Reichweiten-was? Fürchtet Euch nicht!

0


Reichweitenangst! Kaum eine Woche, in der nicht irgendwo in Deutschland ein Journalist über angeblich liegengebliebene E-Autos schreibt. Unsere Autorin langweilen diese Horrorgeschichten. Sie lädt gerade im Urlaub auf Sizilien ihre Akkus auf – ihre eigenen und die ihres Elektroautos.

Auch wenn Sprachpuristen es immer wieder leugnen. Unsere Sprache ist einer wunderbaren Dynamik unterworfen. Immer wieder kommen neue Worte in unseren Wortschatz, andere Worte verschwinden wieder. So weiß heute kaum jemand was blümerant ist, was man mit einem Zinnober anfangen kann, wer kommod ist und was in einem Piesack drin ist. Oder fragen Sie doch mal Ihre Kinder, was eine Wählscheibe ist. 

Ein weiteres Wort, was sich bald in diese Liste einreihen dürfte ist gerade mal wenige Jahre alt: Reichweitenangst [ˈraɪk|weiten|ˈɑŋst]

Reichweitenangst, die: Beschreibt die (vermeintliche) Angst mit einem Elektrofahrzeug aufgrund einer leeren Batterie liegen zu bleiben und für immer zu stranden.

Tatsächlich hat dieses Wort sogar wie sein englisches Pendent „Range Anxiety“ einen eigenen Wikipedia-Artikel. Auch das Esperanto kennt diese Angst (Atingopova timo). Im Mandarin-Chinesisch sagt man 里程焦虑 (Ausgesprochen in etwa: Li cheng ziao lü). Im Mutterland der Elektromobilität Norwegen heißt es „rekkeviddeangst“ und war dort 2013 Wort des Jahres.

Ursprünglich stammt das Wort aus den späten 1990ern Jahren, als General Motors mit dem EV1 sein erstes Elektroauto auf den Markt brachte. 

Fährt nur Chuck Norris mit einem Kona Electric in den Urlaub?

Schlägt man die Zeitung, respektive das Internet auf, liest man immer wieder von verzweifelten Journalisten, die beim Versuch ein Elektroauto zu fahren, kläglich scheiterten und irgendwo im nirgendwo mit leerem Akku liegen blieben. Auf Facebook und Twitter kursieren immer wieder Bildchen mit irgendwelchen Horrorgeschichten über Elektroautos.

Leben Elektromobilisten nun also in ständiger Angst? Schauen Tesla-Fahrer nur äußerlich so entspannt, während sie innerlich permanent die Hölle durchleben? Wie abgebrüht muss man sein, um mit einer Renault ZOE zur Arbeit zu pendeln? Und fährt nur Chuck Norris mit einem Kona Electric in den Urlaub?

Auf diese vielen Fragen gibt es eine Antwort: Nein. Denn um heute mit einem Elektroauto liegen zu bleiben, muss man sich schon extra dumm anstellen. Sprich, wer mit dem Elektroauto liegen bleibt, wird es vermutlich auch nicht schaffen, seinen Verbrenner rechtzeitig zu tanken.

Die Autorin dieses Artikels selbst fährt seit 2013 ausschließlich elektrisch. Trotz 40.000 Kilometern im Jahr ist sie noch nie mit leerer Batterie liegen geblieben. Und auch sonst sind unter Elektromobilisten Geschichten vom Liegenbleiben kaum gehört. Vor fünf Jahren bestand die Ladeinfrastruktur in Deutschland fast nur aus Lücken. Wer damals mit einem Elektroauto mit gut 100 Kilometern Reichweite quer durchs Land fahren wollte, brauchte schon eine ordentliche Portion Abenteuerlust, gute Planung und Kompromissbereitschaft bei der Routenführung.

2013 hat angerufen, es möchte sein Wort zurück

Legt man eine Karte mit den Ladestationen von damals neben eine aktuelle Karte, zeigt sich, dass in den vergangenen Jahren viel passiert ist. Auch beim Vergleich der Autos fällt auf, dass Reichweiten von 100 Kilometern heute eher die Ausnahme sind. Die meisten Fahrzeuge schaffen inzwischen locker 300 bis 350 Kilometer mit einer Akkuladung – manche sogar noch mehr.

