderung lockt, lauern auch die Abnehmer: Mehrere hundert Unternehmen, von alteingesessenen und im Kerngeschäft von Problemen geplagten Energieversorgern bis hin zu Fastfood-Ketten und Discount-Supermärkten – sie alle griffen zu und ließen sich eifrig geförderte Ladestationen aufbauen.

Fastned Ladestation
© Fastned / Schnellladestation in den Niederlanden

Tankstellen punkten mit Standorten, Prozessen und Kundenorientierung

Häufig machen staatliche Förderprogramme jedoch blind: Das Aufstellen von Ladestationen an X-beliebigen Parkplätzen und Hinterhöfen ist zwar ausreichend für die Auszahlung von Fördermitteln, lässt jedoch kein Geschäftsmodell in der Masse entstehen.

Genau hier kommen die Mineralölkonzerne in Spiel: Sie sind es seit Jahrzehnten gewöhnt, die Attraktivität von Standorten nach objektiven Kriterien zu beurteilen: Erwartbare Verkehrsmenge, Umfeldattraktivität durch Dienstleistungen Dritter, Wettbewerbsdruck, Erreichbarkeit für Instandsetzungsmaßnahmen, Erweiterbarkeit, etc.

Die meisten der heute in Deutschland in Betrieb befindlichen Tankstellen stehen an A-Standorten, schlechtere wurden längst aufgegeben. Bei anderen Betreibern von Ladestationen spielen solche Standortkriterien kaum eine Rolle. Eine Ausnahme stellt das niederländischen Unternehmen FASTNED dar, welches Standorte sehr detailliert bewertet in Hinblick auf zu erwartendes Geschäft. Dass das Unternehmen bereits operativ Gewinne erwirtschaftet, überrascht wenig bei einer solchen umsatzorientierten Vorgehensweise.

Wirft man einen Blick z.B. auf EnBW, innogy, IONITY und E.ON so stellt man fest, dass der Fokus hier auf Anzahl der Standorte und nicht auf Qualität und Umsatzpotential gelegt wird. Es mutet an wie im Wilden Westen: Schnell Land sichern, bevor es ein anderer tut. Noch erschreckender wirken die Aktivitäten von deutschen Einzelhändlern: Kostenfrei nutzbare Stationen, deren Zuverlässigkeit zu wünschen übrig lässt.

Kein Wunder, denn aufgrund fehlender Rückkopplung zum Kassensystem können Lidl, Kaufland, Aldi und Co. auch nicht nachvollziehen, ob wirklich ein ladender Kunde einkauft oder nur Strom schnorrt. In anderen Ländern verpachten Einzelhändler die Fläche gegen gutes Geld an die Betreiber von Ladestationen.

Shell Tankstelle
Foto: Shell

Kunden wollen es komfortabel und unkompliziert

Den Weg zur Tankstelle kennt jede Autofahrerin und jeder Autofahrer von heute natürlich. Bezahlt wird per Kreditkarte oder Flottenkarte des Arbeitgebers (oder sogar noch ganz anonym mit Bargeld). Neben den attraktiven Standorten werden auch diesen Punkt die Mineralölkonzerne für sich entscheiden: Statt des absurden heutigen Tarifchaos (welche Ladekarte ist in welchem Fall nun die günstigste?) wird der kWh-Preis an der digitalen Anzeigetafel erscheinen, an der auch Benzin und Diesel angezeigt werden. Der Ladevorgang wird entweder über eine eigene Shell-, Aral- oder Total-App bezahlt oder eben im Tankstellen-Shop, wo – wie bisher auch – noch schnell ein Kaffee, ein belegtes Brötchen und eine Packung Süßigkeiten mitgenommen werden. Die Anbindung der Ladestationen an Kundenbindungsprogramme wie Shell Club Smart oder Payback (Aral) wird die Attraktivität ggü. Kunden weiter steigern.

“Wir können als Marktführer im deutschen Tankstellengeschäft eine ideale Anlaufstelle für Elektroautofahrer sein, vorausgesetzt das Laden geschieht ähnlich schnell wie das Tanken flüssiger Kraftstoffe.”

Patrick Wendeler, Aral

Aral, Shell, Esso, OMV und Orlen sind bereits eifrig dabei, Schnellladestationen an Tankstellen zu installieren. Mehrere Tausend Stationen werden in den nächsten Jahren entstehen. Dabei sind die Unternehmen nicht spät dran, sondern haben die Investitionsruine 50 kW-Ladestation einfach übersprungen. Für den Massenmarkt werden nur High Power Charger (HPC) mit 150 und mehr Kilowatt Ladeleistung eine Rolle spielen. Realistisch betrachtet dauert auch ein Tankvorgang heute mit allem drum und dran gute 10-12 Minuten. Eine ähnliche Zeit werden auch Elektroautos Dank HPC erreichen können. Patrick Wendeler, Vorstand bei Aral teilt diese Einschätzung: “Wir können als Marktführer im deutschen Tankstellengeschäft eine ideale Anlaufstelle für Elektroautofahrer sein, vorausgesetzt das Laden geschieht ähnlich schnell wie das Tanken flüssiger Kraftstoffe.” Sein Branchenkollege Waldemar Bogusch, Vorsitzender der Geschäftsführung der ORLEN Deutschland bekennt sich ebenfalls klar zur E-Mobilität: “Wir sehen in der E-Mobility einen wesentlichen Zukunftsmarkt und investieren deshalb in den Ausbau unserer Tankstellen”.

Zuverlässigkeit wird steigen, Abhängigkeit bleiben

Für den Kunden ist dies erst einmal eine gute Nachricht: Die Mineralölkonzerne werden die Ladestationen professionell betreiben und sicherstellen, dass diese stets funktionieren – schließlich geht es um Umsatz. Bei von Energiekonzernen betriebenen Ladestationen zeichnet die Ladestationsüberwachung der Unternehmensberatung EV ANGELS (auch Herausgeber von emobly) kontinuierlich schlechte Werte auf. Während in den Niederlanden und in Norwegen Werte von 99,5-99,9% Verfügbarkeit üblich sind, rangieren deutsche Anbieter teils bei lediglich knapp 90%.

Die vielleicht für viele enttäuschende Aussicht, dass die Dominanz von Mineralölkonzernen nicht aufgelöst wird im Verkehrsbereich, ist die andere Seite der Medaille.