Reportage: Rettet die Smarts!

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Smarte Rettungsaktion: Wie unsere Autorin zusammen mit zwei Mitstreitern über 50 alte Car2go-Elektrosmarts in Madrid vor der Schrottpresse bewahrten, restaurierten und nach Deutschland holten.

Als diese Nachricht vergangenen Sommer auf meinem Handy aufploppte, wusste ich noch nicht, was für ein Abenteuer mit dieser einen Mitteilung verbunden sein sollte. Der Absender gab mir einen Hinweis, dass sharenow (früher Car2go) in Madrid seine Flotte an Elektrosmarts durch neuere Modelle austauscht und etwa 200 Fahrzeuge zum Verkauf standen.

Ein Blick auf mein Konto zeigte mir schnell, dass mir die finanziellen Mittel fehlten, um direkt zuzuschlagen. Aber die Idee, den alten Smarts ein neues Leben zu geben und sie somit wahrscheinlich vor dem Verwerter zu retten, war geboren.


Wie Hunde aus dem Tierheim

Die ersten Bilder aus Madrid zeigten Autos, an denen die vier bis fünf Jahre im Carsharing-Einsatz in der spanischen Hauptstadt nicht spurlos vorbei gegangen sind. Zahlreiche Parkrempler haben den Autos ziemlich zugesetzt.

Der Smart hat jedoch den Vorteil, dass seine Bodypanels modular und aus Kunststoff sind. Damit sind sie relativ einfach und schnell zu ersetzen. Es brauchte nur wenig Überzeugungsarbeit, um mit dem Ingenieur und Unternehmer Andreas Hohn und dem Ingenieur Ulrich Schmidt zwei Mitstreiter zu finden.

Wir alle kennen uns aus der gemeinsamen Arbeit im Verein Electrify-BW und sind das, was man gemeinhin wohl als Elektroauto-Nerds bezeichnet. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die Elektromobilität voran und unter die Menschen zu bringen.

Als gemeinnütziger Verein kann dieser aber natürlich nicht finanziell in ein solches Vorhaben einsteigen. Uns Dreien war aber schnell klar: Wir müssen die Smarts retten! Andreas Hohn brachte das Kapital für die Unternehmung mit, Ulrich und ich unser Organisationstalent und die Arbeitskraft.

Auf die inneren Werte kommt es an

Nach einigen Mails mit Madrid machten wir uns im August auf den Weg nach Madrid, um uns die ersten Fahrzeuge auszusuchen. Natürlich reisten wir mit dem Elektroauto. #Roadtrip.

Unter der sengenden Sonne Madrids standen wir dann inmitten von 200 Smarts und suchten uns 24 Fahrzeuge aus. Die Kriterien waren recht einfach: Keine strukturellen Schäden am Rahmen, der Tridion-Zelle oder dem Fahrwerk. Das Auto musste fahren und die Batterie noch in Ordnung sein, was wir mit einem Diagnose-Tool überprüft haben.

Die Smarts haben alle eine Kaufbatterie – also keine Batteriemiete – und den begehrten 22 Kilowatt-Schnelllader der 2. Generation, mit dem der Smart in etwa 45 Minuten wieder voll aufgeladen ist. 

Große Nachfrage nach den kleinen Flitzern

Zahlreiche Mails, Verhandlungen mit einem Logistikunternehmen und gut zwei Monate später rollten dann zwei Autotransporter auf den Hof. Jetzt ging es darum, die Fahrzeuge durchzuchecken, Ersatzteillisten zu schreiben, Preise von Lieferanten zu vergleichen und die wichtigsten Teile zu besorgen.

Gleichzeitig streuten wir die Geschichte in unserer Bubble, um zu sehen, wie groß das Interesse an solchen Fahrzeugen ist. Denn gebrauchte und vor allem günstige Elektroautos sind rar auf dem Markt. Schon das erste Feedback zeigte uns, dass viele einen Smart haben wollten.

Also fingen wir an, in unserer improvisierten Pop-up Werkstatt in einem Gewerbegebiet im Stuttgarter Raum die Autos wieder fit zu machen. Vor allem Scheinwerfer und Rücklichter waren ziemlich zerstört. Auch einige Bodypanels waren nicht mehr zu retten.

