Ionity-Chef: Wir wollen niemanden ausgrenzen

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Ionity-Chef Michael Hajesch / Foto: emobly

Seit der Ankündigung, dass Ionity zum 1. Februar sein Preismodell umstellt, steht der Ladenetzbetreiber in der Kritik. In Foren und in den sozialen Netzwerken schimpfen E-Autofahrer, dass Ionity mit seinen neuen Preisen die Automarken seiner Gesellschafter krass bevorzugt. Und das auch noch auf Kosten des Steuerzahlers. Wir haben uns mit Michael Hajesch, Chef von Ionity, getroffen.

Collage: incl. Shutterstock

Michael Hajesch, hinter Ihnen liegen nervenaufreibende Tage. Wie war das Feedback auf das neue Preismodell?

Die komplette Bandbreite. Von Verständnis bis Entrüstung. Bei traditionellen Medien, aber selbstverständlich auch in den sozialen Medien, weil da natürlich die Reaktionszeit entsprechend kürzer ist und eine gewisse Anonymität Raum für viel Spekulation und individuelle Kommentare bietet. Einiges  wurde nicht ausreichend klar kommuniziert und auch verstanden. Daran werden wir anknüpfen und das Produkt Ionity besser erklären.

Viele E-Autofahrer sind sauer. Vor allem solche, die in Zukunft bei Ihnen mit 79 Cent pro kWh zur Kasse gebeten werden. Wo fühlen Sie sich denn missverstanden?

Wir sind offen. Wir werden von allen Autofahrern genutzt, die einen CCS-Stecker haben und daran ändert sich nichts. Fangen wir mal vorne an. Warum gibt es Ionity überhaupt? Wir sind die einzigen, die in Europa gerade ein HPC-Netzwerk aufbauen, mit allen positiven Aspekten für den Endkunden. Sei es die hohe Verfügbarkeit, das war ein Top-Kritikpunkt der Vergangenheit. Wir bieten nicht nur einen Charger, sondern vier bis sechs Charger pro Standort. Die maximale Ladeleistung und dabei nicht immer nur einen 50 kW-Charger, sondern bis zu 350 kW, das heißt wir können die komplette Bandbreite der Fahrzeuge von gestern, von heute und von morgen bedienen. 100 Prozent Ökostrom, eine 24-Stunden-Hotline mit sieben Sprachen. Und das für unseren Langstrecken Use-Case immer direkt an der Autobahn mit vielen Standortpartnern. Ich glaube, dieses Leistungsangbot ist untergegangen in der Berichterstattung weil sich alles um den Preis von 79 Cent pro kWh gedreht hat, wohlwissend, dass es für den Kunden immer die Möglichkeit gibt über entsprechende Mobility Service Provider oder Ladedienstanbieter auch andere Angebote zu nutzen, die dann vielleicht auch günstiger sind.

Dennoch messen Sie mit zweierlei Maß. Für die Automarken der eigenen Gesellschafter bieten Sie einen günstigen Preis, bei Konkurrenz-Herstellern langen Sie ordentlich zu…

Das stimmt nicht. Das ist nicht korrekt. 

Was stimmt nicht?

Nicht Ionity macht das Endkundenangebot. Das ist wichtig zu unterscheiden, sondern die jeweiligen Mobility Service Provider der entsprechenden Hersteller machen das Endkundenangebot. Wie der individuelle Preispunkt für diese Angebote zustande kommt, dazu wenden sie sich bitte an die Hersteller. Die Konditionen, die wir mit B2B-Partnern verhandeln, die dann ihre Ladeservices dem Endkunden anbieten und damit auch den individuellen Preis anbieten, die sind für alle von der Systematik her identisch.

Sie wollen damit sagen, wenn beispielsweise Tesla zu Ihnen kommen würde und den gleichen Einkaufspreis haben möchte, wie einer Ihrer Gesellschafter, dann würde Tesla exakt die selben Konditionen erhalten?

