Renault ZOE wills nochmal wissen

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Foto: Jana Höffner

Wenn es um den Siegeszug der Elektromobilität geht, wird gerne Tesla-Chef Elon Musk genannt – ohne den das alles gar nicht möglich gewesen wäre. Auch wenn Tesla sicher seinen Anteil gehabt hat, der heimliche Star ist jemand anderes: Die Renault ZOE.

Sie kam in Deutschland 2013 auf den Markt und war sowas wie der Kick-off der Elektromobilität. Zwar sind ihre Kollegen Leaf und iMiEV schon vorher erhältlich gewesen, doch konnten sie nicht in gleicher Weise so viele Menschen von der Elektromobilität begeistern, wie der französische Supermini in den vergangenen sechs Jahren.

Während Tesla mit seinen Autos viel Wirbel für die Elektromobilität macht, elektrifiziert ZOE ganz bescheiden die Massen.

Die ZOE bestach durch gleich mehrere Dinge: Der durch die Miete der Batterie geringere Kaufpreis, ihre hohe Flexibilität durch ihre Ladetechnik und durch ihr unaufgeregtes aber doch besonderes Design. Seitdem hat Renault über 160.000 ZOE verkauft, 2018 in Europa alleine 40.000, für 2019 erwartet Renault 60.000 und in Deutschland ist die Renault ZOE fast ununterbrochen auf Platz 1 der Zulassungsstatistik. Während Tesla mit seinen Autos viel Wirbel für die Elektromobilität macht, elektrifiziert ZOE ganz bescheiden die Massen.

Die Grande Dame der Elektromobilität

Seit der Markteinführung gab es neue Elektromotoren und ein Batterieupdate. Das große Facelift und modernere Technik ließen aber bisher auf sich warten. Neuere Fahrzeuge wie der Hyundai ioniq oder die zweite Generation des Nissan Leaf schickten sich an, ZOE in Sachen Preis-Leistungsverhältnis aus dem Rennen zu kegeln. Für 2020 stehen die neuen Elektrofahrzeuge der PSA-Gruppe bereits in den Startlöchern. Ihre Hauptgegnerin ist ganz klar die Grande Dame der Elektromobilität. 

Renault konnte also nicht länger zuwarten, mit einer gänzlich überarbeiteten ZOE die Herausforderungen anzunehmen. Kurz zusammengefasst lässt sich die neue Renault ZOE mit mehr Leistung, mehr Reichweite, mehr Technik und mehr Komfort beschreiben. Mit der „Hartplastik-Französin“, wie sie Enthusiasten der ersten Stunde liebevoll nannten, hat die neue ZOE nur noch die Karosserieform gemein.

Von außen hat Renault der ZOE eine neue Front mit LED-Scheinwerfern und am Heck neue Rücklichter verbaut. Ansonsten hat sich am Außenkleid nicht viel geändert. Wer die Qualitäten dieses Facelift wirklich sehen will, muss daher auf die inneren Werte schauen. Das fängt im Unterboden an. Der Akku hat jetzt 52 Kilowattstunden und knapp 400 Kilometer Normreichweite (WLTP). Als erfahrene ZOE-Fahrerin wage ich zu behaupten, dass 320 Kilometer im Alltag locker zu erreichen sind. 

Foto: Jana Höffner

Keine Reiselimousine – aber keine Angst vor längeren Strecken

Wenn es mal weiter sein muss, lässt sie sich wie bisher mit 22 Kilowatt an Wechselstrom und bis zu 50 Kilowatt über CCS mit Gleichstrom laden. Damit ist die ZOE immer noch keine Reiselimousine – das wollte sie auch nie sein – aber Strecken bis 500 Kilometer sind ohne Komfortverlust locker zu machen. Und ansonsten lässt sich auch mit dieser Reichweite und Ladegeschwindigkeit hervorragend Europa entdecken. Denn das Netz an CCS-Ladesäulen in Europa wächst nahezu täglich und reicht inzwischen von Nord-Norwegen bis nach Sizilien, von Lands End bis nach Warschau. Und gibt es mal kein CCS, lädt sie mit 22 Kilowatt an normalen Wechselstrom-Ladesäulen immer noch ziemlich schnell. 

Wer nicht reisen möchte, findet mit der ZOE aber auch einen idealen Begleiter für den Pendler-Alltag. Vor allem wer auf dem Land wohnt, ist mit einem Elektroauto à la ZOE sehr gut beraten. Mit ihrem realistischen Normverbrauch von rund 17 Kilowattstunden auf 100 Kilometer ist man ab der heimischen Steckdose für gerade mal fünf Euro auf 100 Kilometer unterwegs. Dazu kommen noch die typisch geringen Wartungs- und Unterhaltskosten für ein Elektroauto in dieser Klasse. 

