Der Corsa-e – der französische Elektro-Opel

Mitten im tiefsten Sommerloch nutzt Opel die Gunst der Stunde und stellt den neuen Corsa-e das erste Mal statisch vor. Emobly war exklusiv für Euch vor Ort.

Nach dem Verkauf von Opel an PSA ist der Corsa-e das erste Opel-Elektrauto, das auf einem französischen Schwestermodell statt einem amerikanischen basiert. In Frankreich wird das gleiche Modell bald als Peugeot e-208 produziert – die beiden sind damit die ersten Fahrzeuge auf Basis der neuen “e-CMP” Plattform.

Der erste Eindruck

Der Corsa-e unterscheidet sich optisch bis auf die fehlenden Auspuffrohre überhaupt nicht von der Verbrennervariante. Er sieht tatsächlich sehr sportlich und groß aus, obwohl er nur vier Meter lang ist. Im Innenraum merkt man schnell, dass er nur groß wirkt, aber eigentlich sehr kompakt ist.

Der Kofferraum fasst 267 Liter, das sind 42 Liter weniger als bei der Verbrennervariante. In eine Renault Zoe passt mit 338 Litern ebenfalls mehr hinein. Trotzdem geht die Größe für dieses Auto in Ordnung, ein lebensgroßeremobly-Redakteur findet darin bequem Platz.

Für seine Größe bietet der Corsa-e einen ausreichend großen Kofferraum

“Multi-Energy” frisst Platz

Die Antriebsplattform des Corsa preist Opel aber als den großen Wurf an, weil laut Frank Jordan, Director Advanced Engineering, erstmalig eine neue Plattform auf die Bedürfnisse von Elektro-, Verbrennungs- und Hybridantrieben konstruiert wurde. Die anderen Hersteller würden ihre Elektroableger nachträglich auf Verbrenner-Plattformen entwickeln, während Opel von Anfang an mehrere Antriebskonzepte berücksichtigt.

Die Batterie sitzt dabei nicht flach im Unterboden, sondern zerklüftet im Mitteltunnel und unter den Sitzen. Ein Ansatz, den beispielsweise auch Volkswagen beim e-Golf lange verfolgt und mit dem Wechsel zum ID.3 beerdigt hat.

Eben jene “Multi-Energy”-Plattform führt leider dazu, dass trotz massigen Hohlräumen unter der Motorhaube kein Frunk Platz gefunden hat – angesichts des kleinen Kofferraums wäre das ein gutes Extra gewesen.

Innen nicht schlecht, aber auch nicht begeisternd

Der Innenraum ist nicht schlecht, aber auch nichts Beeindruckendes – ein solides deutsches Auto eben. Im Vergleich zu manch anderer Knopfwüste ist der Corsa-e angenehm aufgeräumt, Teslafahrer werden sich trotzdem erschlagen fühlen. Einzig das Lenkrad ist mit 16 Tasten definitiv überfrachtet, intuitiv geht anders. Auch der für eine Mittelkonsole verschenkte Stauraum schmerzt etwas, hier mussten leider noch ein paar Akkuzellen Platz finden. Dafür ist das Handschufach übergroß, allerdings sehr gewöhnungsbedürftig geschnitten. Das Entertainmentsystem sieht auf den Pressefotos gut aus, real konnten wir es allerdings noch nicht sehen und ausprobieren.

Auf den vorderen Sitzplätzen sitzt man bequem, hinten lässt es sich zwar aushalten, aber mit vier Erwachsenen auf die Langstrecke gehen dürfte sportlich werden. Opel selbst gibt als Zielgruppe Singles, Paare und Familien mit kleinen Kindern an – für die reicht der Platz definitiv aus.

Technik

Die 50 kWh große Batterie soll Energie für 330 WLTP-Kilometer liefern – was sich aber mit dem WLTP-Verbrauch von 17 kWh/ 100 km beißt (dafür wäre eine 56 kWh Batterie nötig). Opel erklärt sich diese Diskrepanz mit der aktuell noch laufenden Zertifizierungund macht außerdem keine Angaben zur Nettokapazität des Akkus.

Die Ladeleistung beträgt an Wechselstrom sereinmäßig 7,4 kW oder 11 kW gegen Aufpreis, an Gleichstrom in allen Varianten 100 kW über CCS.

Der 100 kW-Motor mit 260 Nm Drehmoment beschleunigt den Corsa-e in etwas mehr als acht Sekunden auf 100 km/h, den in der Stadt wichtigeren Sprint bis 50 km/h erledigt er in zweieinhalb Sekunden. Als Fronttriebler dürften die Räder dabei das eine oder andere Mal durchdrehen.

