State of Tesla – Ist Elon Musk noch zu stoppen?

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Tesla Giga Factory - Foto: Tesla Motors

Tesla kurz vor der Pleite? Seit den Quartalszahlen der letzten Woche ist plötzlich alles anders. Die Stimmen der Skeptiker verstummen. Tesla scheint nicht nur über den Berg zu sein. Die Kalifornier erscheinen auf einmal uneinholbar. emobly analysiert: Wo steht Tesla heute wirklich?

State of Tesla 2019 – so sieht es gerade aus

Zahlen

Beginnen wir mit den harten Fakten: Tesla Inc. hat dieses Quartal 143 Mio. US-Dollar Gewinn gemacht. Nach den hohen Verlusten im ersten Halbjahr 2019 (insgesamt 1,1 Mrd. $) also ein gutes Signal, wenngleich nur ein schwaches – im dritten Quartal 2018 war der Gewinn mehr als doppelt so hoch. Viel wichtiger ist, dass die Liquidität gesichert ist, im Moment hat Tesla über 5 Milliarden Dollar Cash-Reserven, drei Milliarden mehr als im ersten Quartal.

Auffällig ist, dass Tesla im dritten Quartal in einigen Bereichen deutlich weniger investiert hat: Es wurden weltweit nur 11 neue Service Center eröffnet, 68 neue mobile Service-Fahrzeuge eingeflottet und 66 Supercharger eröffnet. Im zweiten Quartal wurden 25 Service Center eröffnet, die Service-Flotte um 101 Fahrzeuge vergrößert und 97 neue Supercharger errichtet.

Die Börsen-Bewertung klettert auf 53,7 Mrd. US-Dollar, damit ist Tesla mittlerweile sogar wertvoller als General Motors (51,1 Mrd. $). Ein wirklich beeindruckender Aufstieg für ein Unternehmen, dass 2008 noch Laptop-Akkus in Lotus-Karossen geschraubt hat. Die Bewertung hängt allerdings nicht primär an Fabriken oder sonstigen Sachwerten, wie bei anderen Autobauern (die Gigafactorys sind zwar Milliarden wert – aber keine 53,7), sondern vor allem an der Tatsache, dass Tesla technologisch vorne ist (mehr dazu unten).

Rekord beim Model 3, leicht aufwärts bei Model S/X

Alle Modelle zusammengenommen hat Tesla im dritten Quartal 96.000 Fahrzeuge produziert und 97.000 ausgeliefert. Ein Großteil dieser Fahrzeuge sind Model 3, dessen Produktionsrate hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, während Model S/X um 39% zurückgefahren wurden. Das spiegelt sich auch in der Auslastung der Produktionsstraßen wider – die Model S/X Fertigung ist auf 90.000 Einheiten pro Jahr ausgelegt, die aktuelle Produktionsrate beträgt aber nur 65.000 pro Jahr (72% Auslastung). Tiefpunkt war allerdings das erste Quartal 2019, da wurden 2.000 Fahrzeuge weniger produziert als im aktuellen Quartal. Die starke Preissenkung, die vielen Tesla-Fahrern sauer aufgestoßen ist, erweist sich für die Nachfrage als durchaus sinnvoll.

Beim Model 3 sieht es deutlich besser aus, hier liegt die Produktionsrate bei 320.000 Fahrzeugen pro Jahr, bei einer Fertigungskapazität von 350.000 Fahrzeugen ist die Produktion damit zu 91% ausgelastet.

Ebenfalls Rekord waren die Auslieferung von Solarprodukten, sie stiegen um 48%.

Model Y

Der Produktionsstart soll auf den Sommer 2020 vorgezogen werden – und zwar nicht in homöopathischen Dosen, wie es bei viele Elektroautos üblich ist, sondern mit 1.000 Einheiten pro Woche. Tesla-Chef Musk prognostiziert, dass das Model Y sich besser verkauft als alle anderen Teslas zusammen. Vermutlich liegt er damit richtig, SUVs sind deutlich beliebter als Limousinen.

Gigafactory 2 und 3

Die Gigafactory in Shanghai ist fertig, jährlich sollen hier bald 150.000 Model 3 und etwas später das Model Y gebaut werden, bei Letzterem gibt Tesla aber nicht an, wie viele Exemplare vom Band rollen sollen. Der Bau begann erst dieses Jahr, in nur 10 Monaten wurde die komplette Fabrik aus dem Boden gestampft und bereits mit der Vorserienproduktion begonnen. Das ist freilich nicht nur ein Verdienst von Tesla, sondern dürfte auch am chinesischen Regime liegen – Großprojekte lassen sich hier einfach bedeutend schneller umsetzen als in westlichen Ländern. 

Die dritte Gigafactory wird in Europa angesiedelt – hier dauert es noch etwas länger, im Moment läuft immer noch die Suche nach einem geeigneten Standort.

Software

Mit der neuen Softwareversion V10 bringt Tesla vor allem Entertainment-Updates: Es gibt neue Spiele und viel wichtiger: Endlich nützt es etwas, dass das Model 3 einen Screen im Querformat hat, denn ab jetzt ist Netflix an Bord und Ladepausen können mit Videostreaming verbracht werden. Außerdem bekommt der Autopilot mit dieser Version neue Features, die allerdings auf Fahrzeugen mit älterer Hardware teilweise mit Vorsicht zu genießen sind.