Wir schon gesagt, sind wir für alle MSPs gesprächsbereit und freuen uns wenn sie auf uns zukommen. Das kommt immer darauf an, um welche Stückzahlen, um welches Volumen es sich handelt und was die individuellen Anforderungen der MSPs sind. Es gibt unterschiedliche Kategorien, unterschiedliche Kundengruppen. Es gibt den traditionellen Vielfahrer, der oft Langstrecke fährt, der hat vielleicht andere Konditionen wie derjenige, der vielleicht drei oder vier mal im Jahr Ionity benutzt. Oder reine Flottenanbieter und viele mehr. Mobilty Service Provider haben in der Regel verschiedene Tarifklassen, die verschiedene Leistungsangebote beinhalten. Was uns extrem wichtig ist: Wir sind offen. Ich würde mich sehr freuen wenn morgen Tesla kommt und sagt wir würden gerne als Mobility Service Provider für unsere Kunden das Ionity HPC Ladenetzwerk in unser Angebot integrieren.

War diese neue Preis-Struktur etwa ein Lex Tesla, weil sie gemerkt haben, dass vor allem Model 3-Besitzer gerne bei Ionity laden?

Klare kurze Antwort: Nein. Das Feedback auf unser Angebot war ja durchweg positiv. Die Verfügbarkeit und das Leistungsangebot mit heute 202 Stationen live in 20 Ländern, da kommen ja noch einmal genauso viele Stationen bis Anfang des nächsten Jahres dazu. Die Verfügbarkeit, die volle Power, das sind ja alles Punkte, da sind wir ja immer positiv wahrgenommen worden in der Vergangenheit. 

200.000 Ladungen hat Ionity 2019 durchgeführt. Wieviel davon waren Tesla Model 3?

Schwer zu sagen, der Tesla war ja noch nicht das ganze Jahr über im Markt. Aber was uns selber überrascht hat, dass viele Fahrzeuge in der 50 kW-Klasse unterwegs sind. Aber auch bei den neueren Modellen: Model 3,  iPace, Kona, e-tron und Co sieht man deutlich, dass jetzt auch der Bedarf an Ladeleistung steigt. Wir adressieren ja aktuell ausschließlich die Langstrecke. Da ist man nie am Ziel. Dort ist für den Kunden eine kurze Ladezeit von großer Bedeutung gegenüber z.B. Laden über Nacht zuhause an der Wallbox wo sechs und mehr Stunden Standzeit kein Problem sind. Daher ist unser Leistungsangebot ja auf hohe Verfügbarkeit mit maximaler Ladeleistung ausgelegt. Immer möglichst volle Power, immer möglichst voll laden. Auf der Langstrecke extrem wertvoll für den Endkunden. Dahin geht der Trend.

Was waren denn die Top 3 Marken 2019 bei Ionity-Ladesäulen?

Da möchte ich jetzt keine einzelnen Marken nennen. Man kann sagen: Die Fahrzeuge mit den großen Batterien, die sehen wir schon relativ häufig an unseren Stationen. Da gehört  natürlich auch Tesla mit dazu. Aber genauso stark ist auch der Audi e-tron, genauso stark ist auch Hyundai mit seinen Fahrzeugen.

Wir würden Sie ausgerechnet einem Tesla Model 3 Fahrer jetzt erklären, dass der ab Februar mehr als das Doppelte abdrücken muss gegenüber einem Porsche oder einem Audi, also jene Hersteller, die zufällig auch Gesellschafter von Ionity sind?

Wie eingangs schon gesagt, stehen wir allen Interessierten Mobility Service Anbieter offen, die unser Ionity HPC Ladenetzwerk in ihr jeweiliges Produktangebot für Ihre Endkunden integrieren möchten. Das Leistungsangebot des jeweiligen Mobility Service Providers muss man sich genau anschauen, was ist denn genau im Angebot z.B. des e-tron-Ladeservices mit drin. Da ist ja nicht nur Ionity mit drin, da sind ja auch andere Anbieter mit dabei. Die Bedingungen, die wir mit den Partnern verhandeln, die stehen auch allen anderen Interessierten zu, damit auch Tesla. Die wichtige Botschaft lautet: Wir waren offen und wir sind offen. Und das gilt auch für die Zukunft. Wir sind kein Closed Shop. Ich will hier nicht irgendwelche Marken oder Nicht-Shareholder ausgrenzen. Ganz im Gegenteil.

Wenn Sie so offen und auch so transparent sind, wie lauten denn die Koditionen, die Sie Ihren eigenen Gesellschaftern, also BMW, Audi, VW, Mercedes und Porsche bieten?

Sie wissen, dass ich das rein rechtlich nicht offenlegen darf. 

