Der Dänemark-Trick: So fahren Schlitzohren gratis Elektroauto

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Quelle: Shutterstock

Wir stellen uns kurz vor, es wäre möglich, sich ein nagelneues Mittelklasse-Elektroauto zu kaufen und dieses ohne jeden Verlust oder sogar mit einem kleinen Gewinn nach einem halben Jahr wieder zu verkaufen. Sodann bestellt man das neueste Modell der gleichen Fahrzeugreihe und wiederholt das Spiel alle sechs Monate. Geht nicht? Und wie es geht.

Für diesen Trick braucht es nur wenige Zutaten: Ein nagelneues Tesla Model 3, die staatliche Umweltprämie für rein elektrische Fahrzeuge in Deutschland und einen Käufer in Dänemark. Natürlich verliert auch ein neues Elektroauto an Wert, sobald es zugelassen wird. Auch wenn dieser Wertverlust aufgrund der langen Lieferzeiten von Neuwagen deutlich geringer als bei Verbrennern ausfällt, ist er vorhanden. Kompensiert wird dieser aber durch die staatliche Förderung. Für ein Model 3 von Tesla gibt es 6.000 Euro vom deutschen Staat bzw. somit vom Steuerzahler. Der Betrag wird direkt auf das Konto des Käufers überwiesen. Weitere 3.570 Euro gewährt der Hersteller Tesla als Direktabzug beim Kaufpreis.

Und so ergibt sich ein recht eindeutiges Bild beim Preisvergleich für ein fabrikneues Tesla Model 3. Denn aufgrund der Luxussteuer (Zulassungssteuer), die in Dänemark seit 2021 auch für Elektroautos gilt, ist der Wagen dort wesentlich teurer als im förderfreudigen Deutschland:

Preis inkl. Förderung in DeutschlandPreis in Dänemark
Tesla Model 339.670 Euro56.890 Euro (423.490 DKK)


Eine wesentliche Besonderheit macht für Dänen nun den Kauf eines gebrauchten Model 3 aus Deutschland besonders attraktiv: Fahrzeuge, die mehr als 6.000 km Laufleistung auf dem Buckel haben, gelten als Gebrauchtwagen und sind von der Luxussteuer befreit. Wichtig sind also zwei Bedingungen für einen lukrativen Verkauf nach Dänemark: In Deutschland muss der Wagen 6 Monate und 1 Tag auf den Käufer zugelassen sein, damit der deutsche Umweltbonus nicht zurückbezahlt werden muss. Und in dieser Zeit muss der Wagen mind. 6.000 Kilometer gefahren worden sein.

Wir begaben uns auf die Suche nach Menschen, die bereits Erfahrungen mit diesem Trick gemacht haben. Lange müssen wir nicht suchen: Im “Tesla Fahrer und Freunde”-Forum wimmelt es von Diskussionen rund um das Thema. Kein Wunder: Denn alle sechs Monate einen Neuwagen quasi zum Nulltarif fahren zu können, stößt auf breites Interesse. Wir treten mit einem uns besonders aktiv erscheinenden Nutzer in Kontakt. Nachfolgend nennen wir ihn “Robert”. Das ist nicht sein echter Name, auch nicht sein Pseudonym. Er wird uns in den nächsten Tagen nach Beginn unserer Recherche mit wertvollen Informationen versorgen rund um das Thema Dänemark.

Robert hat 40.000 Euro Gewinn mit dem Dänemark-Trick gemacht

Robert selbst kann man als Profi bezeichnen: Er gibt uns gegenüber an, dass er bereits mehr als 20 Model 3 nach Dänemark verkauft hätte. Drei Fahrzeuge davon seien die seiner Familie gewesen, der Rest gehörte Freunden oder anderen Forums-Mitgliedern. Er erzählt uns, wie simpel der Verkauf über die Bühne ginge: Bei mobile.de inseriert er das Fahrzeug inklusive zahlreicher Bilder. Es dauert einige Stunden, manchmal wenige Tage, bis Anfragen aus Dänemark eintreffen. Es sind meistens professionelle Händler, die längst die deutschen Plattformen mobile.de und AutoScout nach entsprechenden Angeboten durchforsten. Man wird sich schnell einig, es sind offenkundig eingespielte Prozesse auf beiden Seiten. Die Händler lassen die Fahrzeuge in Deutschland abholen und Robert erzählt zeitgleich das Geld per Blitzüberweisung.

Wir wollen von Robert wissen, welchen Verkaufspreis er erzielt. Die ersten Antworten sind ausweichend. Verständlich, denn sollte es der Wahrheit entsprechend, dass Robert bereits 20 Fahrzeuge auf diesem Weg verkauft hat, könnte sich das Finanzamt dafür interessieren. Nach einigem Hin und Her beziffert er den durchschnittlichen Verkaufspreis auf 42.000 Euro. Gut 2.000 Euro Gewinn also pro Fahrzeug, welches nach Dänemark ging – in Summe 40.000 Euro. Wir können und wollen nicht prüfen, ob Roberts Angaben der Wahrheit entsprechen. Für uns interessanter ist der Einblick, den Robert uns in den sogenannte “Owner’s Bereich” des genannten Tesla-Forums gewährt. Dort können sich nur Mitglieder austauschen, die den Besitz eines Tesla-Fahrzeuges nachgewiesen haben. Wir verbringen einen halben Tag damit, die Nachrichten zum Thema Dänemark-Verkauf durchzulesen und zu analysieren.

Der deutsche Umweltbonus wird nach Dänemark exportiert

Eines wird uns schnell klar: Längst scheint es zum guten Ton vieler Model 3-Fahrer zu gehören, zu überlegen, wie der Wagen nach sechs Monaten möglichst gewinnbringend nach Dänemark verkauft werden könnte. Die ersten professionellen Vermittler gibt es auch bereits. Ein Autohaus in Mönchengladbach und ein ursprünglich auf US-Importe spezialisierter Autohändler aus Reinbek bieten ganz offen ihre Dienste bei der Vermittlung nach Nordeuropa an. Deren Angebote lesen sich zunächst wie Annoncen zum altbekannten Ankauf von Kfz.

Doch was geschieht hier wirklich? Die staatliche Umweltprämie soll eine Lenkungswirkung beim Kfz-Kauf entfalten. Je mehr Menschen ein Elektroauto kaufen und fahren, desto besser für die CO2-Bilanz des Verkehrs in Deutschland. Entspricht es der Idee des mit Steuermitteln finanzierten Umweltbonus, dass dieser quasi nach Dänemark exportiert wird? Diese Frage wird die Bundesregierung beantworten müssen. Fest steht aber: Findige Zeitgenossen haben längst ein Geschäftsmodell etabliert, welches ohne den satten Umweltbonus nicht funktionieren würde.

Der Dänemark-Trick ist Stand heute legal.

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