Elektrofahrer-Studie: Umweltschutz ist nur Nebeneffekt

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Das auf E-Mobilität spezialisierte Unternehmen NewMotion (Shell Recharge) hat für seine Studie „EV Driver Survey 2020“ 5.500 Elektrofahrer befragt und kam stellenweise zu interessanten Ergebnissen. Wir haben das Wichtigste zusammengefasst und geben unsere Einschätzung dazu ab. Die Studie gibt es hier zu lesen.

80% der Befragten aus Niederlanden oder Deutschland

Bevor wir uns den Erkenntnissen der Studie widmen, blicken wir kurz auf die Datengrundlage: NewMotion hat knappe 5.500 Nutzer befragt und davon knapp 4.500 Datensätze verwendet, die ausreichende Qualität hatten. Von den insgesamt Befragten kommen die Hälfte aus den Niederlanden, ein Drittel aus Deutschland, 6% aus Belgien, 5% aus Großbritannien und die letzten 7% aus den übrigen Ländern. Wirklich belastbar sind nur die Ergebnisse aus Deutschland und den Niederlanden – die anderen Länder können zwar eine richtige Tendenz zeigen, aber die Stichprobengröße ist da einfach sehr klein – die Daten sind dementsprechend mit Vorsicht zu genießen.

Elektrische Vielfahrer

Fast 60% der Elektrofahrer fahren mehr als 15.000 Kilometer im Jahr und nur ein Viertel fährt weniger als 10.000 km/ Jahr. Der Mythos, das Elektroauto sei vor allem für kurze Strecken prädestiniert, wird hier mal wieder widerlegt: Die Nutzungsrealität sieht anders aus.

Fahrleistung von Elektroautos. Screenshot: NewMotion

Ein Grund für die Nutzung auf langen Strecken dürfte die Kostenersparnis sein – Elektroautos sind zwar teurer in der Anschaffung, aber sehr günstig im Betrieb – je größer die Fahrleistung, desto eher rechnet sich ein Elektroauto. Diese Tatsache spiegelt sich auch in den Kaufgründen wider: Einsparungen sind zusammen mit Fahrspaß die wichtigsten Gründe, sich ein Elektroauto zu kaufen.

Umweltschutz? Schöner Nebeneffekt, aber kein Kaufgrund

Ökologische Gründe hingegen spielen nur für ein Prozent der Befragten eine Rolle. Elektrofahrer*innen wundert das nicht: Wer einmal in einem Elektroauto das Strompedal ins Bodenblech gehauen hat, ist in Zukunft von jedem Verbrenner enttäuscht. Wer einmal lautlos durch die Landschaft gefahren ist, will nie wieder ein brummendes, rüttelndes Auto fahren.

Diagramm über die Gründe, ein Elektroauto zu kaufen.
Gründe für die Anschaffung eines Elektroautos. Screenshot: NewMotion

Das Umweltschutz nicht der Anschaffungsgrund für das E-Auto war, heißt aber nicht, dass Elektrofahrer nicht umweltbewusst wären: 81% der Befragten stufen sich selbst als „umweltbewusste Person“ ein. Mal wieder wird deutlich: Auch umweltbewusste Menschen müssen am Ende des Tages aufs Geld schauen, Umweltschutz allein verkauft keine Autos.

Reichweite? Gut, aber mit Luft nach oben

Bei der Bewertung der Reichweite ergibt sich ein differenziertes Bild: Zwar ist ein sehr großer Teil der Befragten (72%) zufrieden mit der Reichweite ihres Autos, gleichzeitig ist aber die Hälfte der Ansicht, die Reichweiten müssten für größere Akzeptanz noch weiter steigen.

