Interview: Marion Jungbluth zum Ladesäulen-Ärger in Deutschland

Marion Jungbluth - Quelle: VZBV

Das Laden an öffentlichen Ladestationen gleicht einem Roulettespiel: Preisschwankungen von bis zu 300% je nach Anbieter oder Roaming-Verbund sind noch das geringste Ärgernis. Oft werden defekte Ladesäulen wochenlang nicht repariert. Ein Bündnis aus Verbraucherschützern und Experten haben diese Woche einen Forderungskatalog an Politik und Betreiber vorgelegt. Dazu ein Gespräch mit Marion Jungbluth vom Verbraucherzentrale Bundesverband.

 

 

Wie kam es zu diesem Forderungskatalog?

Marion Jungbluth: Natürlich beschäftigen wir uns schon lange mit Elektromobilität. Seit anderthalb Jahren bekommen wir aber immer häufiger Mails, auch Briefe von Nutzern, die uns gesagt haben, die Situation an den Ladesäulen sei unmöglich. Einerseits geht es da um die Preise, andererseits auch um den Zugang. In der Folge hatten wir dann drei runde Tische, wo Nutzerverbände aber auch Wissenschaftler, eine ganze Reihe von Experten involviert waren. Wir haben diese Themen dort intensiv besprochen und daraus dann unseren Forderungskatalog erstellt.

Können Sie die Probleme der Nutzer näher beschreiben?

Marion Jungbluth: Diejenigen, die jetzt schon länger Elektroauto fahren, wissen ja, dass die meisten Ladevorgänge entweder zuhause oder beim Arbeitgeber stattfinden. Trotzdem ist man zu etwa ein Drittel der Ladevorgänge auf öffentliche Lademöglichkeiten angewiesen, die werden ja auch vom Bund intensiv gefördert. 

Viele berichten uns davon, dass die Preise an den Ladesäulen völlig willkürlich, oft auch ungerecht gestaltet sind. Das ist ein Auswuchs der nicht rechtlich geklärten Eichrecht-Problematik. So gibt es zum Beispiel an vielen Ladesäulen jetzt eine pauschale Gebühr pro Ladevorgang eine sog. „Session-Fee“. Die ist nach unserer Auffassung nicht rechtskonform.

Gleichzeitig wissen wir auch, dass wir uns momentan in einer Übergangsphase befinden und wir ja auch nicht wollen, dass diese Säulen alle wieder abgebaut werden. Auch beim Roaming sehen wir oft erhebliche Preisaufschläge, die man ja noch von den Anfängen des Mobilfunks kennt. Alles in allem kann man sagen: Dieser Wildwuchs ist ein großes Problem, das auf dem Rücken der Nutzer ausgetragen wird.

Wieso ist das so?

Marion Jungbluth: Das Bundeswirtschaftsministerium möchte die Entwicklung dem Markt überlassen und hat da keinerlei Regulierung vorgesehen, so dass sich da zum Teil abenteuerliche Dinge gebildet haben. 

Aber Wettbewerb ist doch nicht schlecht?

Marion Jungbluth: Grundsätzlich ist Wettbewerb natürlich zu begrüßen, allerdings wenn sich dann ein solcher Wildwuchs ergibt, ist das bestimmt kein Argument, um die Elektromobilität attraktiv zu machen. Stellen wir uns mal vor im Jahr 2020 könnte tatsächlich der Knoten platzen und es kommen viele attraktive Elektroauto-Modelle auf den Markt und die Leute greifen zu – dann potenzieren sich ja diese Probleme. Dann stehen auf einem nicht nur eine Hand voll Elektroautofahrer da und kämpfen mit der Ladesäule sondern dann wird das ein Massenproblem.

Viel Arbeit für Sie…

Marion Jungbluth: …das wäre gar nicht so sehr meine Sorge, vielmehr dass das Thema Elektromobilität als solches dann schnell in den Verruf geraten könnte, wenn es da eine Ladeinfrastruktur gibt, die unbenutzbar ist oder bei der einem mitunter horrende Preise abverlangt werden. 

Jenseits der Kosten, was sind weitere Probleme, mit dem die Leute zu Ihnen kommen?

Marion Jungbluth: Das zweite Ärgernis der Nutzer ist, dass man oft nicht das richtige Zugangsmedium bei sich trägt. Da gibt es Apps, mobile Webseiten, RFID-Karten bis hin zu Token-Zugänge. Das ist natürlich ärgerlich, wenn man irgendwo gestrandet ist und nicht das richtige Zugangsmedium bei sich trägt.

Ist das nicht auch ein Informationsproblem?

Marion Jungbluth: Genau, und hier sind wir bei einem ganz zentralen Thema, nämlich die mangelnde Transparenz. Es gibt zwar eine Ladesäulenkarte bei der Bundesnetzagentur, allerdings ist die nicht vollständig und nicht dynamisch. Das heißt, man weiß gar nicht, ist eine Ladesäule überhaupt intakt, wenn ich dahin komme. Kann ich die mit meinen Verträgen überhaupt nutzen? Und dann wär’s natürlich schön zu wissen, ob die Ladesäule auch frei ist, wenn ich da jetzt hinfahre. Also da gibt es noch eine Menge zu tun.

Ein besonderes Ärgernis sind sicher auch defekte Ladesäulen, oder?

Marion Jungbluth: Absolut. Wir hören immer wieder, dass gerade Ladesäulen, die mit öffentlichen Geldern gefördert werden, defekt sind und über längere Zeit gar nicht repariert werden. Deshalb haben wir auch die Forderung in unserem Katalog mit aufgenommen, dass es da auch eine Verpflichtung seitens der Anbieter gibt, die Säulen zeitnah zu reparieren und bei Verstößen das dann eben auch entsprechend zu sanktionieren.

Was bedeutet für Sie „zeitnah“?

Marion Jungbluth: Eigentlich am gleichen Tag. Eine Ladesäule ist ja eine wichtige Anlaufstelle für einen Elektroautofahrer. Solange nicht alle drei Meter eine solche Säule steht, muss sich ein Autofahrer darauf verlassen können, dass die ich angezeigt bekommen, dann auch wirklich verfügbar ist. 

Ihr Forderungskatalog ist seit dieser Woche öffentlich. Wie waren die Reaktionen?

Marion Jungbluth: Wir haben sehr viel positive Reaktionen bekommen, nach dem Motto: Gut dass ihr euch diesem Thema annehmt. Wir gehen damit jetzt auch in die Verhandlungen mit dem Wirtschaftsministerium im Rahmen der nationalen Plattform „Zukunft der Mobilität“. 

Gab’s auch Kritik?

Marion Jungbluth: Wenn man in den sozialen Netzwerken etwas zur Elektromobilität postet gibt es immer grundlegende Kritik, etwa: Das funktioniert ja alles nicht, oder die Leute schreiben, nach dem Diesel-Skandal sei das die nächste Verarsche der Verbraucher. Das weist darauf hin, dass gerade im Bereich Elektromobilität ein großer Bedarf besteht an neutralen, nüchternen, fachlichen Informationen.

Den kompletten Forderungskatalog mit Erläuterungen gibt es hier als Download (PDF).