Tesla Model 3 im emobly-Test: California Dreaming

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Mit dem Model 3 will Tesla der Elektromobilität in Europa endgültig zum Durchbruch verhelfen. Wir haben das EU-Modell ausgiebig getestet. Ob es die hohen Erwartungen wirklich erfüllen kann?

Eine Warnung gleich zu Beginn: Solltet Ihr noch nie zuvor elektrisch gefahren sein – Achtung! Der Tesla Model 3 hat Wumms. Selbst für ein Elektroauto. Das bekommt man nicht nur auf der Autobahn zu spüren, das beginnt bereits beim Ausparken. Ein zärtlicher Tappser auf das Strompedal, und der Wagen zieht ab. Gefährlich vor allem beim Rückwärts-Ausparken, wo man eine solche Power nicht vermutet (Keine Sorge, nix passiert!).

Bei dem Testwagen, den uns Tesla für 4 Tage unentgeltlich zur Verfügung gestellt hat, handelt es sich um die Dual Motor Allrad-Variante (Ergänzt: Performance!) in rot.  

(Anmerkung: Bei unserem Testwagen handelte es sich um die Dual-Motor-AWD-Performance-Variante)

Technische Daten zum Tesla Model 3 LR AWD – 2018

Akku (nutzbar): 75 kWh
Ladeleistung DC:  125 kW
Ladeleistung AC: 11 kW
Ladedauer für 100 km Reichweite: DC: 7 Minuten, AC: 64 Minuten
Reichweite WLTP: 544 km
Reichweite real: 450 km
Leistung: 358 kW
Max. Drehmoment: 525 Nm
Beschleunigung 0-100 km/h: 4,8 s
Höchstgeschwindigkeit: 233 km/h
Höhe/Breite/Länge: 1.440 / 1.930 / 4.690 mm
Gewicht: 1.704 kg
cW-Wert: 0,23

Der erste Eindruck

Der erste Eindruck: „Nice!“. Die Farbe rot macht sich gut und unterstreicht die sportliche Note des Wagens. Charakteristisch für das Model 3 ist das schwarze Glasdach, das sich längs über fast das gesamte Fahrzeug zieht. Der Wagen liegt deutlich tiefer als mein BMW i3, bietet als 5-Sitzer aber reichlich Raum für 4 Erwachsene, auch hinten. Der Kofferraum ist geräumig (mit unglücklich verengtem Zugang, siehe Video) die Rücksitze lassen sich einzeln zurückklappen und bieten Platz für Wintersport- oder Ikea-Wochenenden.

Bild: Tesla, Inc.

Der Innenraum erinnert an einen Apple-Store auf Rädern. Im Zentrum der große Tablet-Touchscreen, sonst keinerlei Knöpfe, keine Lüfter, kein Schnick Schnack. Wie ich mit der Hand so über das Amaturenbrett streiche, ist mir fast so, als hätte Steve Jobs von seiner iCloud herab durch das Glasdach geschaut und milde gelächelt.

Kleine Macken

Eine Macke, die der große Steve jedoch niemals verziehen hätte: die Türen, die beim Zumachen gerne mal einen Spalt offen bleiben. Erst dachte ich, vielleicht wäre es doch mal wieder Zeit für Sport. Doch als dann auch Georg und auch Grischa mit der Türe kämpften, war klar: It’s not a feature. It’s a bug. Ob nur bei unserem Testfahrzeug oder gar ein größerer Produktionsfehler – hier muss Tesla noch mal ran.

Ich halte die Schlüsselkarte an den Sensor des Türrahmens. Das Fahrzeug selbst lässt sich nur starten, wenn man die Karte später kurz auf der Mittelkonsole ablegt. Cool, aber auch ein bisschen dämlich. Bei meinem i3 kann ich den Schlüssel in der Hosentasche lassen. Die Gefahr, dass man die schwarze Karte auf der schwarzen Fläche einfach liegenlässt und sich aus Versehen aussperrt, ist groß …habe ich mir sagen lassen.

