Nutzer-Studie: Männlich, 51, elektrisch

Sie haben ein klares Bild vor Augen, wenn Sie an einen E-Auto-Fahrer denken? Klar! Wir alle lieben Stereotype. Aber vielleicht finden Sie sich in der folgenden Beschreibung ja sogar selbst wieder. 

Männlich, 51 Jahre, gebildet. Was wie der Text einer Kontaktanzeige klingt, ist die Beschreibung eines typischen E-Auto-Nutzers. Das trifft auf Sie nicht zu? Macht nix! Ein bisschen E-Auto-Fahrer steckt in jedem von uns.

Die Stichpunkte sind nur ein kleiner Auszug aus einer Studie des Instituts für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Dieses hat 2014 Daten von über 3000 privaten und geschäftlichen Nutzern von Elektrofahrzeugen erhoben. Dabei interessierte die Forscher, wer ein Elektroauto kauft und warum, was die Käufer von einem E-Auto erwarten und wie sie die Fahrzeuge nutzen. Und naja, ob sie ihre Entscheidung bereuen. 

Der durchschnittliche E-Auto-Nutzer ist also 51 Jahre jung, aber: Die gesamte Spanne reicht von 19 bis 94 Jahren. Ein “zu alt” oder “zu jung” gibt es also nicht.

Schicke Städter?

E-Auto-Fahrer haben Kohle – so jedenfalls das Klischee. Und ja, an Geld mangelt es den meisten Elektroauto-Besitzern tatsächlich nicht. 44 Prozent der Befragten gaben an, 4000 Euro pro Monat oder mehr zur Verfügung zu haben. 

Die hohe Liquidität bedeutet allerdings nicht, dass all das schöne Geld für den E-Wagen drauf geht. Denn das beliebteste E-Auto der Studie, zumindest für den Privatgebrauch, ist der Renault Twizy, Neupreis: knapp 7000 Euro. 

Sie erinnern sich vielleicht an dieses motorisierte Kettcar? Mittlerweile surrt es nicht mehr allzu oft über die Straßen. Kein Wunder. Die Befragung liegt ja auch schon vier Jahre zurück. Wer einen Blick auf die aktuelleren Daten wirft, sieht: Der Twizy fällt ganz aus der Statistik raus. Beliebteste Modelle 2017 in Europa: Renault Zoe (ab 21.900 Euro), BMW i3 (ab 38.000 Euro) und Nissan Leaf (ab 32.000 Euro). Kein Schnäppchen, aber auch nicht utopisch teuer.

Um noch mal zum Vorurteil der “Besserverdiener” zurückzukommen: Der durchschnittliche Preis für einen Neuwagen – Elektro hin oder her – belief sich 2017 auf 30.000 Euro. Damit liegen die Top-3-Elektroautos inmitten dieser Preisklasse. Und um bei Mittelwerten zu bleiben: Das Durchschnittsalter der Neuwagenkäufer allgemein liegt bei 52,8 Jahren. Merken Sie etwas? Bingo! Die Elektromobilität ist hier nicht der ausschlaggebende Punkt. Im Allgemeinen setzt man sich offenbar erst im fortgeschrittenen Alter mit Neuwagen auseinander – und kauft sie auch. 

Alltag statt Urlaub

Genug der Vergleiche. Vielleicht überrascht Sie das: E-Auto-Besitzer sind derzeit keine Großstädter mit kurzen Wegen. Die meisten leben in kleineren Städten oder Landkreisen unter 20.000 Einwohnern.

Wie die da wegkommen, mit der ach so geringen Reichweite der Elektrowagen? Ganz einfach: Sie arrangieren sich mit dem Aktionsradius.

Primär ist für die Teilnehmer der DLR-Studie das E-Auto ein Alltagsfahrzeug – und nichts für Spazier- oder Urlaubsfahrten ins Blaue. Die Nutzer laden vorwiegend zuhause oder am Arbeitsplatz – und für die Strecke reicht der Strom, auch im Hinterland. 

