Sono Motors in tiefer Krise

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Bild: Sono Motors

Vor wenigen Tagen verkündete das Münchner Start-Up Sono Motors die Abkehr von der bisherigen Finanzierungsstrategie. „Back to the roots“ wolle man gehen, weg von großen Investoren und zurück zum Crowdfunding, mit dem Sono gestartet wurde. 50 Millionen Euro müssen bis zum Jahresende eingesammelt werden, 205 weitere Millionen dann 2020. So oder so werden die Auslieferungen ins Jahr 2022 verschoben. Ist Sono jetzt am Ende oder ist die Rückkehr zum Crowdfunding ein notwendiger Schritt? Wir haben die Lage analysiert.

Wofür sind die 50 Millionen eigentlich?

Die 50 Millionen Euro werden jetzt für den Start der Vorserie gebraucht, bis zur Serienproduktion werden weitere 205 Millionen benötigt. Die Strategie ist im Moment wie folgt: 50 Millionen müssen bis zum Jahresende über das neue Crowdfunding zusammenkommen (nach 24 Stunden waren es schon beachtliche 2,9 Millionen). Wer Sono unterstützen will, registriert sich jetzt dafür mit dem Betrag, den er/sie dazugeben möchte. Das Geld wird nur eingezogen, falls die 50 Millionen erreicht werden.

Mit diesen 50 Millionen möchte Sono die Herstellung der Serienwerkzeuge in Auftrag geben und Prototypen bauen. In diesem Plan soll das Geld dann bis Q4/2020, also etwa ein Jahr reichen. In diesem Zeitraum sollen dann die weiteren 205 Millionen Euro eingesammelt werden, sowohl weiterhin aus der Community, aber auch wieder mit klassischen Investoren, die sich vielleicht von den Prototypen und der neuen Hardware für die Serienfertigung überzeugen lassen.

Was passiert, wenn das Kampagnen-Ziel nicht zustande kommt?

Wenn das Ziel von 50 Millionen Euro nicht erreicht wird, wird der Sono nicht auf die Straße kommen, das Unternehmen Sono Motors wird es aber dennoch weiterhin geben. Denkbar wäre dann, dass Sono Komponenten baut oder die dafür nötigen Patente andere Autobauer verkauft. Vielleicht war das ja auch die Strategie, die die potenziellen Investoren verfolgt haben. Zwar wäre dann das „Sono-Universum“ mit bidirektionalem Laden und Sharing Geschichte, aber dafür könnte Sono dazu beitragen, dass andere Elektroautos eine Solarzellen-Verkleidung bekommen. Dann hätte das Team auch ohne eigenes Auto etwas erreicht und das sehr wahrscheinlich schneller und effektiver als mit dem Sion.

Probleme der Strategie

Die neue Finanzierungsstrategie hat mehrere Probleme:

1. Wie genau werden die Fahrzeuge derer finanziert, die jetzt den kompletten Kaufpreis ihres Sion anzahlen? Wenn das Geld in den Aufbau der Serienfertigung fließt, fehlt es ja für die Produktion der Fahrzeuge an sich. Nochmal Geld einsammeln geht dann schlecht, die Menschen haben ja bereits den Gegenwert eines Autos in Sono investiert.

2. Die Hauptkritikpunkte am Modell Sion bleiben auch mit frischem Geld bestehen, auch wenn es rollende Prototypen gibt. Allerdings gibt es im Jahr 2020 schon wieder neue Konkurrenzmodelle, die den Rückstand für mögliche Investoren noch offensichtlicher und das Einwerben neuer Mittel noch schwieriger machen könnten.

3. Zumindest in der Kommunikation macht Sono Motors den Eindruck, es müssten möglichst viele Leute den Kaufpreis ihres Autos komplett vorab entrichten, auf Nachfrage wurde aber betont, dass Spenden in jeder Höhe willkommen sind. Problem ist dabei: Sono zielt ja eigentlich auf preissensible Kundschaft ab, die können sich so hohe „Anzahlungen“ (de facto ja eher Investments) nicht leisten. Der Fokus müsste viel deutlicher darauf liegen, möglichst viele kleine, statt wenige große Beträge einzusammeln. Für große Einzelbeträge gibt es Investoren, beim Crowdfunding geht das nicht.

Woran ist die klassische Finanzierung gescheitert?

50 Millionen Euro (oder auch die 200 weiteren Millionen, die nach dem Crowdfunding noch benötigt werden) sind in der Welt der Automobilindustrie kein großer Betrag, wirklich nicht. So will beispielsweise VW nur bis 2023 33 Milliarden Euro in die Elektromobilität investieren, also 132 mal mehr als Sono.

