Reichweiten – die richtige Strategie macht’s

Fastned Ladestation
© Fastned / Schnellladestation in den Niederlanden

Es ist DAS Thema, mit dem man als Fahrer eines Elektroautos häufig von Noch-Verbrennerfahrern konfrontiert wird: Die Reichweite. Es ist höchste Zeit, hier etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Die Deutschen benötigen quasi gar keine Reichweiten

Die durchschnittliche Pendelstrecke zur Arbeit pro Tag betrug 2016 ganze 34 km (hin und zurück). Das schafft jedes Elektroauto locker, die meisten auch mehrere Tage hintereinander ohne nachladen zu müssen. Wenn es aber ab und an mal auf eine längere Tour gehen soll, ist natürlich mehr Reichweite gefragt. Die Kapazität des Akkus ist dabei wichtig, keine Frage, aber nicht alleine. Auf diese drei Punkte unbedingt achten:

  1. Sehr gutes aktives Thermal-Managementsystem
    Wird ein Fahrzeugakku mit hoher Gleichstrom-Ladeleistung aufgeladen und/oder mit hoher Geschwindigkeit gefahren, so erhitzt sich dieser. Zum Schutz des Akkus muss die Temperatur jedoch immer in einem “gesunden” Temperaturfenster gehalten werden. Ein sehr gutes Thermal-Management erledigt diese Aufgabe vollkommen automatisch und sorgt dafür, dass auch nach 130 km/h auf der Autobahn mehrmals hintereinander schnell geladen werden kann. Beispiele für solche Fahrzeuge: Hyundai Ioniq, Hyundai Kona, BMW i3, Opel Ampera-e. Kurzum: Finger weg von Fahrzeugen ohne sehr gutes Thermal-Management, wenn Schnellladungen stattfinden sollen.
  2. Schnellladung mit CCS
    Das Combined Charging System (Erweiterung des Typ2-Steckers um zwei Gleichstrom-Pins) ist quasi der europäische Standard für Schnellladungen. Es gibt in Deutschland, Österreich und der Schweiz (und in vielen anderen Ländern sowieso) Tausende CCS-Ladepunkte. Der Großteil versorgt das Fahrzeug mit 50 kW Leistung, einige wenige sind auf 20 kW gedrosselt (meist bei Einzelhändlern) und der Großteil der neu aufgebauten unterstützen 150 kW und perspektivisch 350 kW. Mittels CCS kann der Fahrzeugakku idR auf 70-90% sehr schnell aufgeladen werden. Das japanische Schnellladesystem CHAdeMO hat zwar einen guten aktuellen Ausbaustand, aber blickt man in aktuelle Ausbaupläne in Europa, so dominiert CCS. Kurzum: Finger weg von CHAdeMO und ein Fahrzeug mit CCS kaufen (in Kombination mit Punkt 1).
  3. Eine vernünftige Ladestrategie
    Zuerst: “Volltanken” mag bei Diesel und Benzin eine Tankstrategie sein, bei Elektroautos ist es nicht so. Ein Elektroauto lädt man per Wechselstrom (AC) voll, wenn man an einer Destination angekommen ist (kann z.B. auch die heimische Garage) sein. Unterwegs wird so viel aufgeladen, dass man entweder das Ziel erreicht oder den nächsten Schnellladepunkt. Wie unter Punkt 2 erwähnt, laden Fahrzeuge typischerweise bis 70-90% sehr schnell an CCS. Beispiel BMW i3: Dieser kann bis zum Stand von 85% mit 45-48 kW laden, danach sinkt die Ladeleistung rasch auf deutlich unter 20 kW ab. Oder Hyundai Ioniq: Zwischen 20% und 75% kann dieser bis zu 70 kW aufnehmen, bei 90% sind es noch gute 20 kW.

Beispiel aus der Praxis

Der Autor dieses Artikels fährt seit September 2016 einen BMW i3 (Modell 94 Ah). Dieser hat eine realistische Autobahn-Reichweite von 160 km (Außentemperatur >15 Grad, kein stürmischer Gegenwind und Tempo 120 km/h). Um eine Strecke von z.B. 900 km mit dem Fahrzeug zurückzulegen, greife man zu folgender Ladestrategie:

  • Abfahrt mit 100% Akku
  • 1. Schnellader nach 140-150 km
  • Aufladen bis maximal 85% (Dauer max. 30 Min) – 85% entsprechen 130-135 km Reichweite – Liegt der nächste Schnelllader dagegen z.B. in 100 km und der übernächste in 150 km Reichweite, so lädt nicht nicht etwa bis 95%, sondern lediglich bis 65-70% auf, um den Ladepunkt in 100 km zu erreichen
  • Am Ankunftsort wird dann per AC-Destination Lader z.B. über Nacht vollgeladen

Effektiv arbeitet man im Falle des BMW i3 94 Ah also in einem Schnellladebereich, der bis zu 130-140 km Reichweite bringt. Nach 6 bis 7 Ladestopps ist das Ziel in 900 km erreicht, je nach konkreter Distanz zwischen den Ladepunkten. Der Zeitaufwand für das Laden liegt auf dieser Strecke bei rund 3,5 Stunden (inkl. “Overhead”-Zeit wie Rausfahren, An-/Abstecken) – also kommen etwa 1/3 der reinen Fahrtzeit oben drauf.

Bei diesem Beispiel muss man natürlich beachten, dass es sich dabei um ein veraltetes Fahrzeug handelt. Aktuelle Fahrzeuge wie konkret der deutlich günstigere Hyundai Kona bieten etwa 380 km Autobahn-Reichweite, bevor geladen werden muss.

Der Hyundai Kona kommt 45 Minuten früher an

Wie sähe diese 900 km-Tour nun mit dem Kona aus? Nach etwa 4 Stunden Fahrt würde man – so man so lange ohne Pause fahren kann bzw. möchte – den ersten Ladestopp durchführen. An einem 50 kW Ladepunkt lädt der Kona binnen 30 Minuten etwa 35% auf, was für 140 km reichen wird. Tatsächlich aber lohnt es sich im Fall des Kona, nun nicht abzustecken, sondern weiter zu laden bis 70% Akkustand erreicht sind, also gut eine Stunde (ideal für ein Mittagessen). Anschließend kann man rund 280 km weit fahren und muss dann einen zweiten Ladestopp mit 60 Minuten Dauer einlegen und dann noch einen kurzen dritten von rund 15 Minuten Dauer. Der zweite Stopp kann natürlich auch verkürzt und dafür der dritte verlängert werden, falls man nicht ein zweites Mal eine Stunde laden will. Fazit: Der Kona benötigt insgesamt eine Ladezeit von unter drei Stunden für die gleiche Strecke (wieder inkl. “Overhead”). Würde der Kona nun nicht an 50 kW-Ladepunkten, sondern ausschließlich mit 80 kW geladen, würde sich die Ladezeit um etwa 55 Minuten verkürzen.

Fazit / Tipps

  • Nur Fahrzeug mit gutem Akku-Thermomanagement und CCS kaufen
  • “Volltanken”-Mentalität ablegen
  • Schnellladungen nur im optimalen Bereich durchführen
  • Dankbar sein für Ladepausen – sie fördern Gesundheit und erhöhen die Sicherheit