Die Weltpremiere des ID.3 – Greenwashing oder Wiedergeburt von Volkswagen?

Das ist es . das neue LOGO von VW. Sieht wie das Alte aus? Nein! Es ist "schlanker"," frischerr" und "mutiger". Und 2D!

Am Vorabend zur IAA hatte VW nach Frankfurt geladen. Ein Schicksals-Tag, geht es für die Wolfsburger bei der ID.3-Premiere um nicht weniger, als um das nackte Überleben nach einem der größten Betrugsskandale der Industriegeschichte. Besucher-Stimmen, ein erstes Hands-On mit dem ID.3 sowie unsere Bewertung zum neuen Kurs von VW.

Die Wolfsburger Version von Greta Thunberg heißt Ina

Halle 3 der IAA am Vorabend der Frankfurter Automesse. Am Anfang spricht Design-Chef Klaus Bischoff und bringt auch einen Gast mit: Ina, ein Mädchen von knapp über 10 Jahren. Nachdem er vom Design-Prozess berichtet hat, darf Ina vor den etwa 500 Live-Gästen Ihre „eigene“ Vision vom Auto der Zukunft beschreiben. Zwar ist der Teleprompter währenddessen aus, trotzdem bleibt der fahle Beigeschmack, dass VW krampfhaft ein Kind in Greta-Thunberg-Manier auf die Bühne stellen wollte. Ob die Buzzwords, die Ina aufgezählt hat, wirklich ihre eigene Vision waren, lassen wir mal dahingestellt.

Nachhaltigkeit überall

Man merkt wirklich, wie wichtig VW auf einmal Nachhaltigkeit sein muss, sie geben sich große Mühe, das zur Schau zu stellen. Von den Autos über das Vokabular der Manager bis hin zum Holzbesteck am Buffet ist alles auf nachhaltig getrimmt. Selbst die Leuchtarmbänder, die wohl früher im Müll der Messehotels gelandet wären, werden wieder eingesammelt.

Außerdem gibt man sich schuldbewusst und verweist darauf, dass VW 1% aller globalen CO2-Emissionen verursacht, es ist auch von „Verantwortung vor unseren Kindern“ die Rede.

Firmenboss Diess liest seine Präsentation vom Prompter

Bilanziell CO2-neutral

Als der Vorstandsvorsitzende Herbert Diess an der Reihe ist, betont er, dass der ID.3 das erste CO2-neutral produzierte Auto ist – allerdings nur bilanziell. Das bedeutet, für jedes Gramm CO2, das in der Produktion des Fahrzeugs nicht vermieden werden kann, werden Ausgleichsprojekte betrieben, zum Beispiel Bäume gepflanzt. Das ist zwar zu begrüßen, dabei darf aber nicht das Ziel aus den Augen geratet, den ID.3 nicht nur bilanziell, sondern auch real CO2-neutral zu machen. Auch, um den ewigen E-Auto-Nörglern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Volkswagen. Die Auto.

Besonders viel Wert wurde daraufgelegt, dass Volkswagen jünger und weiblicher wird, das sollte sich unter anderem im neuen (Sound-) Logo spielen (das meiner Meinung zwar nett aussieht, aber auch keine riesige Meldung wert wäre, es erinnert doch stark an das Bestehende).

Der Slogan „Volkswagen. Das Auto.“ Wird jetzt nicht mehr von einem Mann, sondern von Luise Helm, der Synchronsprecherin von Scarlett Johansson gesprochen. Während des heutigen Abends war vom neuen, weiblicheren Volkswagen noch wenig zu sehen – die Vorstände und Redner sind überwiegend Männer.

Wir haben nicht gezählt, aber die männlichen Journalisten waren gefühlt leicht in der Überzahl

Ein wirklich gutes Auto

Zum ID.3 an sich habt Ihr sicher schon den Artikel von Don gelesen, der konnte ihn nämlich auch ausführlicher unter die Lupe nehmen, deshalb meine Meinung nur in Kürze: Auf dem Event wurde zwar eine etwas beschränkte Demoversion gezeigt, in der manche Buttons funktionslose waren, aber das was funktioniert hat, hat mir gut gefallen. Das reduzierte Design ist genau mein Fall, das liebe ich seit Jahren an Tesla. Wie gut sich das in der Praxis bedienen lässt, wird sich zeigen, dafür müssen wir erst noch einen Fahrtest machen. Weniger gefällt mir das Lenkrad, das hat einfach zu viele Knöpfe, die links und rechts jeweils auf einer großen Taste sitzen.

Ansonsten geht der Innenraum in Ordnung, es ist zwar viel Plastik verbaut – das ist aber deutlich wertiger verarbeitet als z.B. in einer Renault Zoe. Die Sitze sind bequem und insbesondere hinten sitzt es sich überraschend gut mit ausreichend Beinfreiheit und einer guten Höhe, weil das Dach erst spät abfällt und entsprechend viel Platz nach oben vorhanden ist.

