Wohnwagen und Elektroauto – teuer, aber möglich

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Bild: Norsk Elbilforening
Bild: Norsk Elbilforening

Das Verreisen mit dem eigenen Wohnwagen erfreut sich seit einiger Zeit rapide steigender Beliebtheit. Die aktuellen Unsicherheiten aufgrund der Covid-19 Pandemie beschleunigen den Trend zum Caravan-Urlaub zudem. Es stellt sich die Frage, ob ein Wohnwagen auch elektrisch gezogen werden kann.

Nur vier elektrische Zugfahrzeuge bestellbar

Die schlechte Nachricht vorweg: Unter 70.000 Euro Neupreis ist kein lieferbares elektrisches Zugfahrzeug zu bekommen. Der Markt ist noch sehr überschaubar: Es gibt lediglich vier Fahrzeuge, die überhaupt einen Standard-Wohnwagen ziehen können: Das Tesla Model X, der Audi e-tron, der Mercedes-Benz EQC und demnächst der etwas günstigere Polestar 2. Zwar gibt es auch für andere Elektroautos Anhängerkupplungen, aber diese in der Regel nur für einen Fahrradträger geeignet (z.B. beim Hyundai Ioniq) oder sehr limitiert in der Zuglast (z.B. das Tesla Model 3 mit 910 kg).

Das Model X Long Range von Tesla wird serienmäßig mit einer abnehmbaren Anhängerkupplung ausgeliefert, die stolze 2.250 kg an den Haken nehmen darf (Stützlast 90 kg). Das reicht auch für große Wohnwagen aus, hat aber seinen Preis: Bei 92.680 Euro geht es los. Dafür erhält man einen 100 kWh großen Akku, der eine WLTP-Reichweite von 506 km bietet. Aber: Von einer Realreichweite von 400-420 km bleiben mit einem 1,5-1,8 Tonnen schweren Wohnwagen gut 220-230 km Reichweite übrig.

Für den Audi e-tron quattro 55 (ab 80.900 Euro) ist eine Anhängerkupplung optional erhältlich. Diese kostet 790 Euro und erlaubt 1.800 kg Anhängelast (Stützlast 80 kg). Unter WLTP-Bedingungen erlaubt der 95 kWh-Akku eine Reichweite von 436 Kilometern, die unter realen Bedingungen auf um die 280-300 Kilometer schrumpft. Mit einem Wohnwagen am Haken werden 200 Kilometer nicht mehr zu erreichen sein.

Auch der Mercedes-Benz EQC 400 (ab 71.000 Euro) kann mit Anhängerkupplung (Aufpreis 1.142 Euro) bestellt werden, die 1.800 kg ziehen darf (72 kg Stützlast). Aus gut 300 Kilometern Praxisreichweite werden aber auch hier ganz schnell unter 200 Kilometer mit einem Wohnwagen im Schlepp.

Abseits der sofort lieferbaren drei SUV soll noch 2020 die Limousine Polestar 2 (ab 58.000 Euro) mit einer optionalen Anhängerkupplung ausgeliefert werden (Aufpreis 1.100 Euro). Diese darf dann 1.500 kg ziehen (90 kg Stützlast). Ohne Anhänger erreicht der Wagen eine WLTP-Reichweite von 470 Kilometern. Noch gibt es hier keine Erfahrungswerte mit Wohnwagen hinten dran, aber die Reichweite im Gespann dürfte bei 220-240 Kilometer liegen.

Geringere Reichweite, veränderte Ladestrategie

Grob kann man sagen, dass sich die Reichweite im Gespann um etwa 40-50% reduziert. Die tatsächlichen Werte hängen natürlich sehr stark von der Topographie, aber insbesondere auch von den Windverhältnissen am Reisetag selbst ab. Auch die gewählte Geschwindigkeit spielt eine Rolle – es kann sinnvoll sein, trotz 100 km/h-Zulassung des Anhängers lediglich 80-90 km/h zu fahren, abhängig eben von Strecke und Wetter am Reisetag.

So oder so werden bei längeren Strecken mehr Ladestopps notwendig sein als ohne Wohnwagen dran. Die Ladevorgänge selbst verlaufen unverändert, die Zuglast hat keine Auswirkungen auf die Ladegeschwindigkeit. Aber mit einem Ärgernis wird man schnell und häufig konfrontiert: Die allermeisten Schnell-Ladestationen sind nicht für Gespanne konzipiert und so kann man sich entweder “kreativ” hinstellen und somit zig Parkplätze in der Umgebung blockieren (am Fahrzeug bleiben, um reagieren zu können!) oder aber den Wohnwagen stets ab- und ankuppeln, was Zeit kostet und – vor allem bei schlechtem Wetter – nervig sein kann. Eine Ausnahme bildet in der Regel der Anbieter FASTNED: Hier sind die Stationen so konzipiert, dass wie bei einer Tankstelle im Gespann angefahren und geladen werden kann. In Norwegen und Schweden hat Tesla zahlreiche Supercharger ebenfalls Gespann-tauglich gebaut. Im restlichen Europa ist dies leider nicht der Fall.

Lesetipp: Der norwegische Elektroautoverband (“Elbilforening”) hat Tesla, Audi und Mercedes inkl. Caravan getestet. Hier geht es zur Original-Fassung in norwegischer Sprache und hier gibt es eine englische Zusammenfassung.

Fazit: Mit Geld und Zeit geht es

Wer die notwendigen finanziellen Mittel hat und eine längere (aber Dank der Stopps sicher entspanntere) Anreise nicht abschreckend findet, kann den Wohnwagen-Urlaub rein elektrisch starten. Für die Mehrheit der Caravan-Urlauber ist diese Option jedoch schon alleine preislich nicht realisierbar. Hat man das Geld, so führt derzeit am Tesla Model X als Zugfahrzeug kein Weg vorbei, Reichweite und Supercharger-Netz sind hier am besten. Der Polestar 2 könnte eine spannende Alternative außerhalb des SUV-Segments werden. Günstig ist aber auch er nicht.