Damit lässt sich aber schwer nachvollziehen, wie offen Sie tatsächlich gegenüber Nicht-Shareholdern sind. Können Sie wenigstens nachvollziehen, dass manche Kunden, die über keinen Ladeplan der oben genannten Fahrzeugmarken verfügen, hier ein gewisses „Geschmäckle“ vermuten?

Was meinen Sie mit Geschmäckle? 

Dass es hier geheime Absprachen gibt, um die eigenen Fahrzeuge gegenüber der Konkurrenz zu pushen?

WIr sprechen mit allen Herstellern – übrigens auch mit vielen anderen Mobility Service Providern, die keine Hersteller von Fahrzeugen sind.  

Die Frage war, ob Sie es verstehen können, dass sich manche Ihrer Kunden übers Ohr gehauen fühlen?

Ich kann nachvollziehen, dass aufgrund der einseitigen Berichterstattung über die 79 Cent da einige ein bisschen überrascht waren. Aber zu sagen, das hat ein Geschmäckle, das kann ich nicht nachvollziehen. Wie gesagt, es gibt viele Ladekarten-Anbieter, mit denen man heute ja auch Ionity nutzen kann mit unserer 8-Euro-Flatrate. Ich bin fest davon überzeugt, dass Sie auch nach dem 1. Februar Ionity weiterhin zu guten Preisen nutzen können.

Zur Frage nach den Subventionen…

…Sie meinen die Fördergelder, um die wir uns beworben haben.

Sie kassieren Steuergelder, die ja von allen gezahlt werden, unabhängig davon, welches Auto sie fahren. Fühlen Sie sich da nicht auch verpflichtet, allen Autofahrern die gleichen Preise zu berechnen?

Machen wir ja. Jeder Ad-hoc-Kunde, der uns spontan nutzen will, ohne Vertrag, kriegt die 79 Cent pro kWh und alle Kunden bekommen das gleiche Leistungsangebot von Ionity.  Alle anderen müssen sich dann mit ihrem Mobilitäts-Servcie-Anbieter auseinandersetzen, welcher Anbieter für Sie individuell das beste Angebot darstellt. Das sind dann aber deren Konditionen. Von daher sind wir da transparent und sauber. So gesehen sind das die gleichen Konditionen. 

Ich bin mir sicher, Sie werden sich da juristisch abgesichert haben. Aber ist das nicht eine versteckte Wettbewerbsverzerrung, gefördert durch Steuergelder?

Null. Überhaupt nicht. Fördermaßnahmen der jeweiligen nationalen Regierung oder EU Kommission verfolgen ja einen konkreten Zweck. Politisch gewollte und damit einen gesellschaftlich relevanten Nutzen zu fördern. Die Förderung der Lade-Infrastruktur dient der raschen Marktdruchdringung der Elektromobilität welche sowohl einen Beitrag für die nachhaltige Mobilität und durch das Grünstromangebot auch einen Beitrag zur europäischen Energiewende leistet. Die fehlende Infrastruktur war stets ein Top-Kritikpunkt in der Vergangenheit. Wir leisten einen Riesenbeitrag, auch politisch, das Netzwerk aufzubauen, zu betreiben und die Verfügbarkeit signifikant nach oben zu treiben und zur Verfügung zu stellen. 

Aber das leistet Fastned doch genauso. Und die unterscheiden bei ihren Endkundenpreisen nicht nach Herstellern.

Über die Preisstrategie von Fastned oder die anderen Anbieter, die sich auch um Fördergeldern bewerben, kann ich nicht sprechen. Nochmal: Wir sind hier für alle Anbieter offen. Aber wenn Sie schreiben, wir bekommen Fördergelder, bis zu 20 Prozent, was ja auch korrekt ist, heißt das auch im Umkehrschluss: 80 Prozent der Kosten sind privatwirtschaftliche Investitionen. Da reden wir nicht über kleines Geld, da reden wir über dreistellige Millionenbeträge. Das müssen Sie erst einmal aufbringen. Der Vorwurf, den man uns nicht machen kann, ist, dass wir nicht liefern. Insofern kann ich den Angriffspunkt: ‚Ionity kriegt Fördermittel, wehalb sind die so teuer‘ in keinster Weise nachvollziehen. Wenn wir wollen, dass hier in der EU schnelle, zuverlässige Netzwerke entstehen. Wenn wir wollen, dass der Umstieg auf die Elektromobilität schnell passiert, dann ist das doch ein wertvoller Beitrag für die gesamte Gesellschaft. Dafür stellt die Politik Anreizmodelle, was ja de facto immer Ziel von Fördergeldern ist. Das ist doch ein ganz normaler, legitimer Prozess.