Der Kofferraum geht in Ordnung, einen Frunk wird man vergeblich suchen, der war bei den kurzen Überhängen wohl nicht drin.

Bei VW sind die Hostessen weiblich – die Männer dürfen lästige Fingerabdrücke bekämpfen

Wasserstoff adieu!

Die VW Group Night war ein reines Elektro-Event. Neben dem Star des Abends, dem VW ID.3, wurden auch sein spanischer Kollege Seat el-Born und die e-Up! Ableger Seat Mii electric und Skoda Citigo-e iV. Außerdem natürlich der Porsche Taycan und der Audi e-tron, die ja beide schon bekannt waren.

Wasserstoffautos suchte man vergeblich und egal, wen wir gefragt haben, alle konnten wunderbar begründen, warum. Sowohl VW-Chef Diess als auch Porsche-Chef Blume verwiesen im Interview auf die verheerende Energiebilanz von Brennstoffzellenfahrzeugen und erklärten, dass Elektroautos deutlich nachhaltiger seien und nur so die Klimaziele erreicht werden könnten.

„Da ist gar nichts dran.“

Das Manager-Magazin hatte vor wenigen Wochen spekuliert, dass Volkswagen womöglich bei Tesla einsteigen wöllte. Herbert Diess sei „der größte Tesla-Fan der Branche, er würde sofort einsteigen wenn er könnte“, sagte laut Manager-Magazin ein hoher VW-Manager. Ersteres bestätigte Diess im Interview mit uns, er habe „großen Respekt“ vor den Leistungen von Tesla, Letzterem erteile er aber eine entschiedene Absage, an den Gerüchten zum VW-Einstieg bei Tesla sei gar nichts dran.

Der CEO und das obligatorische Fahrersitz-Foto

Ein Neuanfang, aber kein radikaler

Auch wichtig zu betonen: Trotz allem Tamtam um den ID.3 und Aussagen wie „Neuanfang“, „auf dem weißen Blatt Papier gestartet“, „das dritte Kapitel nach Käfer und Golf“ und „Elektroautos für alle“ bricht VW nicht komplett mit der alten Welt. Die Wolfsburger werden auf der IAA trotzdem wieder neue, „saubere“ Dieselmotoren vorstellen. So ganz hat man sich dann wohl doch nicht vom Verbrennungsmotor verabschiedet – wenngleich Design Chef Klaus Bischoff im Interview mit uns eingestand, dass VW irgendwann zum reinen E-Autobauer werden muss, wenn man bis 2050 eine klimaneutrale Marke sein will. Vor einigen Monaten sagte ja schon Chefstratege Michael Jost, dass VW 2026 zum letzten Mal eine Verbrenner-Plattform launchen wird, er geht davon aus, dass der letzte Verbrenner 2040 verkauft wird, wir hoffen, dass das deutlich früher der Fall sein wird.

emobly meint: VW startet in eine vielversprechende Zukunft. Der ID.3 markiert einen Wendepunkt und wird zurecht mit den Meilensteinen Käfer und Golf verglichen. Neben der Hauptmarke bringen auf die VW-Töchter immer mehr reine Elektromodelle auf die Straße. Hybridisierung vor allem in etablierten Modellen – alles was auf dem Elektrobaukasten MEB aufsetzt, kommt nur noch als reines Elektroauto. Wir hoffen, dass der ID.3 ein Erfolg wird, dieses Auto könnte Elektromobilität endlich einem breiteren Publikum zugänglich machen. Wichtig ist jetzt, dass Volkswagen konsequent auf diesem Weg bleibt, beim ID.3 schnell große Stückzahlen liefert und die Elektrifizierung auch in anderen Segmenten fortsetzt.

Der Porsche Taycan nackt!

Die Voraussetzungen stimmen – ob VW seine Versprechen auch halten kann, wird sich erst in Zukunft zeigen.

Unsere Exklusiv-Interviews mit Stefan Bratzel (Direktor Center of Automotive Management), Ferdinand Dudenhöffer (Direktor Center Automotive Research), Herbert Diess (Vorstandschef Volkswagen), Oliver Blume (Vorstandschef Porsche) und VW-Designchef Klaus Bischoff findet Ihr sehr bald auf unserem Youtube-Kanal. Ein erstes Hands-On Video zum ID.3 haben wir direkt nach der Enthüllung auf Periscope gestreamt.

Das emobly-Team ist an den beiden Pressetagen 10. und 11.09. weiterhin auf der IAA und berichtet für Euch über Neuheiten und aktuelle Entwicklungen. Für die aktuellsten News folgt Ihr uns am besten auf Twitter.