Opel Corsa-e: Der Zoe-Killer ist da!

0

Im August letzten Jahres hat Opel den neuen Corsa vorgestellt, erstmals gibt es ihn auch als Elektroauto. Während die Verbrenner-Varianten früher an den Start gingen, mussten wir auf den elektrischen Ableger etwas länger warten – jetzt konnte unser Testfahrer Robin ihn endlich ausprobieren.

In diesem Bericht steht der Fahreindruck im Vordergrund, deswegen sei an dieser Stelle auch auf unseren Bericht von der statischen Premiere verwiesen, da gibt’s noch mehr Infos zu Kofferraum und Co. Jana Höffner aka ZoePionierin nannte das Schwestermodell, den Peugeot e-208 mal einen „Zoe-Killer“ – ist da was dran?

Frontantrieb überraschend gut

Nach einem ersten negativen Eindruck überrascht der Frontantrieb positiv: Bei Regen zwar hoffnungslos überfordert – auf trockener Fahrbahn hat er aber keine Probleme, alle 100 kW (136 PS) und 260 Nm sofort auf die Straße zu bringen, Ampelstarts machen deutlich mehr Spaß als im Renault Zoe.

Was beim Fahren aber sofort unangenehm auffällt: Ich habe mit Schuhgröße 44 keine übermäßig großen Füße und dennoch immer wieder das Problem, dass ich mit einem Fuß auf beide Pedale komme, weil die so klein, so nah beieinander oder beides sind. Gewöhnungssache.

Verbrauch und Reichweite gehen in Ordnung

Auch auf der Autobahn macht sich der Opel gut: Er ist zwar bei (absolut ausreichenden) 150 km/h abgeriegelt, bis dahin zieht er aber souverän durch. Und leiser als so mancher Konkurrent ist er dabei auch (ein Tesla macht mehr Windgeräusche).

Der Verbrauch scheint mit 26 kWh auf 100 km hoch – für 10°C, Regen und die relativ hohe Geschwindigkeit ist das aber durchaus im Rahmen. In der Stadt geht der Verbrauch runter auf knapp unter 15 kWh, bei einer Netto-Akkukapazität von 47 kWh ergibt sich so eine reale Reichweite deutlich über 300 Kilometer, im worst case sind es immer noch knappe 180 Kilometer. Bei 100 km/h pendelte sich die Anzeige knapp unter 19 kWh ein – das entspräche einer Reichweite von 250 Kilometern.

Verbrauchsanzeige: leider schlecht programmiert.

Schlechte Anzeige verzerrt Werte

Bei In einem längeren Test dürften diese Werte tendenziell besser ausfallen, weil die Verbrauchsanzeige relativ tückisch ist, dazu später mehr. Außerdem haben (teils starker) Regen und die Winterreifen die Werte verzerrt. Unter besseren Bedingungen sollten 350 Kilometer drin sein, geübte Elektrofahrer*innen können sicher an der 400 km-Marke kratzen.

Eins noch zum Verbrauch: Ja, ein Model 3 verbraucht weniger. Das ist aber auch flacher und teurer – wäre ja traurig, wenn man das nicht irgendwo spüren würde. Der wichtigste Konkurrent dürfte der Renault Zoe sein und gegen den steht der Corsa-e eigentlich ganz gut da: Der Kollege Christoph M. Schwarzer hat in seinem Test bei 130 km/h und schlechtem Wetter 29 kWh/ 100 km im Zoe verbrauch – wir bei 150 km/h und schlechtem Wetter 26 kWh im Corsa-e. Klarer Punkt für Opel.

CCS-Laden: Keine 100 kW, trotzdem besser als die Konkurrenz

Wer zügig fährt, muss auch bald wieder laden – also steuere ich mit 18% Akkustand eine CCS-Ladestation an. Die Anzeige der Säule (im Auto suche ich vergeblich nach einer kW-Anzeige) schnellt sofort auf 100 kW hoch, hält diese aber nicht sehr lange. Bis 30% hat sie sich bei 80 kW eingependelt und bleibt da auch stabil, ab 50% wird dann weiter gedrosselt. Das Laden von 18 – 79% hat exakt 30 Minuten gedauert, das ist mit Blick auf die Konkurrenz schwer in Ordnung: Wir erinnern uns an den Nissan Leaf, der zwar teurer ist und einen größeren Akku hat, solche Werte aber nicht mal im Ansatz erreicht. Der Renault Zoe steht zwar besser da als der Leaf, liegt mit 45 kW Ladeleistung bei 30% Akkustand aber fast 50% unter der Leistung des Corsa-e.

80 kW Dauerleistung können sich sehen lassen.

Benzin-Cockpit

Fahren und Laden kann er gut, kommen wir zu einem Punkt, der mich sehr gestört hat: Die Anzeigen des Corsa-e sind leider nur sehr schlecht auf den Elektroantrieb angepasst – hier schlägt die Verbrenner-Verwandtschaft durch: Es gibt keine Anzeige des Akkustandes in Prozent, nur eine Blockanzeige im Stil eines analogen Tachos. Die frisst Platz im digitalen Cockpit und zeigt kaum Informationen: Welchen Akkustand mir die Anzeige mitteilen will, ist sehr schwer zu erkennen und bei sieben Segmenten ist es auch nicht leicht, im Kopf auszurechnen, welcher Akkustand welchem Segment entspricht. Wenn man schon auf so eine Verbrenner-Anzeige setzen muss, warum ausgerechnet so krumm und nicht mit zehn oder fünf Segmenten?

