Gefährdet Corona die Elektromobilität?

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Immer mehr Länder begeben sich in einen Corona-Shutdown, doch noch bevor die Maßnahmen überhaupt Zeit hatten zu wirken, werden Debatten über „Exit-Strategien“ geführt. Dabei sind auch neue Förderungen für Verbrennungsmotoren und Aufweichungen von Klimazielen im Gespräch, was die Frage aufwirft, ob die Folgen der Sars-CoV-2-Pandemie die Elektromobilität ausbremsen.

Beginnen wir mit den positiven Meldungen – auch wenn Corona eine Tragödie ist, gibt es doch ein paar gute Auswirkungen der Krise:

Gebrauchtwagenpreise könnten fallen

Wer sich ein Elektroauto gekauft hat und jetzt dringend Cash braucht weil Einnahmen fehlen, könnte in die Überlegung kommen, das Elektroauto wieder zu Geld zu machen. Und wenn das Geld schnell her muss, könnten Verkäufer bereit sein, niedrigere Preise zu akzeptieren.

Gute Entwicklung in China

In China arbeiten die Autofabriken wieder weitgehend normal und es gibt sogar richtig gute Nachrichten von einigen chinesischen Autobauern: Geely produziert endlich den Polestar 2, BYD bringt im Juni den Han EV und bietet außerdem auch anderen OEMs seine Komponenten zum Kauf an – darauf könnten andere Autobauer ausweichen, falls ihre eigenen Zulieferer Probleme haben.

Auch die Tesla Gigafactory in Shanghai läuft wieder, hier werden also bald wieder große Mengen an Model 3 in den Verkauf gebracht.

Natürlich produzieren auch deutsche Hersteller in China und die Werke dort laufen auch wieder, aber die BEV-Modelle der deutschen Hersteller werden nahezu ausschließlich in Europa gefertigt, lediglich VW hat mit dem e-Golf ein Elektroauto im Angebot, dass zusätzlich zur Produktion in Dresden auch in Foshan (China) vom Band läuft und dementsprechend früher wieder verfügbar sein könnte.

Welche Elektroautos noch zu kriegen sind, haben wir auch im emobly Live-Talk vergangenen Sonntag diskutiert.

Geschlossene Tankstellen

Das könnte die größten positiven Effekte für Elektroautos haben, ist aber (noch) relativ unwahrscheinlich: In Italien haben immer mehr Tankstellen geschlossen, weil sich der Betrieb bei 85 % Umsatzeinbußen und gleichzeitig hohem Infektionsrisiko für die Mitarbeiter nicht mehr lohnt. Wenn dieser Zustand länger anhält, werden Verbrenner nicht mehr als so zuverlässig wie bisher wahrgenommen, weil man eben nicht mehr „einfach und überall“ tanken kann.

Elektroautos hingegen kann man wahlweise daheim oder an öffentlichen Ladestationen aufladen – beide Optionen kommen ohne Personal aus, deswegen sind hier im Gegensatz zu fossilen Tankstellen auch keine Schließungen zu befürchten.

Allerdings wird in Italien mit Hochdruck daran gearbeitet, die Tankstellen wieder zu öffnen und in Deutschland sind die Umsatzeinbußen (noch) deutlich geringer als in Italien. Natürlich wünschen wir uns keine dauerhaft geschlossenen Benzin-Tankstellen – falls es aber doch dazu kommen sollte, wäre das eines der stärksten Argumente für Elektroautos.

So wie hier in München sieht es in vielen europäischen Städten aus: riesige Ausfallstraßen sind zur Hauptverkerszeit leergefegt. Die Autos fehlen jetzt natürlich an den Tankstellen oder Ladestationen.

Wer jetzt dazu neigt, Corona als leicht positiv einzustufen, findet in den negativen Auswirkungen Ernüchterung:

Autos noch schlechter verfügbar

Wie oben bereits angedeutet, sind viele Elektroautowerke gerade geschlossen. Die Wartezeit auf ein neues Elektroauto war (je nach Hersteller) schon vor Corona beträchtlich (mehrere Monate bis hin zu einem Jahr) – wenn zu dieser Wartezeit noch eine mehrwöchige Schließung der Werke kommt, zieht sich die Warterei noch mehr.

Wer zum Leasingende seines alten Autos auf ein Elektroauto umsteigen wollte, entscheidet sich bei einem halben Jahr mehr Wartezeit vielleicht doch dagegen. Gutes Beispiel für dieses Problem ist das Facelift des Chevrolet Bolt, sein Marktstart wurde Corona-bedingt um ein ganzes Jahr nach hinten geschoben.