Unangefochtener Technologieführer

Seit 2012 produziert Tesla das Model S und war damit lange allein auf weiter Flur. Konkurrenten wie der Audi e-tron oder der Mercedes EQC kosten zwar ähnlich viel, können Tesla aber technologisch nicht das Wasser reichen. Es sind zwar gute Autos, aber Tesla ist in Sachen Reichweite, Ladenetz und Assistenzsysteme einfach weiter. Das erste Modell, dass dem Model S ansatzweise Konkurrenz macht, ließ sieben Jahre auf sich warten – der Porsche Taycan. Auch der ist nicht perfekt (und kostet zumindest aktuell bei vergleichbarer Ausstattung deutlich mehr), aber technologisch in vielen Disziplinen nah an Tesla dran und in einigen sogar besser. Beispielsweise verkraftet der Taycan 270 kW Ladeleistung und ist deutlich besser verarbeitet. Bei der Reichweite und dem teilautonomen Fahren ist Tesla aber klar vorne und vor allem hat das Ladenetz von Tesla (Supercharger) eine deutlich bessere Flächenabdeckung als das von Porsche (Ionity, Joint Venture mit anderen Autobauern) – wenngleich die in den letzten Monaten beachtlich aufgeholt und viele Lücken geschlossen haben.

Tesla ist in Sachen Elektromobilität Benchmark und wird es mit der verbesserten Variante des Model S („Plaid“) und nicht zuletzt dem neuen Roadster wohl noch auf Jahre hinaus bleiben.

Was passiert in Zukunft?

Premium-Modelle bleiben in Fremont

Anhand der Produktionsplanung ergibt sich ein klares Bild: Die Produktion der Massenmodelle soll sukzessive in die Länder bzw Regionen verlagert werden, wo sie auch abgenommen werden – die Gigafactories in Europa und Shanghai werden nur Model 3 und später auch Model Y fertigen. Die Premium-Modelle Model S und Model X werden im Werk Fremont verbleiben. Diese Verteilung ist nur logisch, das Model 3 ist einfach deutlich gefragter als die beiden Premium-Modelle.

Die noch in der Entwicklung steckenden Modelle Roadster, Semi (LKW) und Pick-Up sollen ebenfalls in den USA gebaut werden – wo genau steht wohl noch nicht fest, sie werden aber nicht unter Fremont, sondern explizit unter „United States“ aufgeführt, vielleicht wird es auch in den USA ein zusätzliches Werk geben.

Wer holt Tesla ein?

Technologisch: kurzfristig niemand, wenngleich einige Konkurrenten sehr dicht an Tesla dran sind. Die einzige Möglichkeit, Tesla klein zu kriegen, besteht über den Preis: Wenn Volkswagen den Markt mit einem ID.3 für 25.000 € fluten würde (die Variante mit dem größten Akku dann für 35.000 €), würde niemand mehr ein Model 3 kaufen. Selbiges wäre wohl beim Model S der Fall, wenn Audi die angekündigten e-tron Modelle GT und Sportback zu Dumpingpreisen herausgeben würde. Ja, natürlich ist das ein sehr unrealistisches Szenario, das so wohl kaum eintreten wird. Aber es ist meiner Meinung nach das erste von zwei möglichen Szenarien, in dem Tesla noch zu Fall gebracht werden kann. Technologisch wird Tesla in den nächsten paar Jahren sicher nicht überholt – maximal ganz knapp eingeholt.

Woran kann Tesla scheitern?

Die viel größere Gefahr für Tesla kommt von innen: Die internen Prozesse haken an vielen Stellen und es gibt immer noch ordentliche Wachstumsschmerzen. In Deutschland gibt es – Stand heute – gerade mal acht Service Center und nur sieben weitere sind geplant. Zum Vergleich: Porsche hat 86 Niederlassungen. Natürlich geht an Elektroautos weniger kaputt, so dass es tendenziell weniger Service braucht. Aber ganz ohne wird es nicht gehen – auf absehbare Zeit 15 Service Center in ganz Deutschland sind einfach zu wenig, selbst mit Ranger-Service, der Autos bei Kunden vor Ort repariert. Auch global hinkt der Ausbau der Niederlassungen den Auslieferungen hinterher – dieses Quartal wurden nur 11 neue Service-Center weltweit eröffnet.

Übrigens: Beim Blick in die Tesla-App ist zu sehen, dass die Wartezeiten für Service-Termine im Vergleich zum Sommer deutlich gesunken sind, es sind also Verbesserungen erkennbar, wenn auch noch längst nicht alles rund läuft.

emobly meint: Angesichts diverser Negativ-Schlagzeilen ist es gut, dass Tesla jetzt endlich wieder gute Zahlen vorgelegt hat, das nimmt den Nörglern den Wind aus den Segeln. Der damit verbundene Anstieg des Aktienkurses dürfte außerdem das Problem der Wetten gegen Tesla zumindest zum Teil entschärfen, weil viele Shortseller jetzt nicht mehr genügend Geld für ihre Spielchen haben.  

Dass Model Y und die Fabrik in Shanghai vor dem Zeitplan sind, dürfte eine Weltpremiere sein: Bislang hat Tesla ja quasi nie im angekündigten Zeitraum geliefert (Stichwort: Elon-Time). Es läuft noch immer nicht alles perfekt, aber der Elektro-Pionier hat jetzt definitiv mehr Luft zum Atmen – die einzige wirkliche Konkurrentin bringt erst 2020 ernstzunehmende Stückzahlen ihrer Elektromodelle.

Tesla kann immer noch scheitern, aber nur noch an sich selbst. Wenn die Kalifornier weiter machen wie bisher, sind sie wohl nicht mehr einzuholen. Raum für die Wettbewerber bleibt trotzdem, weil die Nachfrage nach Elektroautos immer weiter steigt und längst nicht alle Autokäufer in einer Palette von drei Modellen ihren Traumwagen finden werden. Jedoch: Tesla ist über den Berg.