Weiter geht das Ärgernis bei der Verbrauchsanzeige – wenn ich die richtig interpretiere, zeigt die nur den Gesamtschnitt der aktuellen Fahrt an, das sieht dann folgendermaßen aus: Beim Auffahren auf die Autobahn schnellt die Anzeige auf 40 kWh/ 100 km hoch und erholt sich dann langsam. Eine Begrenzung des Schnitts auf die letzten 10 Kilometer oder zumindest ein manueller Reset ist nicht vorhanden. Normalerweise teste ich auf der Autobahn immer für eine gewisse Strecke unterschiedliche Fahrweisen und setze dafür immer den Zähler zurück – im Corsa-e ginge das wohl nur mit Anhalten. Deswegen sind die Verbrauchswerte wie oben erwähnt mit Vorsicht zu genießen, genaue Zahlen sind mit dieser Anzeige einfach nicht zu bekommen.

Außerdem schade: Das Cockpit lässt sich nicht konfigurieren, wie man das aus anderen Fahrzeugen kennt: Der Tacho-Bildschirm ist zwar digital, hat aber nur eine einzige, nicht verstellbare Ansicht. Akkustand in Prozent? Gibt’s nur beim Aufladen, nicht während der Fahrt. Temperaturanzeige? Nö. Länge der aktuellen Fahrt in Kilometer? Nö. Verbrauchswerte? Nur im Zentraldisplay. Wirklich ärgerlich, dass Opel hier so viele Möglichkeiten ungenutzt lässt.

Leider nicht konfigurierbar: Das Tacho-Display.

Fahrassistenz assistiert nicht

Der „aktive Spurhalteassistent“ macht alles Mögliche, nur nicht die Spur halten. Problem: Er hält das Fahrzeug eben nicht permanent in der Mitte der Fahrbahn, sondern steuert immer wieder gegen, wenn die Linien zu nahekommen, das führt zu einem leichten Slalom. Ich habe nach kurzer Zeit lieber wieder selbst gelenkt, er kommt der Leitplanke einfach manches Mal viel zu nahe. Ein weiteres Problem, wenn man den Spurhalteassistent doch benutzen will: Er schaltet sich unbemerkt ab. Sehr leichtes Gegenlenken reicht schon, um ihn zu deaktivieren – das ist schnell unabsichtlich geschehen. Signalisiert wird das nur über ein kleines Symbol im Tachodisplay, das die Farbe dezent von grün auf grau wechselt, ein auffälliges Blinken oder einen lauten Warnton gibt es nicht. Vielleicht bin ich auch einfach zu Tesla-verwöhnt und andere finden dieses System super?

Der Abstandsregeltempomat ist hingegen ganz brauchbar und kann beim Strom sparen helfen, das Fahrassistenzpaket für 550 € lohnt sich also, auch wenn der Lenkassistent eher nutzlos ist.

Nicht perfekt, aber gut

Bei aller Kritik (und mit Blick auf die Tesla-Fans, die sich wieder über die Anzahl der Knöpfe lustig machen werden) darf das Positive nicht unter den Tisch fallen: Das Cockpit ist sehr aufgeräumt, wertig verarbeitet (unsere beiden Zoes fühlen sich billiger an) und alles ist leicht zu finden – Daimlers MBUX oder Audis MMI fand ich deutlich unübersichtlicher. Getrübt wird dieses Bild von der Gedenksekunde, die der Computer gelegentlich braucht, die ist aber fast immer verschmerzbar. Ausnahme: Die Rückfahrkamera. Die ruckelt leider immer wieder, das Bild hängt der Realität etwas hinterher, hier ist beim Einparken entsprechende Vorsicht geboten.

Hängt leider manchmal der Realität etwas hinterher: Die Kamera.

Das Navi arbeitet gut (und im Gegensatz zu Tesla kann es sogar [Trommelwirbel] mit Zwischenzielen umgehen!), die Sprachsteuerung zickt ab und an, erkennt aber viele Befehle. Die Soundqualität ist gut und die Verbindung mit dem Smartphone funktioniert tadellos.

Fazit

Der Opel Corsa-e ist nicht perfekt, das war aber keines der bisher von mir getesteten Autos (nein, auch Tesla nicht). Für sehr viele Fälle taugt er definitiv als Erstwagen, nur nicht für Familien – da ist der Kofferraum definitiv zu klein fürs Urlaubsgepäck. Singles und Paare können mit dem Corsa-e sehr glücklich werden: Wer ständig Langstrecke fährt, nimmt lieber etwas mehr Geld in die Hand und greift zum Tesla Model 3 – Gelegenheits-Langstreckenfahrer haben mit dem Corsa-e eine günstige Alternative. Preislich ist der Corsa-e auf jeden Fall das bessere Angebot: Er kostet mit 50 kWh Akku das Gleiche wie der Zoe mit 41 kWh: 30.000 € (vor Umweltbonus).

Ich privat würde (als ausgewiesener Zoe-Liebhaber) den Opel auf jeden Fall dem Renault vorziehen.