Wie könnte die Tankstelle der Zukunft aussehen?

Bertha Benz musste ihr Benzin noch in der Apotheke kaufen. Inzwischen sind Tankstellen Allrounder und bieten neben Sprit viele Dinge des täglichen Bedarfs an. Aber wie sieht das bei den Ladesäulen für Elektroautos aus?

Bertha Benz, ca. 1871/72, Automuseum Dr. Carl Benz, Ladenburg

Als sich Bertha Benz 1888 mit dem Benz Patent-Motorwagen Nummer 3 auf den Weg von Mannheim nach Pforzheim machte, musste sie ihr Benzin noch in der Apotheke kaufen. Immerhin war sie die erste, die es gewagt hat, mit dem neuen Automobil eine längere Strecke zurück zu legen. So ist die erste überlieferte Tankstelle der Welt die Stadt-Apotheke in Wiesloch.

Anfang des 20. Jahrhunderts stieg der Bedarf nach Kraftstoffen für Automobile. Das erste deutsche Tankstellenverzeichnis erschien 1909 und listete etwa 2.500 Drogerien, Kolonialwarenhändlern, Fahrradhandlungen, Hotels und Gaststätten auf, die Benzin verkauften. Die erste richtige Tankstelle eröffnete in Deutschland 1922 in Hannover. Fünf Jahre später eröffnete die erste Tankstelle in Hamburg, bei der das Benzin automatisch durch einen Tankrüssel in den Tank gepumpt wurde. 

Seit dem Jahr 1952 war Tankwart in Deutschland ein dreijähriger Ausbildungsberuf. Leider ist die Geschichte der Elektromobilität nicht so gut dokumentiert, wie Bertha Benz‘ erste Langstreckenfahrt. Welche Steckdose die erste Elektrotankstelle der Welt war, ist daher leider nicht überliefert. Bei Ladesäulen für Elektrofahrzeuge wiederholt sich jetzt jedoch teilweise die Geschichte – nur geht es sehr viel schneller. 

Wiesloch, Stadtapotheke – erste Tankstelle der Welt – im Vordergrund das Bertha-Benz-Denkmal / Foto: Rudolf Stricker CC BY-SA 3.0

Supermärkte mit Zapfsäulen

Viele Jahrzehnte blieben Tankstellen in erster Linie Tankstellen. Es gab Treibstoff, oft eine Werkstatt und einen kleinen Laden. Neben essentiellen Autoteilen und Zigaretten gab es eventuell noch Schokoriegel und eine kleine Auswahl an Getränken. Das Kerngeschäft war aber lange Zeit der Verkauf von Kraftstoff und die Autowerkstatt. Die Werkstätten sind inzwischen bei den Tankstellen größtenteils verschwunden, dafür hat sich die Tankstelle zum Supermarkt mit Autozubehör, Bistro und Zapfsäulen weiterentwickelt. Wer hat nicht schon nach Ladenschluss in einer Tankstelle eingekauft? Und das Konzept funktioniert: inzwischen machen die Tankstellenpächter mehr Umsatz mit dem Verkauf von Lebensmitteln als mit Kraftstoffen. 

Jetzt steht für die Tankstellen eine neue Herausforderung an. Nämlich wenn es immer mehr Autos gibt, die kein Benzin, Diesel oder Gas mehr brauchen, sondern eine Steckdose, um den Akku wieder aufzuladen. Können die Tankstellen von diesem Wandel profitieren und wenn ja, wie? Um bei der Mobilitätswende nicht unter die Räder zu kommen, muss sich die Tankstelle neu erfinden und zur Ladestelle werden. 

Laden ist nicht tanken

Eigentlich braucht ein Elektroauto nur eine Steckdose, um seinen Akku wieder zu füllen. Wer auf langen Strecken unterwegs ist, möchte aber nicht stundenlang an einer normalen Steckdose hängen, um wieder den Akku aufzuladen. Daher gibt es Schnellladesäulen, die entsprechende Leistung zur Verfügung stellen, um das Auto in 15 bis 40 Minuten wieder aufzuladen. Im Vergleich zu einer Steckdose ist ein solche Schnellladesäule sehr teuer. Aber deutlich günstiger als eine Zapfanlage für Benzin, Diesel oder gar Wasserstoff. Das Ladeverzeichnis von emobly listet inzwischen knapp 15.000 Lade-Orte für Elektrofahrzeuge, darunter gut 5.000 Schnellladepunkte. Täglich kommen neue hinzu.