Für das Model 3 in Rekordzeit nachgerüstet: Die neuen Supercharger mit CCS

Der Langstrecken-Meister

Nachdem wir unseren Wagen durch die Tesla-Hotline wieder haben öffnen lassen (bei registrierten Nutzern über die App), beginnt unser emobly-Test mit einer Langstrecke. Die Überführung des Fahrzeugs von Mainz nach München. 430 Kilometer, bei leichtem Wind und ordentlich Regen. Der Akku zeigt bei Übernahme knapp 75 Prozent. Tatsächlich schaffe ich bei meiner ersten Fahrt, trotz zahlreicher Tempo-, Brems- und Beschleunigungstests, stolze 370 Kilometer. Die 400 Kilometer-Marke hätte ich bei vollem Akku locker geknackt. Reichweitenangst war gestern.

Das Zwischenladen an einem der frisch aufgerüsteten Supercharger mit CCS-Stecker dauert exakt einmal Beine vertreten, einen Toilettengang und einen Kaffee. Keine 20 Minuten und 55 Prozent Akkuleistung später, starte ich die letzte Etappe Richtung München. Natürlich nicht ohne eine Traube Tesla-Fans, die mich schon beim Anfahren der Ladesäule freundlich begrüßt.

Tempomat und Autopilot

Neugierig war ich auf den Fahr-Assistent. Der sog. “Autopilot” hat noch nicht wirklich viel mit dem Autonomen Fahren zu tun. Und doch arbeitet er, genau wie der Tempomat, zuverlässig und hält den Wagen gut in der Spur. Hat man sich mal mit der Tatsache angefreundet, dass man alle paar Sekunden das Lenkrad leicht bewegen muss, damit der Computer weiß, dass man noch aufpasst, ist die Lenkhilfe durchaus praktisch und erleichtert monotone Langstrecken-Fahrten (mehr dazu im Video).

Tesla Model 3 in rot
Foto: Tesla, Inc.

Schwachstellen des Model 3

Kommen wir zu den Punkten, die uns nicht gefallen haben: Das Model 3 ist lauter als seine beiden großen Geschwister S und X. Die Windgeräusche ab Tempo 120 rauben leider viel von dem Flüster-Feeling eines Stromers. Der Innenraum ist clean und stylish. Das verbaute Material, etwa Lenkrad oder Konsolen, könnten aber wertiger sein. Ein absolutes No-Go ist die Ablage für das Smartphone: Kabel-Ladung statt Wireless-Charging. Zur Erinnerung: es ist das Jahr 2019.

Stärken des Model 3

Dafür punktet das Model 3 mit seinem großen HD-Touchscreen, das scharf, responsiv und, laut Georg, deutlich hochwertiger ist, als in seinem doppelt so teuren Model X. Der Dual Motor hat einen irren Zug. Von 0 auf 100 in 4,8 Sekunden. Die Performance-Variante liegt sogar noch eine Sekunde darunter. Bei unseren Tests werden wir in den Sitz gedrückt wie in einer Achterbahn. Trotz seinem leichtem Chassis, liegt der Wagen satt auf dem Asphalt, der schwere Akku macht’s möglich.

Aber lassen wir mal Spaltmaße und Kilowattstunden beiseite. Was man mit einem Tesla Model 3 kauft, ist nicht die Technik, nicht die Leistung. Es ist ein Lebensgefühl, das ich so zum letzten Mal in meiner Kindheit hatte, bei meiner ersten Begegnung mit einem Apple Macintosh. Das Gerät funktioniert und macht einfach nur Spaß! Etwas, was man erst wirklich versteht, wenn man es sprichwörtlich selbst „erfahren“ hat. Ein Stück Highway-Number-1-Feeling im grau-nass verregneten Februar-Deutschland.

Zugreifen oder Warten?

Als ich den Wagen am Montag im Tesla-Zentrum in Feldkirchen bei München wieder abgebe, kommt Wehmut auf. Ein eleganter Flitzer, der einfach Spaß macht und der wie einst das erste iPhone eine Referenz sein wird für die kommenden Jahre. Persönlich könnte ich mir vorstellen, meinen BMW i3 gegen das Model 3 auszutauschen. Allerdings nicht für 60.000 Euro.

Sicher, der Wagen wird sich auch zu diesem Preis hervorragend verkaufen und schon bald unser Straßenbild (und -Klang) in Deutschland prägen. Noch in diesem Jahr soll die Midrange-Variante nach Europa kommen, erwartet wird eine Preismarke unter 50.000 Euro. Wenn es soweit ist, werdet Ihr es hier bei emobly als Erstes erfahren!