Erstes Unternehmen stoppt den Ausbau der Ladeinfrastruktur

Trotz guten Entwicklungen (und operativer Profitabilität) im Jahr 2019 hat Fastned den Ausbau seiner Ladeinfrastruktur gestoppt, als Gründe werden die Sicherung der Liquidität für 2021 und die drastisch gesunkene Nutzung der bestehenden Ladesäulen (70% weniger Ladevorgänge) genannt. Eine wirkliche Bremse für Elektroautos ist das nicht, noch gibt es ja mehr als genug Ladestationen für die Bestandsflotte.

Problematisch ist hier eher die Signalwirkung – die Schlagzeile „es werden keine neuen Ladestationen für Elektroautos gebaut“ könnte noch Monate durch das Internet geistern, wie es beispielsweise bei der berühmt-berüchtigten Schweden-Studie der Fall war.

Ölpreis fällt

Erdöl ist durch zwei Faktoren massiv billiger geworden: Einerseits fahren kaum noch Autos und fliegen kaum noch Flugzeuge, die Nachfrage sinkt also. Hinzu kommt ein Preiskampf zwischen Russland und Saudi-Arabien, der den Preis zusätzlich drückt. Dass billige Kraftstoffe keine Werbung für Elektroautos sind, dürfte einleuchtend sein.

Konjunkturprogramme stützen auch fossile Antriebe

Wenn nach Corona zur Trauma-Bewältigung die gleichen „plumpen“ Konjunkturprogramme wie nach der Finanzkrise von 2008 aufgelegt werden, bekommen auch Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor wieder hohe Förderungen.

Gefordert werden diese Programme mit markigen Aussagen wie „Da muss das Thema Klimaschutz mal in den Hintergrund treten“ vom ElringKlinger-Chef Stefan Wolf, der nach Förderprogrammen explizit für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor ruft.

Aufweichen der CO2-Ziele

Nicht nur vom ACEA (Verband der europäischen Automobilhersteller), sondern auch vonseiten der Politik (z.B. Ex-EU-Kommissar Günther Oettinger) werden Stimmen laut, die eine Verschiebung der CO2-Flottengrenzen fordern, damit die Strafzahlungen die Hersteller nicht belasten. Die quasi-Pflicht der Autobauer, einen gewissen Anteil reine Elektroautos oder einen noch höheren Anteil Plug-In-Hybride zu verkaufen, wäre damit erstmal außer Kraft und dadurch auch der Anreiz für die Autobauer, die elektrischen Modelle mit Rabatten in den Markt zu drücken.

Fazit: Was wirkt sich am stärksten auf die Elektromobilität aus?

Einige der negativen Faktoren haben schon allein das Potential, die Elektromobilität ganz gehörig auszubremsen – sollten sie kombiniert auftreten, würde uns das um Jahre zurückwerfen, die positiven Faktoren dürften nicht ausreichen, um diesen Rückschlag auszugleichen, es ist allenfalls ein leichtes Abmildern drin.

Es stellt sich also nicht die Frage, ob Corona die Elektromobilität ausbremsen wird – sondern wie stark und wie nachhaltig? Die schlechtere Verfügbarkeit der Fahrzeuge und der Ölpreis dürften zu einem starken Einbruch der Verkäufe führen (hier werden die Zulassungszahlen im April spannend), allerdings könnte dieser Spuk schnell vorbei sein, wenn die Fabriken wieder produzieren und die Menschen wieder mit Auto und Flugzeug unterwegs sind und so den Erdölpreis wieder hochtreiben.

Sorge machen vor allem die möglichen politischen Interventionen: Das Vertagen der CO2-Ziele würde für den Zeitraum der Verschiebung die Elektroauto-Verkäufe stark negativ beeinflussen – für alle Autobauer, die auf einen wachsenden Elektroautomarkt gesetzt hatten, allen voran Volkswagen, wäre das fatal.

Ölpreis und Produktion werden sich mit Ende der Krise rasch erholen, die Gefahr liegt vor allem in politischen Maßnahmen, die über den Zeitraum der Krise hinaus weiterwirken. Hier ist es von großer Bedeutung, dass Bundes- und Europapolitiker*innen sich nicht dem Druck der Autolobby beugen, sondern die bisherigen Regelungen verteidigen.

Das gilt übrigens auch ganz grundsätzlich für alle Wirtschaftsbereiche: Wenn jetzt unter dem Deckmantel der Krisenbewältigung CO2-intensive Unternehmen mit Steuergeld gestützt werden, konterkariert das alle Klimaschutzbestrebungen der vergangenen Jahre.

Mit Blick auf das bisherige Verhalten der Politik befürchte ich, dass die Befürworter von laschen CO2-Regeln sich durchsetzen und rechne mit einem starken und länger andauernden Einbruch bei den weltweiten Verkaufszahlen von Elektroautos.