In der Anfangszeit der Elektromobilität, in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts bedeutete öffentliches Laden oft, Umwege zur Ladesäule zu fahren und dann unter Umständen irgendwo im nirgendwo zu stehen. Die Ladesäulen standen in Gewerbegebieten, an Rathäusern oder wo eben gerade zufällig ein passender Stromanschluss vorhanden war. An die „Ladeweile“ – also, wie man die Zeit während des Ladens verbringt – hat niemand gedacht. Denn das Laden wird absehbar noch länger dauern, als das Tanken. Noch dazu muss man – anders als beim Tanken – dabei nicht danebenstehen und den Rüssel festhalten. Es braucht also attraktive Angebote, die Ladeweile rumzubringen. 

Laden wird zur Nebensache

Ist das Auto an die Ladesäule angeschlossen und der Ladevorgang gestartet, will man die Zeit sinnvoll nutzen und sich nicht in einem verlassenen Gewerbegebiet die Beine in den Bauch stehen. Aber reicht das Angebot heutiger Tankstellen aus, um Elektromobilisten während der Ladezeit anzulocken? 

Es ist auch abzusehen, dass die meisten Ladevorgänge nicht öffentlich, sondern zu Hause oder am Arbeitsplatz stattfinden. Also dann, wenn das Auto sowieso länger ungenutzt rumsteht. Schnellladen muss nur, wer lange Strecken fährt oder (noch) keine eigene Lademöglichkeit am Haus oder am Arbeitsplatz hat. Der Kundenkreis von Tankstellen wird also bald deutlich kleiner werden. Überleben kann da nur, wer nicht nur Schnellladestationen anbietet, sondern auch die Ladeweile attraktiv gestaltet.

Zukunftsvision aus “Zurück in die Zukunft II”, Universal Pictures

Was Elektromobilisten wollen

Inzwischen stehen an den meisten Autobahnraststätten Schnellladesäulen. Den Aufenthalt auf einer Autobahnraststätte verbinden aber wohl die wenigsten Menschen mit „eine angenehme Zeit verbringen“. Tesla setzt in Deutschland auf Autohöfe. Bis auf wenige Ausnahmen, sind das auch nicht die schönsten Orte zum Verweilen. 

Ich habe auf Twitter einfach mal völlig unrepräsentativ gefragt, was sich Elektromobilisten von einer guten „Ladestelle“ erwarten. Klar müssen natürlich die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt werden. Es braucht also saubere sanitäre Anlagen, WLAN oder zumindest einen guten Mobilfunkempfang. Dazu sollte es natürlich die Möglichkeit geben, etwas Gutes zu essen und zu trinken zu bekommen, ohne dafür Mondpreise zahlen zu müssen. Zusätzlich sollte natürlich auch die Aufenthaltsqualität stimmen. Niemand möchte in kalt beleuchteten großen Hallen sitzen, wie man sie etwa von spanischen Rastplätzen kennt – der Inbegriff für „ungemütlich“. 

Erste Angebote zeigen, wie die Zukunft aussehen könnte

In der Disziplin Aufenthaltsqualität zeigt Tesla wie es gehen könnte. So findet sich in der Nähe von Rom eine Schnellladestation an einem Restaurant an der Autostrada del Sole. In österreichischen Kapfenberg steht die Tesla-Schnellladestation mitten im nirgendwo – nämlich im oben beschrieben Gewerbegebiet. Trotzdem fährt man hier gerne zum Laden hin. In einem Garten mit Teich steht eine Lounge, die exklusiv für die Fahrerinnen und Fahrer während der Ladezeit zugänglich ist. Essen und Getränke gibt es dort aber leider nur aus dem Automaten. Aber das Konzept zeigt, wo die Reise hingehen könnte. Die Bewertungen bei Google beweisen, dass das Konzept gut ankommt. Auch wenn klar ist, dass es so natürlich nur im kleinen Maßstab funktionieren kann.