Tesla schafft das ganz ohne Fördergelder.

Ich kann nicht für Tesla sprechen, bitte Fragen sie die Kollegen direkt dazu. Die Preisstrategie, die Tesla an seinem Ladenetzwerk ausschließlich für die eigenen Kunden verfolgt, kann ich nicht kommentieren.

Weil sie gerade zuverlässige Netzwerke angesprochen haben, wie erklären Sie sich die relativ hohen Ausfälle an Ihren Ladesäulen?

Mir sind relativ hohe Ausfallquoten nicht bekannt…

Im Vergleich zu Fastned schon.

Dass nicht alles perfekt ist, ist verstanden. Wir liegen weit über 90 Prozent, was das Thema Verfügbarkeit Ladepunkt betrifft. Damit sind wir aktuell unter den Top 3, Tendenz und Anspruch ist TOP 1. Und eine Ladeverfügbarkeit bei vier bis sechs Säulen funktioniert in der Regel immer. Von daher schneiden wir aus Sicht des Endkunden sicher ganz gut ab. 

Sie wollen sich da aber noch steigern.

Natürlich ist unser Anspruch, dass jede Ladesäule immer funktioniert. Da gibt es allerdings auch ganz tolle Anekdoten. Es liegt ja nicht immer nur an der Ladesäule, auch wenn dieser Schluss immer nahe liegt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn ein Hersteller ein Softwareupdate over the air ins Fahrzeug bringt, was eben nicht vorher ausreichend getestet wurde, dann können auf einmal die Kunden, die dieses Update installiert haben, nicht mehr laden. Alle anderen Kunden, die das Update noch nicht installiert haben, können laden. Was will ich damit sagen…

…der Kunde ist zu blöd?

Nein. Was ich sagen will: Der Interoperabilität der Marktplayer kommt eine entscheidende Bedeutung zu, damit am Ende der Endkunde glücklich ist. Und da haben wir noch nicht über Roaming-Plattformen, über MSP Angebote, APPs und andere Anbieter geredet, an denen ein nicht funktionierender Ladevorgang eben auch liegen kann.  

Gut, aber was Sie hier beschreiben betrifft ja genauso auch andere Ladenetzanbieter. Das erklärt ja nicht die spezifischen Ausfälle bei Ionity. 

Es ist korrekt, dass das alle Ladenetzbetreiber betrifft.  Am Ende des Tages, wenn Sie vor einer Säule stehen und das Laden funktioniert nicht, dann ist der Kunde frustriert. Der erste Schluss ist: Liegt an der Säule. Daher plädieren wir als Ionity ja dafür, dass wir möglichst frühzeitig gemeinsam die Interoperabilität der Fahrzeuge mit unserem Ladenetzwerk absichern, genau so wie die Funktion von Ladekarten von Mobility Service Providern. Ich glaube, das, was wir in unserer Hand haben, also die Uptime und die Verfügbarkeit, da sind wir auf einem guten Weg, das Maximum zu erreichen. 

Was haben Sie aus der Kritik der vergangenen Tage gelernt. Was wollen Sie anders machen?

Wir haben die Kritikpunkte klar identifiziert. Den Vorwurf, den wir uns dabei gefallen lassen müssen, ist, dass wir nicht ausreichend und transparent genug kommuniziert haben. Ich glaube, da können wir besser werden. Da überlegen wir entsprechende Maßnahmen. Ich kann noch nicht sagen wann, was und wie genau. Aber die Kritikpunkte, insbesondere die Wahrnehmung durch den Endkunden, das Zustandekommen der Preise, die Angebote durch die Mobile Service Provider, die Möglichkeiten über Ladekarten versus Ad-hoc-Bezahlung, auch das Thema Fördergelder und welchen Beitrag wir für das Thema Elektromobilität insgesamt für die Gesellschaft leisten, das alles sind wichtige Punkte, die wir klarer kommunizieren müssen und auch werden, um zu einer Versachlichung der Debatte beizutragen.

Das Gespräch fand Mittwoch, 29. Januar 2020 in der Ionity-Zentrale in München statt.

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