Dadurch werden zwei Dinge deutlich: Einerseits ist Geld definitiv verfügbar, denn auch VW braucht Kredite. Andererseits untermauern diese Zahlen, wie schlecht die Chancen für Sono stehen – wie soll ein Startup gegen solche Summen ankommen?

Diese Fragen werden sich auch die Investoren gestellt haben und deswegen entsprechende Zugeständnisse von Sono eingefordert haben (die vom Sono-Vorstand oft genannte Abwanderung von Patenten), die der Vorstand aber nicht erfüllen wollte. Deswegen geht man jetzt den Weg des Crowdfundings. Wer hier investiert, muss sich bewusst sein, dass das Geld komplett verloren gehen könnte.

Sono ist zu spät dran

2017 hat Sono den Sion vorgestellt, damals löste er große Begeisterung aus und weckte riesige Hoffnungen auf ein konkurrenzfähiges, deutsches Elektroauto. Allerdings hätte er dann auch zügig auf den Markt kommen müssen, der Zeitplan war schon damals hart an der Grenze. Nach den neuen Planungen soll der Vorserienfertigung Ende 2021 beginnen und die Auslieferung an die Kunden 2022. Das wäre zwar immer noch eine gute Zeit (etablierte OEMs arbeiten meistens mit Entwicklungs-Zyklen von sieben Jahren), aber trotzdem zu spät. Bis dahin gibt es viel zu viele Konkurrenz-Modelle, als das sich ein neuer Player etablieren könnte. Tesla hingegen hatte einen praktisch leeren Markt ganz für sich und konnte sich dort in Ruhe entwickeln (letztendlich hat Tesla den aktuellen Boom ja maßgeblich ausgelöst).

Niemals mit einem Massenmodell anfangen

Überhaupt hat Tesla vieles genau umgekehrt gemacht wie Sono: Musk hat nicht auf Öko-Autos gesetzt, sondern auf schnelle Boliden, bei denen das emissionsfreie Fahren nur ein willkommener Nebeneffekt ist. Das erste Tesla-Modell war ein Luxus-Sportwagen, der auf gutbetuchte Kunden abzielte, die auf dieses Auto nicht angewiesen waren und es als reines Spaßfahrzeug nutzten. Tesla arbeitet sich von oben nach unten durch die Segmente, um Schritt für Schritt Geld für ein massentaugliches Elektroauto einzusammeln. Sono will hingegen ohne Geld direkt mit dem Massenauto loslegen. Das führt zu einem weiteren Problem: Bei den Zulieferern hat Sono (auch wenn sie mittlerweile wohl alle Verträge haben) lange nicht die Macht der anderen Autobauer, das bringt massive Kostennachteile und die torpedieren wiederum die Strategie, ein möglichst billiges Fahrzeug zu produzieren.

Der Sion ist bereits jetzt technisch überholt

2017 klangen die Daten des Sion noch brauchbar: Laden über Solarzellen auf der Karosserie, 35 kWh Akkukapazität (=255 km WLTP-Reichweite), bidirektionales Laden, CCS-Laden mit 50 kW, Anhängerkupplung mit 750 kg Zuglast, 650 bis 1250 Liter Kofferraumvolumen – all das zu einem Kaufpreis von 25.500 €. Ein vergleichbares Fahrzeug zu einem ähnlichen Preis gab es damals nicht. Heute gibt es exakt dieses Auto immer noch nicht, aber mehrere Konkurrenz-Modelle von unterschiedlichen Seiten, die dem Sion in dieser Konfiguration das Leben schwer machen würden: Der gefährlichste Konkurrent wird wohl der VW ID.3 – aber auch Opel Corsa-e und zu einem gewissen Grad VW e-Up und Tesla Model 3 sind schlecht für den Sono Sion: Wer ein sehr knappes Budget hat, greift eher zum e-Up oder wartet auf ID.3/Corsa-e und wer ein bisschen mehr Geld hat, nimmt einfach ein sofort verfügbares Tesla Model 3.

Datenvergleich Sono Sion mit anderen Elektroautos. Quelle: Hersteller

Die Tabelle zeigt: Bei fast keiner Spezifikation erreicht der Sion einen Bestwert. Das müsste über einen niedrigeren Preis ausgeglichen werden, aber auch da ist Sono nicht vorne. Wie klein die Nische ist, in die Sono sich mit dem Sion begibt, zeigen auch die Reservierungen: 10.000 Stück sind einfach ziemlich wenig, Tesla hatte beim Model 3 400.000 erreicht.