Tesla hat auch immer wieder angekündigt künftig mehr Infrastruktur mit solcher Aufenthaltsqualität um ihre Schnellladestationen zu schaffen. Richtig sinnvoll ist dies natürlich nur, wenn dort nicht nur Teslas, sondern alle Elektroautos schnellladen können. Um profitabel zu sein, müssten solche Orte wie heutige Tankstellen zusätzlich auch Kunden anziehen, die nicht (nur) wegen des Ladens kommen. Die Lage solcher modernen Ladestellen muss daher entsprechend gewählt sein. Sie müssen in unmittelbarer Nähe von Fernstraßen stehen. Aber auch so platziert sein, dass sie Menschen aus der Umgebung anzieht. Entsprechend muss sich das Angebot von der klassischen Burgerkette oder der Raststätten-Gastronomie abheben – gleichzeitig aber auch nicht nur Angebote für dicke Geldbeutel bereithalten. 

Niemand will zwischen Müllbergen und Fäkalien verweilen

Nicht zu vergessen, dass Kinder auf langen Autofahrten die Möglichkeit brauchen, sich bei den Pausen zu beschäftigen und auszutoben. Also braucht es auch spannende Spielplätze. Und warum nicht auch eine Kinderbetreuung? Nicht zuletzt ist Sauberkeit ein essentieller Wohlfühlfaktor. Wer schon mal auf einer Autobahnraststätte zwischen überquellenden Mülleimern an einer verdreckten Wiese verbracht hat, an deren Rand regelmäßig jemand seine Notdurft verrichtet, weiß was gemeint ist. Das Ziel ist, dass die Ladeweile eben nicht Warten ist, sondern Aufenthaltsqualität und das Laden zur Nebensache wird. 

Der niederländische Infrastrukturpionier Fastned, der inzwischen auch in andere europäische Länder expandiert, hat dies ebenfalls erkannt. In den Niederlanden hat er erstritten, entsprechende Angebote an seinen Standorten bauen zu dürfen. Der deutsche Raststätten-Platzhirsch Tank&Rast hat nördlich von München den Rasthof „Fürholzen West“ als „Tankstelle der Zukunft“ gebaut. In der Süddeutschen Zeitung kommt Gerhard Matzig aber zu dem eher ernüchternden Ergebnis: „Wo ‚Zukunft‘ draufsteht, ist in Wahrheit die bittere Gegenwart drin.“ Zwar bietet Fürholzen West neben Diesel und Benzin auch Tanksäulen für Erdgas, Wasserstoff und Schnellladesäulen für Elektrofahrzeuge. Im Inneren begrüßt einen jedoch weiterhin der bekannte Tank&Rast Charme. Der ist sicher kaum geeignet, Menschen aus der Umgebung ebenfalls anzuziehen. Zumal die Raststätte nur über die Autobahn zu erreichen ist. Aus dem etwa einem Kilometer entfernten Fürholzen ein Umweg von über 20 Kilometern.

Wünsche, Wirklichkeit und Wirtschaftlichkeit

Die Wunschliste für eine Ladestelle der Zukunft ist also lang. In der Wirklichkeit erleben wir erste Ansätze aber noch nichts, was zu 100 Prozent überzeugt. Es stellt sich natürlich auch die Frage, wie alle Wünsche in ein wirtschaftliches Konzept passen. Wahrscheinlich ist, dass die erste Ladestelle ob der Marktmacht von Tank&Rast – die auch bisher unabhängige Autohöfe aufkaufen und übernehmen – nicht in Deutschland entstehen wird. 

Tesla muss sich endlich davon verabschieden, als Infrastrukturanbieter nur Ladestationen für ihre eigenen Kunden anzubieten. Sie haben theoretisch das Potential international zu einem der größten Ladestationsbetreiber (englisch: Charge Point Operator, CPO) und Mobilitätsdienstleister (englisch: Mobility Service Provider, MSP) zu werden. Denn nur dann kann das oben skizierte Konzept wirtschaftlich erfolgreich sein. 

Potential für Wettbewerb für die beste Ladestelle ist auf jeden Fall vorhanden. Viele CPOs aus den USA, den Niederlanden, Großbritannien und auch aus China haben große internationale Expansionspläne. Hoffen wir, dass sie nicht nur einfach Schnellladesäulen in die Landschaft stellen, sondern sich auch mit kreativen Ideen, das Geschäft mit der Ladeweile sichern. Denn klar ist auch: nur mit dem Verkauf von Strom an Schnellladestationen ist kein Geschäft zu machen. Überleben wird also nur, wer wie heutige Tankstellen, das beste Angebot rund um das Tanken respektive Laden macht. Hoffen wir, dass es nicht wieder – wie bei den Tankstellen – hundert Jahre dauert.