Duell am Nürburgring – Macht Tesla Porsche platt?

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Tesla soll Porsches Rekord für viertürige Elektroautos auf dem Nürburgring geknackt haben. Allerdings ist diese Meldung mit Vorsicht zu genießen, da die beiden Fahrten nur bedingt vergleichbar waren. Wir tragen die Fakten für Euch zusammen und ordnen die Werte ein.

Was bisher geschah:

Der Porsche Taycan und Teslas Model S sind sich technisch sehr ähnlich. Bei der Reichweite liegt Tesla vorne, dafür bietet Porsche Schnellladung mit 270 kW. Die reinen Specs lesen sich fast identisch. Beschleunigung, Endgeschwindigkeit etc. sind bei beiden Fahrzeugen sehr nah beieinander.

Allerdings ist Porsche im Moment noch deutlich teurer, der Taycan startet bei über 150.000 € – fast doppelt so viel wie Teslas Model S. Ein Blick auf die Aufpreisliste lässt vermuten, dass auch die für unter 100.000 € angekündigte Basisvariante immer noch deutlich mehr als ein Model S kosten wird.

Für Viele stellte sich deshalb die Frage, mit was Porsche seinen Aufschlag rechtfertigt. Neben der exzellenten Verarbeitungsqualität und einem deutlich besseren Werkstatt-Netz als bei Tesla wurde dafür vor allem die Rennstreckentauglichkeit des Taycan angeführt. Um diese zu beweisen, ist Porsche mit dem Wagen in 07:42 Minuten über die Nordschleife gefahren.

Das wollte Tesla-Chef Elon Musk natürlich nicht auf sich sitzen lassen, weshalb er sich in seiner üblichen Art sehr spontan entschloss, ebenfalls ein Auto über den Nürburgring zu jagen.

Wer fährt?

Zunächst bot Ex-Mercedespilot und Formel 1 Weltmeister Nico Rosberg an, das Auto zu fahren, die Wahl viel aber letztendlich auf Thomas Mutsch, Andreas Simonsen und Carl Rydquist, alle ebenfalls sehr erfahrene Rennpiloten.

Im Moment finden nur Testfahrten statt, keine offiziellen Rekordversuche, die erreichten Zeiten können also nicht als Rekorde gewertet werden. Im Rahmen dieser Testfahrten hat Tesla jetzt angeblich eine 20 Sekunden bessere Rundenzeit erreicht als Porsche. Zwar wurde dieser Wert von einem Außenstehenden handgestoppt, aber das reicht aus, um einen deutlichen Abstand zu erkennen.

Im emobly-Interview gab Porsche-Chef Oliver Blume an, ganz genau zu wissen, wer das Rennen gewinnen würde, allerdings sagte er nicht klar, dass es Porsche sei. Vielleicht hatte er eine Vorahnung 😉

Macht Tesla jetzt Porsche platt?

Wohl kaum. Porsches Testfahrzeug war zwar getarnt, entspricht aber ziemlich genau der Serienvariante des Taycan Turbo. Richtig gelesen, nur Turbo, ohne „S“, also nicht die Topvariante. Das bedeutet, dass Porsche einfach noch eine Motorisierung höher klettern kann und dann nochmal deutlich bessere Zeiten erreichen wird, während Tesla ein stark modifiziertes Fahrzeug eingesetzt hat.

Äußerlich sind die Nürburgring-Model S nahe an der Serie, unter der Haube blieb aber wohl kein Stein auf dem anderen: Die Autos verfügen über eine bessere Kühlung mit optimierter Frischluftversorgung, andere Aerodynamik, größere Bremsscheiben, Sonderreifen für Rennstrecken und angeblich auch neue Motoren, Gerüchten zufolge wurden zwei Motoren an der Hinterachse und einer an der Vorderachse verbaut.

Auf den Kofferraumdeckel haben die Tesla-Mitarbeiter die Bezeichnung „P100D+“ geklebt – vielleicht ein Indiz, dass Tesla plant, die modifizierte Variante tatsächlich in Serie zu bringen.  

Wie so oft bei Tesla gilt: Offiziell bestätigt ist nichts, Presse-Arbeit gibt es bei den Kaliforniern praktisch keine.      

Wie geht es weiter? Zunächst hieß es vonseiten des Nürburgrings, man wisse überhaupt nichts von den Testfahrten und es seien keine Slots gebucht, mittlerweile stehen aber Termine fest. Schon morgen soll es erneut Fahrten geben, am 21. wird der Ring dann zwei Stunden komplett gesperrt, damit Tesla freie Bahn hat und am 25. ist nochmal ein 45-minütiger Slot gebucht. Wir rechnen damit, dass es spätestens am 25.09.2019 (nächster Mittwoch) eine offizielle Rundenzeit des Tesla Model S für die Nordschleife gibt. Erst dann kann mit Sicherheit gesagt werden, wer besser ist.

emobly meint: Noch gibt es keine offiziellen Zahlen und um ein Serienfahrzeug handelt es sich auch nicht, insofern sollte man den 20-Sekunden-Vorsprung nicht zu hoch aufhängen. Wenn Porsche eine aufgebohrte Version des Taycans auf den Nürburgring loslässt, sollte dieser Vorsprung gut aufzuholen sein.

Nichtdestotrotz ist es eine beachtliche Leistung der Tesla-Ingenieure, in einer Nacht- und Nebelaktion ein deutlich älteres Modell – quasi ambulant – so zu verändern, dass es einen nagelneuen Wettbewerber schlägt, noch dazu Porsche, die am Nürburgring ja eigentlich den Heimvorteil haben.

Falls Tesla die P100D+ Variante zu einem guten Preis auf den Markt bringt, könnte das doch einige Taycan-Interessenten zu Tesla ziehen.

Vor lauter sportlichem Ehrgeiz darf aber eines nicht aus dem Blick geraten: Zwar ist die Rundenzeit ein gutes Kriterium zur Beurteilung eines Fahrzeugs – aber in der alltäglichen Nutzung ist sie irrelevant. Taycan und Model S werden sich beide gut verkaufen, egal, wer von beiden ein paar Sekunden schneller oder langsamer durch die grüne Hölle rast.

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Robin Engelhardt
Seit ich 2014 zufällig in einem Tesla saß, lässt mich das Thema Elektromobilität nicht mehr los. Ich habe meinem Vater vorgerechnet, dass er im Außendienst mit einem Model S billiger fährt als mit einem Daimler, meinen Führerschein auf einem Elektroauto gemacht und 2016 zusammen mit meinem Vater eine kleine Elektroautovermietung gegründet.