Die Batteriezellen werden als fertige Module von CATL geliefert, über die genauen Liefermengen gab uns Opel keine Auskunft. Andere Akkugrößen wären technisch machbar, die Obergrenze liegt im Corsa-e aktuell bei 70 kWh. Falls man eine andere Akkugröße herausbringen würde, dann aber eher eine kleinere, um günstigere Zweitwagen anbieten zu können, erklärte uns Frank Jordan.

Konkurrenz

Mit diesen technischen Daten ordnet sich im Segment von Renault Zoe und VW ID.3 ein – beiden ist er sehr ähnlich, aber es gibt ein paar entscheidende Unterschiede. Gegen die Zoe punktet der mit einer doppelt so hohen CCS-Ladeleistung (100 vs 50 kW) – ohne Kenntnis der Ladekurve ist es aber schwierig abzuschätzen, wie groß der Zeitvorteil dadurch in der Praxis ausfällt. Die niedrigere Ladeleistung wiegt die Zoe mit einem günstigeren Preis auf, das könnte ein spannendes Rennen werden.

Der ID.3 hat in der First Edition eine größere Batterie (58 kWh), kommt aber später auch mit 45 kWh und dürfte damit preislich gleichauf mit dem Corsa-e sein, allerdings als reines Elektroauto ohne die Nachteile einer Multi-Antriebsplattform.

Wann kommt er denn?

Im Moment laufen weder Serien- noch die Vorserienproduktion, das soll sich aber rasch ändern. Der Konfigurator ist bereits online, wer jetzt bestellt, soll sein Auto im ersten Quartal 2020 bekommen, wobei Frank Jordan meinte, dass es eher Februar als März wird. Jeder Opel-Händler wird auch zum Elektroauto-Händler, die alte Strategie aus Ampera-Zeiten, dass nur ausgewählte Händler E-Fahrzeuge vertreiben, wurde aufgegeben.

emobly meint:

Der Opel Corsa-e ist ein schönes Auto – nicht umsonst ist sein Verbrennerbruder Opels meistverkauftes Modell. Die Eckdaten stimmen: 11 kW AC und 100 kW DC-Ladung sind solide Leistungen, eine 50 kWh-Batterie ist für ein Auto für knappe 30.000 € angemessen. Die 330 WLTP-Kilometer gibt Opel als „realitätsnah“an – die vorläufigen Verbrauchswerte passen aber nicht dazu, danach dürfte er im Normzyklus „nur“ 294 Kilometer schaffen. Wenn es dann reale 250 Kilometer sind, ist das immer noch besser als bei vielen anderen Elektroautos. Der Preis ist zwar im Vergleich zu den Verbrenner-Corsas happig, in der Elektrowelt aber eher das untere Ende der Fahnenstange.

Während Opel bzw. PSA eine Kombi-Plattform für alle Antriebe als das Non-Plus-Ultra sehen, glauben wir weniger, dass dieses Konzept langfristig Bestand haben wird. Die meisten Hersteller setzen entweder schon lange auf reine E-Plattformen (Tesla) oder sind in den letzten Monaten umgeschwenkt (z.B. Volkswagen) – das hat Gründe. Deswegen ist der Corsa aber kein schlechtes Auto, im aktuellen Markt steht er gut da und wird in der anvisierten Zielgruppe (Singles, Paare oder Familien mit jungen Kindern) sicher viele Käufer finden und bei den meisten auch erstwagentauglich sein. Opel/PSA darf nur den Moment nicht verpassen, an dem sie auf eine reine BEV-Plattform umsteigen sollten. Der könnte schon sehr bald kommen – Volkswagens ID.3 ist in einem ähnlichen Segment angesiedelt, wird aber mit mehr Akku-Varianten angeboten. Vorgestellt wird er zur IAA und ebenfalls 2020 auf die Straße kommen – gegen dieses Auto könnte der Corsa-e den Kürzeren ziehen.

Im Moment bietet der Markt für Elektroautos aber Platz für genügend neue Modelle und nicht jeder will einen spacig aussehenden VW ID.3, der Elektro-Corsa hat also definitiv eine Chance. Wir von emobly freuen uns auf jeden Fall über einen neuen Player im Elektromarkt und hoffen, dass der Corsa-e auch wirklich nächstes Frühjahr in großen Zahlen über unsere Straßen rollt.