Praxis-Test: Wasserstoff ist gut, aber Akkus sind besser

Oft heißt es, Wasserstoff-Elektroautos seien besser als Batterie-Elektroautos. Wir hatten unsere Zweifel und haben daher ausnahmsweise mal ein Auto ohne Akku getestet, um uns selbst ein Bild zu machen. Erkenntnis: Die H2-Autos per se sind gut, doch der Wasserstofftraum hat zwei gravierende Haken.

Wir bei emobly sind vom batterieelektrischen Fahren überzeugt. Es ist leise, umweltfreundlich und macht Spaß. In der öffentlichen Diskussion wird aber immer wieder auf Wasserstoff als mögliche Alternative verwiesen, weshalb wir uns zur Abwechslung mal ein Wasserstoffauto besorgt und getestet haben.

Unser Testwagen ist ein Toyota Mirai, den uns Toyota kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Der Mirai ist seit fünf Jahren am Markt, manche Kinderkrankheiten der Technologie sind in moderneren Fahrzeugen vielleicht besser – das konnten wir leider nicht nachprüfen, weil kein anderes Fahrzeug kurzfristig zu bekommen war.

Wie eine Flugzeugturbine

Das Fahrgefühl ist ähnlich dem in einem reinen Elektroauto (kurz: BEV): Es geht schnell vorwärts – kein Geruckel, keine Schaltunterbrechungen. Allerdings fühlt man sich doch ein bisschen wie in einem Verbrenner, denn es gibt eine Art Turboloch: Die Brennstoffzelle muss ihre Leistung erst hochfahren, das geht nicht auf Knopfdruck und dementsprechend ist die Beschleunigung lange nicht so spritzig wie in einem BEV.

Außerdem braucht die Brennstoffzelle für mehr Leistung mehr Sauerstoff, deswegen muss bei Laststeigerung ein Kompressor laufen und der ist doch deutlich zu hören, das Geräusch lässt sich am Ehesten mit dem einer Flugzeugturbine vergleichen (natürlich lange nicht so laut). Wenn man auf Ampelstarts verzichtet und nur moderat beschleunigt, bleibt der Mirai relativ leise. Verwöhnte Elektrofahrer nehmen das war – die Masse der Verbrennerfahrer dürfte das aber gar nicht bemerken.

Oberhalb von Tempo 80 wird die Beschleunigung aber sehr dünn, bis zum Erreichen der Höchstgeschwindigkeit von 185 km/h dauert es gefühlt Minuten. Das können die Elektroautos, die in dem Bereich nicht abgeriegelt sind, deutlich besser. Fairerweise muss man sagen, dass das ein sehr deutsches Problem ist – außerhalb unserer Raser-Republik ist ziemlich irrelevant, wie sich ein Auto oberhalb von 130 km/h verhält.

500 km Reichweite? Nein.

Wir haben verschiedene Fahrstile getestet und gehen von einem Realverbrauch von etwa 1,5 kg Wasserstoff auf 100 km aus. Bei einem 5 kg Tank sind das knapp über 330 Kilometer Realreichweite. In dem Bereich bewegt sich ein ähnlich altes Tesla Model S 90D bei gleicher Fahrweise ebenfalls. Das Argument, man könne mit einem Brennstoffzellenfahrzeug weiter fahren als mit einem reinen Elektroauto, zieht also nicht.

Laut und wuchtig – die Wasserstoff-Tankstelle

Tanken in zwei Minuten? Auch Nein.

Auch die Tankzeiten eines Brennstoffzellenfahrzeugs sind nicht mit denen eines Benziners vergleichbar – obwohl das oft so propagiert wird. Bei unserem Test dauerte der gesamte Tankvorgang zehn Minuten. Das ist zwar schneller, als die 30 Minuten beim Elektroauto, aber deutlich langsamer, als die zwei Minuten beim konventionellen Verbrenner. Außerdem ist die Tankzeit nur beim ersten Auto so kurz, danach muss die Tankstelle erstmal wieder die 700 bar Druck aufbauen. Die Kapazität der aktuell installierten Wasserstofftankstellen wird mit “über vierzig Autos pro Tag” angegeben, mehr als zwei Autos pro Stunde schleust man da also in keinem Fall durch. Zumindest bei aktueller Technik kann man von 30 Minuten pro Tankvorgang ausgehen, sobald mehr als eine Hand voll Wasserstoffahrzeuge unterwegs sind – das ist exakt gleich lang wie bei einem BEV.

Es ist durchaus möglich, stärkere Kompressoren zu verbauen, die den Druck schneller wieder aufbauen, um einen höheren Durchsatz an Fahrzeugen zu erreichen. Solche Tankstellen wären aber entsprechend teurer – womit wir bei einem weiteren Knackpunkt wären: Den Kosten.

Teurer Stoff

Wasserstoff kostet im Moment 9,50 € pro kg. Je nach Fahrweise bewegt man sich also zwischen 10 und 20 € Kraftstoffkosten pro 100 km. Bei diesem Wasserstoff handelt es sich meistens um ein CO2-intensives Abfallprodukt aus der Chemieindustrie (sogenannter grauer Wasserstoff) – wirklich grüner Wasserstoff könnte noch teurer werden. Ein weiterer Preistreiber sind die immensen Kosten für die Tankstellen, denn für Wasserstoff können nicht einfach bestehende Zapfsäulen genutzt werden, es muss immer eine komplett neue Anlage aufgestellt werden und die kostet eine Million Euro oder auch mehr.

Druckbetankung – schnell aber mit langem Vorlauf

Problem Ökobilanz

Selbst, wenn man zugunsten der Wasserstofftechnologie annimmt, dass die Kosten durch Skaleneffekte stärker sinken werden als beim Elektroauto (ziemlich unwahrscheinlich) bleibt die Ökobilanz als Problem. Wasserstoffautos sind in Sachen CO2-Emissonen zwar bedeutend besser als Verbrenner, aber sie kommen eben nicht an reine Elektroautos heran. Das Thema ist aber schon oft genug behandelt worden, deswegen gehe ich hier nicht mehr näher darauf ein, sondern verweise auf den hervorragenden Artikel der Kollegin Jana Höffner.

emobly meint: Wir müssen ganz nüchtern anerkennen, dass Wasserstoffautos funktionieren. Wir sind mit dem Mirai sehr zügig unterwegs gewesen und hatten trotzdem eine akzeptable Reichweite. Die im Vergleich zum Elektroauto schlechtere Beschleunigung ließe sich mit größeren Akkus problemlos erreichen. Im einzelnen Fahrzeug betrachtet ist Wasserstoff definitiv nicht schlecht, aber es ist eben nicht gravierend besser als ein reines Elektroauto, wie so oft behauptet wird. Der Unterschied ist relativ überschaubar, dafür sind Kraftstoff und Infrastruktur aber deutlich teurer und es bleibt vor allem das Problem der schlechteren Ökobilanz. Durch die Wandlung von Wasser zu Wasserstoff, das Tanken und die anschließende Rückwandlung im Auto geht mehr als die Hälfte der eingesetzten Energie verloren.

Wasserstoff sollte deshalb vor allem dort eingesetzt werden, wo Akkus nicht genutzt werden können – also z.B. in LKWs oder Schiffen. In PKW wird die Brennstoffzelle sich unserer Ansicht nach nicht durchsetzen. Auch VW hat das ja erkannt und sagt, zur Erreichung der Klimaziele seien Batterie-Elektroautos der beste Weg.

Selbst der Wasserstoff-Verfechter Toyota will bald eine Elektro-Offensive starten – über die Gründe kann man spekulieren.