Kompromisse mit einer Prise Öko

Die Reichweite ist übrigens auch das, was die Studienteilnehmer selbst am meisten kritisieren. Daher besitzen die meisten noch immer zwei Fahrzeuge: ein Benzin- oder Dieselauto und zusätzlich ein neues E-Auto, mit dem die zweite Abgasschleuder in der Einfahrt ersetzt wurde. Bewusst ersetzt.

Die Gründe? Die Besitzer wollen ihren ganz persönlichen Beitrag für eine sauberere Umwelt leisten. Und ein E-Wagen ist immerhin besser als keiner, oder?

Mitnichten heißt das jedoch, dass die Besitzer von Elektroautos Ökos par excellence sind. Umweltfreundlich und nachhaltig ja, aber ausschließlich von Bio-Lebensmitteln ernähren auch sie sich nicht. Gründe für den Schritt zum Elektroauto waren auch der Geiz – also die günstigeren Energiekosten pro Kilometer – und der Fahrspaß am Elektroantrieb. 

Still und heimlich auf der Überholspur

Richtig gelesen – Fahrspaß. Zum Beispiel der satte Sound beim Tritt aufs Gaspedal? Nein, das eben gerade nicht. Elektroautofahren ist ein anderes Gefühl. Rasant, aber leise. 

Die Befragten sehen ihr E-Fahrzeug einerseits als reinen Gebrauchsgegenstand, andererseits als Statussymbol. Ob der Auspuff nun röhrt oder nicht und der Motor heult? Egal! Denn: Auch ohne viel Lärm kann ein E-Auto einen Sportwagen an der Ampel alt aussehen lassen. Hier kommt es auf das Drehmoment an, nicht auf die Pferdestärken. Und so hat der Elektromotor bei der Beschleunigung oft die Nase vorn.

Elektro gut, alles gut?

Kommen wir zum wohl wichtigsten Punkt: Wie sieht’s mit der allgemeinen E-Auto-Zufriedenheit der Studienteilnehmern aus? 90 Prozent sind mit dem E-Auto genauso zufrieden oder zufriedener als mit dem vorherigen Fahrzeug. Trotz der geringen Reichweite. Kein Wunder, die meisten haben ja noch immer noch die Möglichkeit, auf ihren Benziner oder Diesel auszuweichen, wenn das E-Auto mal nicht passt. 84 Prozent würden die Anschaffung eines Elektrofahrzeugs weiterempfehlen.

Die Befragten gelten zwar als Early Adopter, mit einem Faible fürs Neue und Technik, aber seit der Studie in 2014 bis heute sind rund 40.000 neue Elektroautos hinzugekommen, ein Plus von über 300 Prozent. Und wer weiß, vielleicht gehören Sie ja auch bald dazu – und fahren mit dem Strom. Denn, was haben wir soeben gelernt?

Elektroautofahrer sind auch nur Menschen: Umweltfreundlich, aber keine Ökos. Sie leben in Städten und Dörfern, sie fahren gerne Autos. Klingt halb so wild, oder? Nur eine Sache stört: 89 Prozent der E-Auto-Besitzer sind Männer. Ohne zum Schluss noch das Genderfass öffnen zu wollen, aber: Liebe Frauen, da geht noch was! 

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Hannah Fuchs
Abitur auf einem Technikkolleg, Studium des Technikjournalismus und der Innovationskommunikation. Die Faszination für die Themen ist geblieben. Heute arbeite ich als Journalistin mit den Schwerpunkten Wissenschaft, Umwelt und Technik. Das Beste daran? Ich lerne täglich etwas Neues dazu. Wenn ich könnte, würde ich mit einem DeLorean in die Zukunft reisen – ich möchte wissen, wie wir in 100 Jahren leben. Dreht sich mein Alltag nicht gerade um Digitales, ist Klettern mein größtes analoges Hobby.