Zwar wurden die Fahrzeuge während ihres Einsatzes regelmäßig von einer Mercedes-Benz-Werkstatt gewartet und alle Inspektionen durchgeführt, doch auch einige Bremsen brauchten eine Generalüberholung.

Das Leben nach dem Carsharing

Die Beschädigungen waren an allen Autos ähnlich, so dass sich schnell eine Routine bei der Reparatur einstellte und auch heute lernen wir bei jedem Fahrzeug dazu, werden schneller und effizienter. Die ersten aufbereiteten Fahrzeuge sind inzwischen schon verkauft und fahren in Deutschland und in Österreich emissionsfrei durch die Gegend. 

Uns war von Anfang an klar, dass wir mit dem Unternehmen kein Geld verdienen. Wichtiger ist uns der Spaß an der verrückten Idee und am Schrauben. Und natürlich “alten” Elektroautos ein neues Leben zu geben.

Das Ziel war also nach Einkaufspreis, Transport und Ersatzteilen kostendeckend zu arbeiten, um den Verkaufspreis möglichst gering halten zu können. 

Um den Autos auch den offiziellen Segen zu geben, checkt ein Kfz-Meister die Autos anschließend durch. Zum Schluss gibt es noch einen frischen TÜV. 

Einmalige Chance

Ohne vielfältige Unterstützung von Freunden und Bekannten wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen. Darunter beispielsweise die Smart-ED Koryphäe Moritz Leicht, der uns Smart-Newbies alles wichtige über den Smart und seine Eigenheiten sagen konnte.

Der lokale Schuh-Filialist und der Schrotthändler, die uns die Möglichkeit gegeben hatten, die Fahrzeuge bei ihnen abzustellen, unsere Pop-up Werkstätten einzurichten und uns beim Schrauben mit Kaffee versorgten. Oder der Elektroauto-Enthusiast, der in seiner Freizeit die Smarts auf dem Hänger durch Stuttgart zur Endabnahme und zum TÜV fuhr und uns eine Hebebühne besorgt hatte. 

Und weil uns das alles noch nicht verrückt genug war, sind wir Silvester erneut mit dem Elektroauto nach Madrid gefahren und haben weitere 38 Fahrzeuge ausgesucht. Dazu noch drei mit Totalschaden als Teilespender für Elektroauto-Umbau- und Heimspeicher-Projekte. 

Die Aktion war eine einmalige Chance. Inzwischen haben die Carsharer nur noch Leasingfahrzeuge in ihren Flotten, die nach ihrem Einsatz wieder an die Hersteller zurückgehen. Der Smart ist durch seine genial einfache Konstruktion leicht und relativ günstig wieder herzurichten. Seine Batterie und der Elektromotor zeichnen sich durch ihre besondere Robustheit aus. Hier muss nichts geschweißt oder lackiert werden.

Es war also diese eine Nachricht zur rechten Zeit, die meine beiden Mitstreiter und mich in dieses Abenteuer gestürzt hat. Am Ende stehen hoffentlich 50 neue glückliche Elektrosmart-Besitzer*innen. Was Andreas, Ulrich und mich betrifft, so können wir jetzt nachts, wenn wir nicht schlafen können, statt Schäfchen zählen, Smarts in fünf Minuten zerlegen und wieder zusammenbauen. 

Mehr zu dieser Aktion: Jana ist am Sonntag, 21 Uhr bei emobly live – unser Talkformat auf YouTube und Facebook. 

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Jana Höffner
Begeisterte Autofahrerin mit starken Suchttendenzen (wenn es eine Straße und Ladestationen gibt, fahre ich mit dem Auto) - seit 2013 inzwischen über 200.000 Kilometer ausschließlich elektrisch. Neben dem Auto ist das Internet und die sozialen Netzwerke mein Zuhause - auch beruflich. Kann spontan Vorträge zu verschiedenen Mobilitätsthemen halten aber auch zu invasiven Neophyten oder Star Trek. Ansonsten Radlerin, Bloggerin (ZoePionierin.de), Vereinsmeierin (Electrify-BW e.V.), Elektroautobauerin (1982er VW Bus), Naturromantikerin und stolze NerdTM.