Foto: Jana Höffner

Komplett überarbeiteter Innenraum

So, jetzt ist es aber Zeit, sich die Neuerungen der ZOE in einzelnen anzuschauen. 

Im Innenraum findet man nur noch wenig, was an die Vorgängerin erinnert. Lenkrad, Armaturenbrett und Mittelkonsole sind komplett überarbeitet. Die Sitze kommen in neuen Designs und Farben und die Rückbank lässt sich endlich asymmetrisch 1/3, 2/3 umklappen. In der Vorgängerversion ging das nur am Stück.

Es finden sich jetzt vier USB-Anschlüsse, zwei vorne, zwei hinten, zum Aufladen von Mobilgeräten und zum Anschluss an das Multimediasystem. In der Mittelkonsole findet sich zudem eine Fläche zum induktiven Laden von Handys.

Am deutlichsten fällt auf, dass das Display im Armaturenbrett jetzt mit zehn Zoll deutlich größer ist und viel mehr Informationen bietet. Das Display in der Mittelkonsole ist jetzt im Proträt-Modus eingebaut und misst je nach Ausstattung 7 oder 9,3 Zoll. Die vorher mechanische Handbremse ist einer elektrischen gewichen. Zudem gibt es jetzt eine zuschaltbare Anfahrhilfe am Berg. Es kommt insgesamt mehr Stoff im Innenraum zum Einsatz und das ganze Fahrzeug wirkt deutlich wertiger. Zudem setzt auch Renault vermehrt auf Recyclingmaterialen bei der Innenverkleidung und den Stoffbezügen. 

Foto: Jana Höffner

Neues Dashboard bietet mehr Informationen auf einen Blick

Die Anzeige im Armaturenbrett lässt sich über das neue Multifunktionslenkrad individuell einstellen. So lässt sich auch die Navigation in verschiedenen Varianten direkt hinter dem Lenkrad anzeigen. Das neue Display in der Mittelkonsole ist scharf und auch bei Sonnenschein sehr gut lesbar. Der Touchscreen reagiert ohne Verzögerung. Kein Vergleich zum vorherigen R-Link. 

Und noch etwas fällt im Innenraum positiv auf: Es ist deutlich stiller geworden. Bei der Dämmung des Autos hat Renault ebenfalls nochmal im Vergleich zum Vorgänger nachgelegt. So macht das sowieso schon leise elektrische Fahren noch mehr Spaß.

Für mehr Spaß sorgt auch der überarbeitet neue Motor, der nun in der Spitze 100 Kilowatt leistet (135 PS). Damit sinkt die Zeit für einen Spurt von null auf 100 Stundekilometern um gut zwei Sekunden auf jetzt 9,5 Sekunden. Die Zeit für den Spurt von 80 auf 120 Stundenkilometer ist ebenfalls um zwei Sekunden gesunken, was der neuen ZOE mehr Dynamik verleiht. Bei maximal 140 Stundenkilometer ist sie allerdings dann elektronisch abgeriegelt.

Typisch französisch

Bei einer ersten Probefahrt über Sardinien zeigt sich die ZOE gewohnt komfortabel. Sie will kein Sportwagen sein und ist auch keiner. Trotzdem ist die Lenkung präzise und das Auto folgt willig dem eingeschlagenen Weg. Bei ein paar schnellen Runden durch einen Kreisverkehr zeigte sich die Frontrieblerin spurstabil ohne große Tendenz zum Untersteuern. Auf den knapp 250 Kilometern ließ sich jedoch nur ein erster Eindruck gewinnen. Über die doch sehr hügeligen Landschaften begnügte sich die neue Renault ZOE ZE50 bei zügiger Fahrweise mit gut 12 Kilowattstunden auf 100 Kilometern. Damit wären bei dieser Fahrweise gut 420 Kilometer möglich. Wie sie sich auf der Autobahn schlägt ließ sich leider nicht testen.

Natürlich gibt es auch an der neuen ZOE noch einige Kritikpunkte, aber nichts, was das Auto disqualifizieren würde. Der von ZOE-Fahrern der ersten Stunde oft selbst gebaute doppelte Boden im Kofferraum hat es jetzt in die Serie geschafft. Die Umsetzung kann aber leider nicht wirklich überzeugen und wirkt etwas frickelig und nicht passgenau.

