Kaum Schnellladestationen in deutschen Großstädten

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HPC bei der BayWa in München
Bild: BayWa AG

Bis vor Kurzem verstand man unter “Schnellladefähigkeit” bei Elektroautos eine Ladeleistung von 50 Kilowatt, nur Tesla stach mit 120 Kilowatt deutlich heraus. Binnen weniger Jahre entpuppen sich nun die an vielen Stellen Deutschlands errichteten 50 kW-Ladestationen als historische Investitionsruinen. Moderne Elektroautos mit großen Akkus laden dort nur noch, wenn es unbedingt sein muss. Denn die neuen Autos vertragen locker Ladeleistungen von 100 kW und mehr und laden so 100 Kilometer Reichweite in 5-7 Minuten nach. Selbst 250 kW sind keine Utopie mehr, wie man am Tesla Model 3 und Porsche Taycan sieht.

Doch wie gut sind deutsche Großstädte beim Aufbau von High Power Chargern (HPC) aufgestellt? Wir haben mit Daten der Unternehmensberatung EV ANGELS (Disclaimer: auch emobly.com erscheint dort) die aktuelle Situation analysiert und uns die zehn größten Städte angesehen.

StadtEinwohnerAnzahl HPCAnzahl HPC des
lokalen Versorgers
Berlin3.669.491130
Hamburg1.847.253150
München1.484.22680
Köln1.087.86310
Frankfurt/M.763.38050
Stuttgart635.91100
Düsseldorf621.87700
Leipzig593.145180
Dortmund588.25032
Essen582.76062

Lokale Energieversorger spielen keine Rolle bei HPC

Außer Berlin, Hamburg und Leipzig sind deutsche Großstädte kaum auf eine große Verbreitung von Elektroautos mit hohen Ladeleistungen vorbereitet. So findet man in den Landeshauptstädten Stuttgart und Düsseldorf keine einzige HPC-Lademöglichkeit, in der Millionenstadt Köln gerade einmal eine einzige Station. Auch der Blick in die bayerische Landeshauptstadt ernüchtert: Die BayWa AG betreibt dort einen attraktiven HPC-Ladepark im Münchner Stadtteil Bogenhausen, außerdem findet sich Stationen der EnBW und von Comfort Charge. Von den Stadtwerken München keine Spur. Überhaupt zeigen die lokalen Versorger nur wenig Ambitionen in diesem Feld: Nur in Dortmund und Essen betreiben lokale Energieversorger Ultra-Schnellladesäulen. In den anderen zehn größten Städten Deutschlands ist der HPC-Aufbau fest in der Hand von hauptsächlich drei Unternehmen: Deutschen Telekom (Comfort Charge), Allego und EnBW.

Deutsche Kommunen setzen auf langsames öffentliches Laden

Seit Jahren werden in Deutschland langsame Ladestationen am Straßenrand aufgebaut – finanziert durch millionenschwere Förderprogramme. Diese bieten in der Regel eine Wechselstrom-Ladeleistung von bis zu 22 Kilowatt. Das Problem: Dort stehen Fahrzeuge mehrere Stunden, so dass viele solcher Stationen benötigt werden. Wird das Fahrzeug über Nacht geladen, kommt die Skalierung mit öffentlichen Ladestatiionen dieses Typs in Wohngebieten schnell an ihre Grenzen. Außerdem verändern die Stationen das Stadtbild: Die Kästen stehen auf dem Gehweg in unmittelbarer Nähe zum Fahrbahnrand. Zusätzlich hängen die Ladekabel vom Fahrzeug dran. Das mag bei einzelnen Stationen verteilt im Stadtgebiet erträglich sein, einen langen Straßenzug mit Dutzenden oder Hunderten dieser Ladestationen mag man sich aber lieber nicht vorstellen.

Das Elektroauto-Vorzeigeland Norwegen begann deshalb bereits vor Jahren einen anderen Weg einzuschlagen und startete in Oslo (693.494 Einwohner) damit. Wurde Oslo früher für seine unzähligen Ladestationen an der Straße gelobt, so findet man heute so gut wie gar keine mehr davon. Die langsamen Ladestationen wanderten dafür zu Hunderten in Parkhäuser wie z.B. das “Vulkan P-hus”. Nahezu jeder Stellplatz dort ist mit einer 22 Kilowatt-Lademöglichkeit ausgestattet, gleiches gilt für viele andere Parkhäuser sowie Park & Ride-Parkplätze in Oslo. An öffentlichen Plätzen wurden dafür zunächst zahlreiche 50 Kilowatt-Ladestationen aufgestellt, deren Aufrüstung auf 150 Kilowatt nun bevorsteht. Die Tankstellenkette “Circle K” platzierte an mehreren Osloer Standorten sogleich HPC-Ladestationen.

Mehr als 70 Ultra-Schnellladestationen betreibt Circle K in Süd-Norwegen

Ladeverhalten wird sich signifikant ändern

Mit zunehmender Verbreitung wird sich das Ladeverhalten auch in Deutschland verändern: Eigenheimbesitzer und diejenigen, die über einen Stellplatz mit Wallbox verfügen, werden weiterhin über Nacht langsam mit Wechselstrom laden. Diejenigen aber, die keine private Lademöglichkeit besitzen, werden zum schnellen Ladestopp zwischendurch greifen und dies mit einer anderen Tätigkeit verbinden. Nehmen wir den Anbieter EnBW: Dieser installiert z.B. HPC-Stationen vor Baumärkten. Während eines 20-minütigen Einkaufs dort, lädt ein modernes Elektroauto locker 200 Kilometer Reichweite nach. In den meisten Fällen dürfte dies für mehrere Tage ausreichend sein. Gleiches gilt für Stationen vor Einkaufszentren und Supermärkten oder Restaurants und – ja auch vor Tankstellen mit ihren Shops. Es ergeben sich sogar ganz neue Geschäftsideen für “HPC Plazas”: Das Verbinden von Schnellladung mit kurzweiligen Services wie Textil-Reinigungsannahme, SB-Automaten, Cafés etc.

Noch haben deutsche Städte jedoch enormen Nachholbedarf beim Thema Ultra-Schnellladestationen. Wenn sich die lokalen Energieversorger nicht beeilen, bleibt ihnen vom neuen Elektroauto-Geschäft jedoch nur ein kleines Stück vom Kuchen übrig: Der Netzanschluss. Das Geschäft mit den Endkunden und mit der Energielieferung machen potentiell andere.