Im Schnitt werden nur 20% des Akkus benötigt

Das verwundert angesichts der Durchschnittsfahrleistung von 40 km pro Tag und Reichweiten von mindestens 200 bis weit über 500 Kilometern nicht wirklich, allerdings liegt schnell ein falscher Schluss nahe:

Wenn nur 20 % des Akkus genutzt werden, sind dann nicht Plug-In Hybride mit kleinen Akkus sinnvoller? Nein! Für Menschen, die wenig Strecken fahren, ist ein Elektroauto mit kleinem Akku die beste Wahl. Unnötiges Gewicht und Ressourcen durch die Gegend zu fahren ist grundsätzlich schlecht – egal, ob es ein überdimensionierter Akku oder ein unbenutzter Verbrennungsmotor ist.

Allerdings kann gerade für Autofahrer ohne eigene Lademöglichkeit ein Elektroauto mit größerem Akku sinnvoll sein: Einmal die Woche eine halbe Stunde zum DC-Lader fahren ist deutlich angenehmer, als den Plug-In Hybrid jeden Abend an der langsamen AC-Säule anstecken zu müssen – sofern die überhaupt frei ist.

Für Autobauer sollte sich dadurch vor allem eine andere Erkenntnis ergeben: Es ist wichtig, den Kunden verschiedene Akkugrößen anzubieten, eine Akkugröße pro Modell ist die schlechteste Option, weil sie für die einen Nutzer zu groß und für die anderen zu klein ist.

Nur noch eine Hand voll Ladekarten

Deutsche Elektrofahrer*innen besitzen im Schnitt knapp drei Ladekarten, niederländische zwei. Über ein Drittel aller Befragten hat nur eine oder keine Ladekarte und nur 15% haben mehr als fünf Karten. Die Pionierzeiten, in denen Vielfahrer ein Mäppchen mit 30 Ladekarten herumschleppen mussten, sind also definitiv (und zum Glück!) vorbei.

Wo mehr Ladeinfrastruktur dringend gebraucht wird:

Nur 1% aller Elektrofahrer*innen stellen ihr Fahrzeug in einer gemeinschaftlich genutzten Garage ab. Zumindest in Deutschland ist es so, dass verschiedene Gesetze das Errichten einer eigenen Lademöglichkeit in Tiefgaragen drastisch erschwert – möglicherweise ein Grund für diese Zahlen, dabei sind gerade Garagen ja ein sehr sinnvoller Ort für private Lademöglichkeiten.

Ebenfalls großer Verbesserungsbedarf besteht beim Arbeitgeber-Laden: Hier stehen die Fahrzeuge der Angestellten jeden Tag stundenlang, allerdings geben 40% aller Befragten an, noch nie in ihrer Arbeitsstätte geladen zu haben.

Fahrverhalten ändert sich – aber nicht drastisch

Screenshot: NewMotion

Zwar gibt die Hälfte der Befragten an, ihr Fahrverhalten mit dem Wechsel zum Elektroauto geändert zu haben, große Einschränkungen sind damit aber nicht verbunden. Weniger als ein Drittel traut sich mit einem Elektroauto nicht mehr auf eine Urlaubsfahrt ins Ausland – zwei Drittel hingegen sagen, ihre Fahrten seien nicht kürzer geworden.
45% beschleunigen mit einem Elektroauto schneller und zwei Drittel benutzen kaum noch Tankstellen – das ist die wohl größte (und wenig überraschende) Änderung des Fahrverhaltens.

emobly meint: Der EV Driver Survey 2020 bestätigt viele der Erfahrungen, die wir als Team mit unseren Elektroautos selbst regelmäßig machen und zeichnet im Großen und Ganzen ein positives Bild. Sie liefert Fakten gegen den Mythos vom auf den Stadteinsatz beschränkten Elektroauto und zeigt, dass Elektroautos objektiv nicht schlechter als konventionelle Fahrzeuge sind.

Es werden aber auch Schwachstellen deutlich, die schnell behoben werden müssen, um die Akzeptanz von Elektroautos weiter zu erhöhen.

Das klarste Ergebnis lieferte die Befragung zu den Kaufgründen – Umweltschutz spielt quasi keine Rolle. Hersteller, die vorgeben, aus diesen Gründen auf kleine Akkus oder sogar gedrosselte Performance zu setzen (z.B. Mazda) werden mit dieser Strategie nicht erfolgreich sein.