Der Sound, der Leben rettet

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Prof. Hugo Fastl im Soundstudio der TU München - Quelle: Uli Benz / TUM

Elektroautos sind ungewohnt leise und genau das kann für Fußgänger und Radfahrer oft tödliche Folgen haben. Sounddesigner wollen die Fahrzeuge bei Gefahr zum Klingen bringen.

Laute Autos können für Anwohner einer Hauptstraße belastend sein, die fast geräuschlosen Elektromotoren dagegen eine Gefahr für unaufmerksame Fußgänger darstellen. Mit Juli 2019 müssen daher alle neu eingeführten Elektro- und Hybridfahrzeugtypen ein akustisches Warnsystem an Bord haben, zwei Jahre später müssen alle neuen E-Fahrzeuge damit ausgestattet werden. Das automatisch aktivierte System erzeugt beim Anfahren ein sogenanntes Schallzeichen, bis etwa 20 km/h erreicht sind ist es Pflicht, ebenso beim Rückwärtsfahren. Das Geräusch muss zudem eindeutig auf das Verhalten des Fahrzeuges schließen lassen, etwa ob es beschleunigt oder bremst und der Charakteristik eines Verbrennungsmotors ähneln, darf aber nicht lauter sein als ein solcher. Über 20 km/h soll das Abrollgeräusch der Reifen laut genug sein, um ein nahendes Fahrzeug hören zu können.

An der Technischen Universität München entwickeln Forscher die entsprechenden Geräusche. Und natürlich will jeder Hersteller sein ganz eigenen Ton, der für das Auto typisch ist: „Schließlich klingt im Moment ein BMW auch anders als ein Mercedes oder ein Porsche – das soll bei den E-Autos ebenfalls so sein“, erklärt Hugo Fastl, emeritierter Professor am Lehrstuhl für Mensch-Maschine-Kommunikation. Der Grundton wird dabei im mittleren Frequenzbereich angesiedelt, denn sehr tiefe Frequenzen sind schwierig abzustrahlen und bräuchten daher große Lautsprecher am Auto. Zu hohe Frequenzen dagegen können von älteren Menschen nicht mehr wahrgenommen werden. 

Nicht allein der Ton macht die Musik

Neben dem Frequenzbereich ist auch die Klangfarbe ein Faktor, sie lässt sich am ehesten damit beschreiben, ob man eine Melodie nur mit einer Blockflöte spielt – erkannt wird sie dann trotzdem – oder mit einem Orchester. Je schneller sich die Lautstärke eines Tons zudem ändert, desto rauer klingt er – beim Sounddesign für bestimmte Autos ist das besonders wichtig: „Rauigkeit in einem Geräusch wird als sportlich empfunden“, erklärt Fastl.

Die Geräusche im Innenraum der E-Fahrzeuge werden ebenfalls designt, hier gibt es allerdings keine Vorschriften. Denn beim echten Geräusch des Elektromotors könnte sich der Fahrer an eine Straßenbahn erinnert fühlen. Das Innengeräusch ist dabei genauso auf die Zielgruppe zugeschnitten wie das Außengeräusch. „Wer einen BMW 7er fährt, mag es eher ruhig“, erklärt Fastl. „Ein Porschefahrer dagegen möchte von seiner Investition auch was hören.“

Langfristig würden aber immer mehr Autos mit automatischer Fußgängererkennung auf den Markt kommen, schätzen die Forscher. Sie schlagen daher vor, dass die Geräusche von E-Fahrzeugen nur dann abgestrahlt werden, wenn ein Fußgänger in der Nähe ist.

Links

Ein Klangbeispiel liefert die Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen: mp3

Die EU-Verordnung 540/2014: Text

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Tobias Meyer
Egal ob Hybridantrieb oder Ökosystem: Mich interessiert schon immer, wie Dinge im Detail funktionieren. Nach fünf Jahren als Mechaniker im Schwermaschinenbau habe ich Technikjournalismus studiert und arbeite seit dem als Freelancer für diverse Print- und Onlinemagazine. Ab und an tausche ich Kamera und Laptop gegen Trecker und Motorsäge, denn ich bewirtschafte nebenbei einen kleinen Forstbetrieb.