Wir alle laden illegal – das Problem mit dem Eichrecht

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Foto: Tekke / flickr / CC BY-ND 2.0

Ein noch immer ungelöstes Problem der Elektromobilität: eine zuverlässige Abrechnung des Ladestroms. emobly erklärt worum es geht.

Die Ausgangslage

Zwischen dem Heute und der Zukunft der Mobilität steht ein großes Hindernis: das deutsche Eichrecht. Denn nicht immer entspricht die Strommenge, die man an der Ladesäule erhält, der Summe, die hinterher vom Versorger abgerechnet wird. Tatsächlich verstoßen aktuell eine Reihe von Gleichstrom-Anbietern mit ihren Schnellladesäulen gegen das deutsche Eichrecht. 

Das Stromnetz in Deutschland wird mit Wechselstrom betrieben. Die Ladung über Gleichstrom lässt sich aber deutlich schneller durchführen. Deswegen wird an Schnellladestellen wie z.B. beim Tesla Supercharger der Strom von Wechsel- in Gleichstrom umgewandelt. Bei den Superchargern gilt ein Wirkungsgrad von etwa 92 Prozent, der Rest geht in Form von Wärme verloren. 

Für genau diesen Anwendungsfall fehlte es allerdings lange an der passenden Gerätschaft, um die übertragene Gleichstrommenge zu messen. Entsprechende Messwerkzeuge gibt es, diese waren bis dato aber nur für den Gebrauch bei Überlandleitungen und daher für größere Mengen gedacht, wo einige Kilowatt Messungenauigkeit weniger relevant sind. 

Als Kompromiss berechnen Anbieter nur 80 Prozent des in Wechselstrom gemessenen Ladevorgangs. Das klingt angesichts des höheren Wirkungsgrades (also 92 Prozent) nach einem guten Deal zugunsten der Verbraucher. In der Praxis profitieren aber die Stromanbieter, da sie in der Regel den Preis zuvor um etwa die gleiche Summe erhöhen. 

Wie wollen Hersteller und Politik das Problem lösen? 

Die eigentlich äußerst peniblen Landeseichbehörden hatten den Ladeanbietern eine Deadline zum 1. April 2019 gesetzt – ohne wirkliche Konsequenzen anzudrohen. Ganz im Gegenteil: Schon im Januar 2019 hatten sich Vertreter der Elektro-Wirtschaft und der Politik zusammengesetzt, um darüber zu verhandeln, wie es ab dem Stichtag weitergehen würde. Auch hier drohten keinerlei Sanktionen, schließlich wolle man den Ausbau der Ladeinfrastruktur nicht im Wege stehen.

Sprecherin Katharina Boesche betonte bei der Sitzung im Januar, wie viel “Augenmaß” die Eichbehörden an der Stelle bewiesen hätten, zu deutsch: Sie drücken beide Augen zu. „Man muss auch ganz klar sagen, es kann seitens der Eichbehörden ja auch gar nichts vollzogen werden, was nicht auf dem Markt erhältlich ist“, wurde Boesche mit deutlichen Worten im Protokoll zitiert. 

Die Behörden-Sprecherin resümierte, dass es noch zu keinem einzigen Ordnungswidrigkeitsverfahren gekommen, kein Bußgeld verhängt und keine einzige Ladeeinrichtung abmontiert worden sei. Selbst gegen den Einsatz neuer, ungeprüfter Zeitmessgeräte scheint die Handhabe zu fehlen. Bei der Frist zum 1. April 2019 handelte es sich explizit nicht um eine gesetzliche Richtlinie, sondern eine Aussetzung des Vollzugs der Frist. 

Wie sind die Fristen entstanden? 

Zweite Sitzung der AK-ELSE: Vertreter der Eichbehörde und der Industrie einigen sich auf eine Übergangsfrist bis zum 31. Dezember 2020, gekoppelt an eine Leistungsgrenze von bis zu 50 kW.  

März 2017: Der Regelermittlungsausschuss des Physikalisch-Technischen Bundesinstituts (PTB) verkürzt die Frist auf den 31.12.2017 und veröffentlicht das Dokument 6-A mit „Regeln und Erkenntnissen […] im Anwendungsbereich der Elektromobilität“. Verbraucherschützer fanden, eine Frist von drei Jahren ginge zu sehr zu Lasten der Endkunden. 

Oktober 2017: Ein Gespräch zwischen Vertretern von Politik und Wirtschaft endet in einer Empfehlung, den Vollzug der Frist vom 31.12.2017 bis zum 31.3.2019 auszusetzen und entfernt die Vorgabe der 50-kW-Grenze. Außerdem wird Ladeanbietern ein 20-prozentiger Abschlag empfohlen; als „Signal, dass nicht der Verbraucher, sondern der Betreiber des Ladepunktes den Verlust zu tragen“ habe. Aus den drei Jahren, die den Verbraucherschützern eine zu lange Zeit waren, sind also „nur“ zwei geworden. 

Wie geht es weiter? 

Die erste Baumusterprüfbescheinigung – oder kurz: Erlaubnis – hat das PTB im Mai 2019 dem Berliner Hersteller Ebee Smart Technologies ausgestellt. Damit ist die Firma bislang als einzige in Deutschland dazu befähigt, entsprechende Ladesäulen mit Gleichstrom-Zählern aus- und umzurüsten. Vier weitere Prüfverfahren laufen noch und hätten im Q2 2019 abgeschlossen sein sollen, wahrscheinlich ziehen sie sich jedoch noch bis in den Herbst. 

Tesla hat Ende Juni schließlich auf die Vorgaben reagiert. Nach ein paar Startschwierigkeiten und einem kurzfristigen Ausweichen auf das alte Abrechnungssystem bezahlen Kunden nun regulär nach Kilowattstunden und nicht nach dem Minuten-Modell. Ob die Messung dem deutschen Eichrecht entspricht, muss sich zeigen. 

Eine neue Frist für das Umsetzen der Eich-Vorgaben deutschlandweit gibt es aktuell nicht. Die Betreiber der Ladeeinrichtungen müssen der ansässigen Eichbehörde einen individuellen und konkreten Nachrüstplan vorstellen, aus dem hervorgeht, ob der Messgerätehersteller sich bereits in einem sogenannten Konformitätsbewertungsverfahren befindet und wann mit einer Baumusterprüfbescheinigung gerechnet werden kann. Offenbar bedarf es hier auch noch dringend einem standardisierten Austauschverfahren zwischen den einzelnen Prüfämtern. 

Sollte sich der Anbieter mit der Nachrüstung zu viel Zeit lassen wollen – was auch immer das heißen mag – wird die Behörde dazu raten, auf eine bereits erhältliche Lösung zurückzugreifen. Für neue Ladeeinrichtungen gilt schlussendlich, dass nur noch nach den neuen Richtlinien zugelassene Einheiten aufgestellt werden dürfen. 

Dieser Text entstand im Zuge einer Kooperation mit dem Fachbereich Technikjournalismus an der Hochschule Bonn/Rhein-Sieg.