An 320 von 400 Autobahnraststätten in Deutschland stehen Schnellladestationen. Auch viele Autohöfe bieten diesen Service an. Und täglich werden es mehr. Schaut man zu unseren europäischen Nachbarn zeigt sich ein ähnliches oder sogar noch besseres Bild. 

Viele Mobility Service Provider (MSP) bieten mit ihren Ladekarten und Apps Zugang zu Ladestationen in vielen europäischen Ländern. Jetzt, in der Urlaubszeit sieht man vermehrt Fahrzeuge mit ausländischen Kennzeichen an den Schnellladestationen, aber es bilden sich keine langen Staus. 

Wer ein Auto der Marke Tesla sein Eigen nennen darf, hat sowieso keine Probleme. Das Ladenetz für Tesla-Fahrzeuge (Supercharger) erstreckt sich über ganz Europa. Das Navigationssystem plant nicht nur die Strecke, sondern auch die nötigen Zwischenstops. Einsteigen, Ziel eingeben, losfahren. Zum Laden braucht es keine App oder Ladekarte. Das Fahrzeug identifiziert sich automatisch am Tesla-Supercharger und schon fließt der Strom – just as simple as that.

Alles auf dem Smartphone

Auch Mercedes hat angekündigt, dass sein EQC diesen Komfort anbieten wird. Wer jetzt nicht mit Tesla oder Mercedes unterwegs ist, wird kein Hochschulstudium brauchen, um von München nach Leipzig oder von Hamburg nach Amsterdam fahren zu können.

Mit den Apps der MSP lassen sich die Ladestationen schnell finden. Die App ChargEV (derzeit nur für iOS erhältlich, Android ist geplant) gibt einen Überblick über nahezu jede Ladestation in Europa und liefert auch gleich die Informationen, mit welchen Karten oder Apps man dort laden kann. Im Internet gibt das Stromtankstellenverzeichnis von Goingelectric einen europaweiten Überblick. Mit dem Ladekompass von emobly lässt sich immer der aktuell günstigste MSP finden.

Ach ja, da sind ja noch die Horrorgeschichten von Elektroautos, denen im Stau angeblich der Strom ausgeht. Erstens braucht ein Elektrofahrzeug im Stau sehr wenig Energie. Denn steht der Elektromotor, braucht er keinen Strom – im Gegensatz zu einem Verbrenner, der auch, wenn das Auto steht fleißig Benzin oder Diesel verbrennt. Und anders als ein Verbrennungsmotor ist der Elektromotor im Stop-and go-Verkehr ein kleines Sparwunder. Licht und Radio verbrauchen in Relation zur Batteriegröße so wenig Strom, dass sie so gut wie gar nicht ins Gewicht fallen. 

Elektrisch im Jahrhundertstau

Bleiben noch Heizung und Klimaanlage. Diese können je nach Wetter schon ins Gewicht fallen. Endet man mit nur noch wenigen Prozent in der Batterie im Jahrhundertstau bei -20 Grad geht dem Elektroauto schon – übrigens genau wie Verbrennern mit wenig Sprit im Tank – die Puste aus.

Deshalb gilt das gleiche wie für alle Autos im Winter oder Sommer auf langen Strecken: Man sollte immer Reserven einplanen, Decken (im Winter), ausreichend Getränke und auch etwas zu Essen (z.B. Kekse) im Auto haben. Reminder: Auch sollte man im Stau stets die Rettungsgasse offen halten, damit im Notfall schnell Hilfe kommen oder THW, Rettungsdienste und Feuerwehr die Eingeschlossenen unterstützen kann. 

Die allermeisten von uns werden aber glücklicherweise sowieso niemals in einem solchen Jahrhundertstau landen.

Das Fazit

Also kein Grund, dass Euch im Elektroauto blümerant wird. Ihr müsst nämlich nicht jeden Zinnober glauben, nur weil ihn jemand bei Facebook postet. Entspannt Euch und reist bald ganz kommod mit einem Elektroauto durch Europa und lasst Euch nicht von ahnungslosen Quacksalbern piesacken, die die Elektromobilität auf dem Kieker haben. Die telefonieren nämlich wahrscheinlich auch noch mit einem Wählscheibentelefon. Das Wort „Reichweitenangst“ jedenfalls ist bald schon ein Fall für das Lexikon der bedrohten Wörter.