VW: “Wir durchbrechen gerade das Henne-Ei-Prinzip”

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Foto: emobly

In Berlin diskutierten Mediziner, Verkehrsforscher und Vertreter von Volkswagen über E-Autos und die Zukunft der Mobilität. Wir von emobly waren auch eingeladen.

„Ich bin ein Mensch, der verzeihen kann“, sagt der Mann aus dem Publikum in Anspielung auf den Dieselskandal, als er gefragt wird, weshalb er sich bei der Wahl seines neuen Fahrzeugs für ein Elektroauto aus Wolfsburg entschieden hat. „Volkswagen hat mich mein Leben lang begleitet“, fügt er hinzu. „Ich vertraue der Marke“. Es sind Worte, die nachdenklich machen an einem Abend, der symbolisch für den Neuanfang in der Beziehung zwischen Volkswagen und seinen Kunden stehen soll. 

Die Sonne senkt sich über dem Brandenburger Tor, da beginnt unser Talk in der schicken VW-Firmenrepresentanz Unter den Linden. Ein kleines, sehr intimes Event. Kein Vergleich zur großen Vor-Premieren-Feier und der Weltpremiere auf der IAA noch vor einem Jahr (siehe auch emobly-Interview mit VW-CEO Herbert Diess). Aufgrund von Corona wollten die Veranstalter kein Risiko eingehen und haben die Personenzahl streng limitiert.

Neben mir auf der Bühne sitzen ein Verkehrsforscher, ein Stressforscher und die e-mobility-Marketing-Chefin von VW. Im Publikum eine Hand ausgewählter Gäste, darunter einige Frühbesteller des ID.3.

Der Diskussionsabend im DRIVE-Forum in Berlin / Foto: VW

Eine Werbeveranstaltung für den ID.3, ganz klar, aber eine, die versucht, eine direktere, transparentere Kommunikation zum Kunden zu finden. So beschreibt VW-Managerin Silke Bagschik sehr engagiert, wie schwer es ist, den Spagat aus der traditionellen Verbrenner-Welt mit der neuen, elektrischen Zukunft des Konzerns hinzubekommen. Sie weist auch darauf hin, dass Volkswagen ein großes Risiko eingeht, indem das Unternehmen im Vergleich zu manch anderen Autobauern so konsequent auf die Elektromobilität setzt.

VW – Hoffnungsträger der deutschen Automobilindustrie

Tatsächlich ist Volkswagen der ganz große Hoffnungsträger der deutschen Automobilindustrie, was die Mobilität der Zukunft betrifft. Sowohl der Audi e-tron, als auch der Porsche Taycan haben uns in unseren ersten Tests mehr als beeindruckt. In Norwegen, dem E-Mobility-Mekka schlechthin, hat der ID.3 mit Auslieferungsstart alle Konkurrenten weit hinter sich gelassen und sogar den Klassen-Primus Tesla (Model 3) von seiner Spitzenposition verdrängt (hier unser Bericht).

Verkehrsforscher Johannes Schlaich neben mir berichtet von seiner ersten Probefahrt mit einem Elektroauto. Obwohl er selbst kein Auto besitzt, glaubt auch er, dass die Elektromobilität die Zukunft ist. Allein die Ladeinfrastruktur müsse noch besser ausgebaut werden, mahnt er und berichtet von seinem Erlebnis, als er vom nächstgelegenen Ladepunkt zu seinem Hotel vier Kilometer zufuß laufen musste. Trotz allem, merkt er, an: „Die Ausreden, nicht elektrisch zu fahren, werden von Jahr zu Jahr schwerer“. “Wir durchbrechen gerade das Henne-Ei-Prinzip”, so VW-Managerin Bagschik in Hinblick auf die Frage, ob es genug Ladepunkte in Deutschland gibt.

ID.3-Frühbesteller im Publikum / Foto: VW

„Veränderung bedeutet Stress“, sagt der Chefarzt und Stressforscher Mazda Adli. „Wir Menschen halten gerne an Dingen fest, auch wenn sie rational keinen Sinn ergeben“. Die Lösung? „Besser Kommunizieren!“, rät der Mediziner. Gerade abstrakten Ängsten wie zum Beispiel der Reichweitenangst müsse man mit viel Geduld und guten Argumenten begegnen. Das gelte auch für Fragen des Umweltschutzes und den Auswirkungen, die man heute vielleicht noch gar nicht spürt.

Wie wichtig das Thema Umweltschutz für Volkswagen geworden ist, spürt man an diesem Abend. Nach dem Dieselbetrug vor ein paar Jahren ist Ökologie vielleicht sogar das Schicksalsthema für das Überleben des Konzerns. So bemüht sich die e-mobility-Marketing-Chefin von Volkswagen an diesem Abend, alle Punkte aufzuzählen, wo Volkswagen sprichwörtlich die Extrameile geht, um – angefangen von den Rohstoffen, über die Lieferkette hin bis zum Anbieter für Ökostrom – pennibel darauf zu achten, dass der ID.3 wie versprochen CO2-neutral hergestellt und gefahren werden kann.

In der Schlussrunde wünscht sich Silke Bagschik für die Zukunft, dass VW seine ambitionierten Ziele einhält und seine Flotte bis 2030 auf bis zu 50 Prozent Elektro-Autos umgestellt hat. Mazda Adli, der Psychiater, wünscht sich „weniger Stress“ im Straßenverkehr, u.a. auch durch einen größeren Mobilitätsmix in den Städten. Am prägnantesten bringt es der Verkehrsforscher auf den Punkt. Für die Mobilität der Zukunft sieht er die Elektromobilität vorn, wünscht sich insgesamt aber vor allem eines: „weniger Autos!“.