Nio ES8: Das bayerische Elektro-SUV aus China


Seit Jahren schallt aus allen Ecken der etablierten Autoindustrie und -Presse immer wieder das Zauberwort „Tesla-Killer“. Es bezeichnet ein Elektroauto, das „bald“ auf den Markt kommt und so toll ist, dass Tesla am Tag der ersten Auslieferung seine Insolvenz anmelden kann. 

Die Realität sieht freilich etwas anders aus: Die Autos, die Tesla am ehesten das Wasser reichen könnten, sind der Audi e-tron, Jaguar I-Pace und der Mercedes-Benz EQC. Das sind zwar keine schlechten Autos, aber auch keine Tesla-Killer, weil jedes mindestens einen großen Nachteil zu den Tesla-Fahrzeugen hat: Je nach Auto sind das zu höhe Stromverbräuche, zu langsame Bordladegeräte oder auch beides. Hinzu kommen hohe Preise und fehlendes teilautonomes Fahren (die Assistenten sind zwar allesamt nett, aber keiner ist so gut wie Tesla).

Nio? Nie gehört!

Ein Auto, das in Deutschland niemand als „Killer“ auf dem Schirm hat, ist der Nio ES8. Nio ist ein chinesischer Elektroautobauer, der 2014 gegründet wurde und vier Jahre später an die Börse ging. Investoren sind unter anderem die norwegische Zentralbank, der Staatsfonds von Singapur und der Computerhersteller Lenovo. 

Nio ist in der Formel E aktiv und hat neben dem Showcar EP9 zwei Serienfahrzeuge im Programm: Den SUV ES6 und den darüber angesiedelten, etwas größeren ES8. Letzteren konnten wir vor ein paar Tagen in und um München Probe fahren, das Ergebnis lest Ihr jetzt.

Der flinke Riese

Meine erste Frage, als ich im Nio-Parkhaus vor dem ES8 stehe: Wie soll ich so ein Schiff aus dieser Parklücke manövrieren? Gegen 5,20 m Länge, über drei Meter Radstand und knappe 2,30 m Breite wirkt sogar ein Tesla Model X handlich. Tatsächlich merkt man die Größe beim Fahren kaum, er bewegt sich erstaunlich agil. Nicht nur im Vortrieb (was bei 650 PS auch keine Kunst ist), auch Kurven machen sehr viel Spaß.

Schnell bewege ich den flinken Riesen zur Autobahn und fahre aus München hinaus – das Leergewicht von zweieinhalb Tonnen macht sich dabei kein bisschen bemerkbar. Auf der Autobahn sind die Windgeräusche lauter als im Audi e-tron, der wohl deutlich besser gedämmt ist. Das ist aber auch das einzige Geräusch, sonst hört man nichts. Kein Klappern und keine pfeifenden Fenster, wie ich sie von Tesla gewohnt bin. 

Premium überall

Auch ansonsten ist die Verarbeitungsqualität des Nio ES8 der von Teslas Fahrzeugen haushoch überlegen und auf einem Niveau mit den Autobauern aus München, Ingolstadt und Stuttgart. Die Türen fallen mit einem satten Klang ins Schloss, im Innenraum kommt fast nur Leder zum Einsatz und die Sitze sind bequem wie ein Sofa. Mit einem anderen Logo auf der Haube würde der Nio in Sachen Qualität problemlos als BMW oder Audi durchgehen. 

Sprechen Sie Mandarin?

Unser Testwagen war ein chinesisches Serienfahrzeug, das in Deutschland nur mit einer Einzelzulassung fahren darf – dementsprechend war die komplette Fahrzeugbedienung noch auf Mandarin eingestellt, was die Bedienung abenteuerlich machte. Mit Google Translator (der aber auch nicht immer zuverlässig arbeitete), Interpretation der Piktogramme und Raten haben wir versucht, die verschiedenen Features des Fahrzeugs zu steuern. Tatsächlich ging das nach ein bisschen Ausprobieren erstaunlich gut – ich konnte mein Smartphone koppeln, Musik abspielen, telefonieren, Verbrauchswerte auslesen und das Schiebedach über den Touchscreen steuern. Die einfache Menüstruktur erinnert stark an Tesla – der kleinere Bildschirm gefällt mir sogar besser, ich erreiche die Buttons wesentlich leichter als auf einem 17“-Schirm. Wenn das System dann mal Englisch oder Deutsch kann, dürfte es eines der intuitivsten überhaupt sein. 

Hey Nomi!

Auf dem Armaturenbrett sitzt eine tennisballgroße Kugel, die sich in alle Richtungen drehen kann und auf einem Mini-Display zwei kleine Augen anzeigt. Das ist Nomi, die KI-Assistenten von Nio. Auch sie spricht im Moment leider nur Mandarin, weswegen wir sie nicht nutzen konnten. Schade, denn im Prinzip steuert Nomi auf Sprachbefehl das ganze Auto: Sie öffnet die Fenster, verstellt die Klimaanlage oder nimmt ein Foto mit der Innenkamera auf. 