Die Sono-Alleinstellungsmerkmale reichen nicht aus

Die vermeintlichen Alleinstellungsmerkmale sind für die meisten normalen Autokunden nicht relevant: Bidirektionales Laden ist zwar nett, aber im Moment scheitern die meisten Verbrenner-Fahrer*innen ja schon am Laden in eine Richtung, da ist bidirektionales Laden noch überhaupt kein Thema.

Die Solarzellen sind eine gute Idee, aber ausreichend Reichweite generieren sie leider nur im Sommer. Im Winter wird der Sion wie jedes andere Elektroauto auch an die Steckdose müssen, spätestens dann ist jeglicher Vorteil dahin. Zwar mag sich ein gewisser Kostenvorteil ergeben, aber regelmäßig an die Ladestation muss der Sono Sion zumindest in Mittel/Nordeuropa wie jedes andere Elektroauto auch.

Der Open-Source-Ansatz und der Plan, das Werkstattbuch offenzulegen, damit die Kunden ihre Autos selbst reparieren können, ist zwar eine nette Idee (und mangels Händlernetz auch eine sinnvolle), aber nicht kaufentscheidend. Viele Menschen fahren ja schon für den Wechsel zwischen Sommer- und Winterreifen in die Werkstatt – die werden sicher nicht an ihrem Auto herumschrauben, auch nicht an einem Sono Sion. Abgesehen davon ist auch ein Sicherheitsrisiko, wenn jeder Laie selbst an seinem Auto herumschraubt.

Auch die Sharing-Idee ist an sich gut, wird aber ebenfalls keine Kaufentscheidung fällen. Schon heute gibt es Mitfahr-Apps wie Blablacar oder Sharing-Apps wie Drivy oder Turo, die das Teilen des eigenen Autos bereits heute ermöglichen. Die werden auch angenommen, aber die überwiegende Mehrheit nutzt ihr Auto noch ganz klassisch. Was dem Sharing zum Durchbruch verhelfen könnte, wären Autos, die autonom zum Nutzer kommen – dieser Ansatz fehlt bei Sono gänzlich.

Respekt für das Gründerteam

Ich will diesen Artikel ausdrücklich nicht als Bashing verstanden wissen, ich war von der Firmenidee von Anfang an begeistert und hatte gehofft, dass wir den Sion irgendwann tatsächlich auf der Straße sehen. Aber es hilft auch nicht, Illusionen aufzubauen, deswegen schreibe ich diese kritische Einordnung.

Trotz allem habe ich sehr großen Respekt für Sono und insbesondere das Gründerteam. Navina Pernsteiner, Laurin Hahn und Jona Christians haben es geschafft, eine große Menge Geld einzusammeln (die aktuelle Kampagne liegt Stand 02.12. schon bei 2,9 Millionen Euro), tausende Reservierungen unter die Leute zu bringen und ein Unternehmen mit über 100 Mitarbeitern aufzubauen. Sie haben sich dafür die denkbar schwierigste Branche ausgesucht – eine App programmieren ist deutlich einfacher, als ein Auto zu bauen. Das ist eine große Leistung, noch dazu in Deutschland, wo Startups es viel schwerer haben als im Silicon Valley – sowohl durch die skeptische Bevölkerung als auch durch die deutlich schlechtere Verfügbarkeit von Risikokapital.

Bemerkenswert ist auch die Entscheidung, dass das Gründerteam seine Gewinnbezugsrechte auf die Crowdfunding-Community verteilen will. Das heißt: Wenn Sono wieder auf die richtige Bahn kommt, werden die Gründer nichts von eventuellen Gewinnen haben. Das hat z.B. Elon Musk nie gemacht – so ein Schritt zeigt, dass sie es wirklich ernst meinen.

Ich wünsche mir wirklich, dass Sono die aktuelle Krise übersteht und dass der Sion auf die Straße kommt. Wer Sono finanziell unterstützen will, soll das gerne tun – finde ich lobenswert. Seid Euch aber auch über eine Sache im Klaren: 50 Millionen sind nur der erste Schritt und auch 255 Millionen werden bei Weitem nicht ausreichen. Unter einer Milliarde geht beim Bau eines neuen Automodells einfach nicht viel – erst recht nicht, wenn es schnell gehen soll. Selbst wenn die beiden Ziele erreicht werden sollten, wird also neues Geld benötigt und es könnte wieder eine Hängepartie geben, die nach wie vor zum Scheitern von Sono Motors führen kann.

Die Daumen drücke ich trotzdem!