Leichte Abzüge in der B-Note

Keyless go ist nun bei allen Ausstattungen Serie, leider fehlt auf der neuen Keycard der Knopf um den Ladeanschluss zu öffnen oder das Ladekabel zu entriegeln. Dies geht nun nur noch über einen Knopf am Armaturenbrett. Im Alltag büßt die ZOE damit ein praktisches Komfortmerkmal ein. Auch eher unpraktisch ist, dass die Abdeckung des CCS-Anschlusses mit einer Feder versehen ist und so von selbst wieder zugeht. Um das Auto anzuschließen braucht man zwei Hände und kann nicht einfach die Abdeckung aufklappen und dann den CCS-Stecker in Auto stecken. 

Gewöhnungsbedürftig ist, dass der Fahrwahlhebel – den Renault stylisch „E-Shifter“ nennt, keine P-Stellung mehr hat. Schaltet man das Fahrzeug aus, aktiviert sich automatisch die elektronische Parkbremse. Wer das Auto kurz verlässt und eingeschaltet lässt, weil er etwa ein Garagentor öffnen will, muss daran denken auf N zu schalten und die Parkbremse zu aktivieren. 

In Sachen aktiver Sicherheit muss man bei der ZOE leider auf einen adaptiven Tempomaten verzichten. Ein automatischer Notbremsassistent ist zum Verkaufsstart im November 2019 nicht erhältlich, soll aber später kommen. Das wundert um so mehr, weil der neue Clio bereits beides kann und die neue ZOE schon die nötige Hardware an Bord hat.

Der Blick auf die Aufpreisliste zeigt, dass man die ZOE nun mehr individualisieren kann. Statt wie bisher nur ein paar Features anzubieten, gibt es jetzt für die Ausstattungslinien mehr Extras, wie ein Winterpaket mit Sitz- und Lenkradheizung oder einen teilautonomen Parkassistent und zwei neue Farben.

Emobly meint

Mit der neuen ZOE ZE50 ist Renault ein gelungenes Update der Elektroauto-Pionierin gelungen. Es bleibt abzuwarten, wie die Autobahnverbräuche mit dem neuen Motor sind. Hier waren die Vorgängerinnen jenseits der 110 Stundenkilometer einfach zu energiedurstig. Die neue ZOE kommt zudem gerade rechtzeitig, um der neuen Konkurrenz des PSA Konzerns – Opel Corsa-e, Peugeot e208 und Citroen DS E-Tense etwas entgegenzusetzen.

Die neue ZOE ist ein gutes Auto geworden, das leichte Abzüge in der B-Note bekommt. Aber Renault muss sich ja auch noch Verbesserungspotential für die dann vierte Generation aufbewahren.

Das Preissegment um die 30.000 Euro (inklusive Batterie) wird härter umkämpft und es wird nicht mehr so ein Selbstläufer für Renault wie in den vergangenen Jahren. Renault bietet auch weiter die Batterie zur Miete an, was einen Einstiegspreis von 23.900 Euro möglich macht. In der Topausstattung mit optionalem CCS-Anschluss und Kaufbatterie, kommt die ZOE aber schon auf knapp 37.000 Euro. Und hier üben von auch von oben größere Modelle Druck aus. Denn der Einstiegspreis für Tesla Model 3 Standard Reichweite liegt gerade mal gut 6.000 Euro darüber. Von unten greift der neue VW e-UP mit einem Einstiegspreis von knapp 22.000 Euro inklusive Batterie an und auch mit dem ID3 peilt VW Einstiegspreise um 30.000 Euro an. Es wird also Spannend, ob Renault mit der neuen ZOE seine Spitzenreiterposition halten kann.

Offenlegung: Die Pressereise zur ZOE-Testfahrt nach Sardinien wurde vom Hersteller gezahlt.

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Jana Höffner
Begeisterte Autofahrerin mit starken Suchttendenzen (wenn es eine Straße und Ladestationen gibt, fahre ich mit dem Auto) - seit 2013 inzwischen über 200.000 Kilometer ausschließlich elektrisch. Neben dem Auto ist das Internet und die sozialen Netzwerke mein Zuhause - auch beruflich. Kann spontan Vorträge zu verschiedenen Mobilitätsthemen halten aber auch zu invasiven Neophyten oder Star Trek. Ansonsten Radlerin, Bloggerin (ZoePionierin.de), Vereinsmeierin (Electrify-BW e.V.), Elektroautobauerin (1982er VW Bus), Naturromantikerin und stolze NerdTM.