Wenn Nomi angesprochen wird, dreht sich zu ihrem Gesprächspartner und verändert ihren „Gesichtsausdruck“. Je nachdem, welche Musik läuft, „tanzt“ sie mit, bewegt Rasseln oder spielt Gitarre. Braucht man das? Nein. Aber es macht richtig Spaß. Ein bisschen gruselig ist es allerdings auch, dass Nomi immer weiß, aus welcher Richtung eine Stimme kommt. 

Königlich Sitzen und Schlafen

Den Beifahrersitz hat mir der Nio Mitarbeiter als „Queen Seat“ vorgestellt. Der Sitz verwandelt sich auf Knopfdruck wie in der Business Class eines Flugzeugs in ein flaches Bett. Weil Nio im ES8 auf ein Handschuhfach verzichtet, hat es im Fußraum Platz für eine Fußstütze. 

Stauraum gibt es trotzdem – der Ersatz fürs Handschuhfach ist zusätzlicher Platz in der Mittelkonsole, der bei Verbrennern für die Kardanwelle verloren geht. 

Lie-Flat-Sitze sind gerade in China ein wichtiges Feature, weil dort sehr viele Besitzer eines Oberklasseautos einen Chauffeur haben. Da bietet es sich an, die Fahrzeit für ein Schläfchen zu nutzen, im leisen Nio geht das besonders gut. 

Dynamische Schrankwand

Durch die Kurven flitzt der Nio ES8 wesentlich dynamischer als das Model X oder der e-tron – das Gewicht macht sich bei ihm weniger bemerkbar als bei den Wettbewerbern. Auch das Fahrwerk ist top und muss sich nicht hinter der deutschen Konkurrenz verstecken. Auf der Autobahn liegt der ES8 wie ein Brett, während man im Model X bei hohen Geschwindigkeiten immer wieder das Gefühl hat, wegzuschwimmen. Dieser Spaß wird allerdings dadurch getrübt, dass der ES8 so aerodynamisch wie eine Schrankwand ist und der Verbrauch entsprechend in die Höhe geht, wenn man zügig unterwegs ist. Dennoch waren wir mit dem Verbrauch sehr zufrieden, wir hatten einen Schnitt von 27 kWh/ 100 km (bei einer Akkunettokapazität von 67 kWh ergibt das eine reale Reichweite von 250 Kilometern) – obwohl wir nicht wirklich sparsam gefahren sind. 

Doppelt gefährlich

Der Nio ES8 kann für seine Konkurrenten in zweierlei Hinsicht gefährlich werden: Falls Nio mit dem Export beginnt, könnte er den deutschen Autobauern und Tesla ordentlich Marktanteile in ihren jeweiligen Heimatmärkten klauen. Für Tesla ist Nio gefährlich, weil er technisch ähnlich ist (70 kWh Akku und 90 kW Ladeleistung, größere Variante kommt), aber viel besser verarbeitet ist. Tesla hat als Trumpf noch das Supercharger-Netzwerk in der Hand, hier ist aber mittelfristig auch denkbar, dass die beiden zusammenarbeiten, dann würde Tesla zumindest indirekt von Nios Erfolg profitieren. Die deutschen Autobauer hingegen haben kein zu den Superchargern vergleichbares Ladenetz und sind technisch nicht weiter als Nio, verkaufen ihre Autos aber teurer.

Noch unangenehmer könnten die Folgen auf dem chinesischen Markt sein, weil Nio hier bereits aktiv ist und dementsprechend früher deutlich mehr Marktanteile an sich reißen könnte. 

Es kann aber genauso passieren, dass Nio die Puste ausgeht – nach Beendigung chinesischer Förderprogramme brachen die Auslieferungen Anfang 2019 deutlich ein. Wenn Tesla seine Qualitätsprobleme in den Griff bekommt und die Produktion in China die Preise senkt, werden die Karten wieder neu gemischt. Es bleibt ein spannendes Rennen, hauptsächlich zwischen den Newcomern.

emobly meint: 

Nio hat mit dem ES8 einen echten Allrounder auf die Beine gestellt: Ob siebensitzige Familienkutsche, Sportwagen, Kleintransporter oder fahrendes Schlafzimmer – er vereint alles in sich. Der Preis von 50.000 – 70.000 EUR je nach Ausstattung ist nicht gerade billig, aber günstiger als sämtliche elektrischen Alternativen. Die technischen Daten sind solide, für eine fünf Jahre junge Firma ist so ein Auto eine beachtliche Leistung. 

Trotzdem wirkt er überhaupt nicht billig, sondern sehr wertig. Optisch und haptisch ist kein Unterschied zu einem deutschen Oberklassefahrzeug festzustellen. „Made in China“ ist in Deutschland immer noch negativ besetzt – Nio konterkariert diese Vorurteile.

Der Nio ES8 hat eigentlich nur ein wirkliches Manko: Es gibt ihn im Moment nur in China zu kaufen. Sobald Nio exportiert, muss Tesla sich warm anziehen (und die deutschen Autobauer erst recht).